05. Oktober 2008 Die schwer angeschlagene Münchner Großbank Hypo Real Estate kämpft abermals ums Überleben. Ein vergangene Woche zugesagtes Rettungspaket von Bundesregierung und Finanzsektor von 35 Milliarden Euro sei derzeit nicht länger gültig, teilte die Bank mit. Andere Banken hätten auch eine rasche Liquiditätshilfe in Milliardenhöhe zurückgezogen.
Damit droht die bislang größte Rettungsaktion für eine Bank in der deutschen Finanzgeschichte zu scheitern. Noch am Freitag hatte es dagegen geheißen, das Hilfspaket sei gesichert. Die Hypo Real Estate prüft nun nach eigenen Angaben die Konsequenzen für die Einheiten des Konzerns. Es werde nach alternativen Maßnahmen gesucht. Ein Sprecher sagte, es gebe Signale, dass Irland erwäge, die für die Krise verantwortliche in Dublin sitzende Tochtergesellschaft Depfa zu stützen.
Lösung bis spätestens Montag Nacht
Die Zeit für eine Rettung bemisst sich jedoch offenbar nur noch in Stunden. Spätestens in der Nacht zum Montag muss eine Lösung gefunden werden, hieß es in Finanzkreisen. Andernfalls drohe der Hypo Real Estate in der kommenden Woche die Zahlungsunfähigkeit. Ohne die Liquiditätshilfe geht es nicht, hieß es.
Ein Zusammenbruch der Hypo Real Estate könnte nach Einschätzung von Experten wegen der starken Verflechtung in der Finanzbranche zu einer allgemeinen Bankenkrise in Deutschland führen. Die Bundesbank und die Finanzmarktaufsicht Bafin hatten vergangene Woche vor unabsehbaren Folgen für das gesamte deutsche Finanzsystem gewarnt, falls die Bank kollabieren sollte. Die Bundesregierung wollte sich am Samstagabend zunächst nicht zu der Krise äußern. Auch der Bankenverband lehnte eine Stellungnahme ab.
Steinbrück sei mitverantwortlich
Ausschlaggebend für den Rückzieher der Retter war offensichtlich, dass die Hypo Real Estate mehr Geld braucht als bislang angenommen. Die Planungsannahmen haben sich im Laufe der vergangenen Woche verändert hieß es. Der vor einer Woche festgestellte Kreditbedarf von 35 Milliarden Euro bis Ende 2009 sei voraussichtlich nicht ausreichend. Am Samstag kursierten Schätzungen, wonach die Bank allein dieses Jahr bis zu 50 Milliarden Euro benötige. Bis Ende 2009 könnten sogar bis zu 100 Milliarden Euro notwendig werden.
Die Finanzindustrie versucht offenbar Druck auf Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) auszuüben, um diesen zu einer noch stärkeren Risikoübernahme als ohnehin vorgesehen, zu bewegen. Wenn die Hypo Real Estate gerettet werden soll, muss die Bundesregierung den Banken wahrscheinlich zusätzliche Sicherheiten bieten, hieß es. Zugleich werfen Bankmanager Steinbrück vor, er und sein Ministerium hätten in der vergangenen Woche durch widersprüchliche Aussagen zur Zukunft der HRE an den Finanzmärkten für weitere Verunsicherung gesorgt. Steinbrück sei deshalb mitverantwortlich für das Scheitern des Rettungspakets.
Unterdessen lehnten europäische Spitzenpolitiker am Samstagabend auf einem Sondergipfel in Paris den umstrittenen gemeinsamen Hilfsfonds zur Stützung der Banken ab. Wie von Deutschland gewünscht, solle jedes Land seine Banken mit seinen eigenen Mitteln schützen, sagte der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Man werde sich jedoch untereinander abstimmen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AFP, AP
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