Nach Lehman-Pleite

Finanzmarkt am Abgrund

Von Holger Steltzner

Trostloser Ausblick: Ein Mitarbeiter sieht durch ein Fenster der Investmentbank Lehman Brothers

Trostloser Ausblick: Ein Mitarbeiter sieht durch ein Fenster der Investmentbank Lehman Brothers

16. September 2008 Das moderne Finanzsystem durchläuft einen Stresstest, wie man ihn noch nicht erlebt und wie ihn niemand erwartet hat. Jetzt rollt die fünfte Schockwelle über die Finanzmärkte; sie ist größer und wuchtiger als alle vorherigen. Zwei Wochen nach der Verstaatlichung des halben Marktes für Wohnungsdarlehen in den Vereinigten Staaten geht mit Lehman Brothers die drittgrößte amerikanische Investmentbank in die Knie, flüchtet das traditionsreiche Institut Merrill Lynch in die Arme der Bank of America, wackelt die weltgrößte Versicherung AIG. Profis in den Handelssälen blicken in den Abgrund, und der „kleine Mann“ fragt sich, ob sein Geld noch sicher ist. Der Weltfinanzmarkt bricht nicht zusammen, aber er wird nach der Krise nicht mehr derselbe sein wie zuvor.

Bislang sind notleidende Banken vom Staat gerettet worden. Mehrere Regierungen haben eingegriffen, um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Die Bundesregierung hat 9,2 Milliarden Euro für die Rettung der privaten Bank IKB ausgegeben, für die Hilfen für die Landesbanken muss der Steuerzahler zusätzlich aufkommen. Die britische Regierung hat die Hypothekenbank Northern Rock verstaatlicht. Und die amerikanische Regierung hat mit einem Notkredit zuerst die Investmentbank Bear Stearns gerettet und danach die Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac faktisch übernommen. Nun scheint jedoch die amerikanische Regierung nicht länger gewillt, jede Bank, die sich verspekuliert hat, herauszupauken.

Was, wenn sich die Lage weiter zuspitzt?

Ob das lange gilt? Was passiert, wenn sich die Lage weiter zuspitzt? Bevor alles zusammenbricht, dienen Staat und Notenbank weiter als letzter Rettungsanker. Aber es muss nicht jedem Institut geholfen werden. Wenn die Kraft aufgebracht wird, auch mal eine Bank pleitegehen zu lassen, dürfte den Politikern der Applaus der Wähler sicher sein. Denn kaum ein Amerikaner, Brite oder Deutscher versteht, warum er mit seinem Steuergeld für Verluste von Finanzhäusern haften soll, die von ebenso renditehungrigen wie hochbezahlten Investmentbankern in den Ruin getrieben wurden.

Es ist an der Zeit, die Anreize in der Finanzwelt zu hinterfragen. Manager von Investmentbanken, Hedge-Fonds und Beteiligungsgesellschaften sind an den Gewinnen stark beteiligt; hingegen müssen die Verluste von Aktionären, Investoren der Fonds, Gläubigern oder der Allgemeinheit getragen werden. Das Verhältnis von Chance und Risiko war früher ausgewogener. Als das Hochfinanzgeschäft noch in Form von Partnerschaften organisiert war, teilten sich die Partner die Gewinne, hafteten aber auch für die Verluste. Dadurch verloren sie auf der Jagd nach Rendite die Risiken nicht aus den Augen.

Es gibt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera

Die Finanzmarktkrise hat ihren Ursprung in einer großen Spekulationsblase auf dem amerikanischen Häusermarkt, aus der eine Vertrauens- und Liquiditätskrise unter Banken wurde. Daraus folgte eine Kreditklemme mit steigenden Kosten für Gläubiger, was schließlich in einen Wirtschaftsabschwung mündete. Weil der Schrumpfungsprozess am Immobilienmarkt noch nicht abgeschlossen ist und die Bankbilanzen noch nicht bereinigt sind, wird es keine schnelle Erholung der Märkte geben. Amerikas Banken haben bislang 250 Milliarden Dollar an Wertberichtigungen vorgenommen und für 180 Milliarden Dollar Eigenkapital aufgenommen. Das Potential für weitere Wertberichtigungen wird auf 500 Milliarden Dollar geschätzt. Wer gibt den Banken Kapital, um diese Einbußen abzudecken? Wer neue Aktien kauft, der schützt zuerst die Gläubiger einer Bank besser gegen das Ausfallrisiko. Deshalb nehmen auch die Staatsfonds aus Asien oder Arabien inzwischen nicht mehr gern an der Kapitalerhöhung einer Wall-Street-Bank teil.

Es gibt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder bekommen die notleidenden Institute Zeit für langsamere Wertberichtigungen, oder der Staat muss sie im Fall schockartiger Entwicklungen rekapitalisieren – also Banken verstaatlichen, so wie es Japan nach dem Platzen der dortigen Immobilienblase gemacht hat. Solch trübe Aussichten erschüttern das Vertrauen in die Finanzmärkte und lassen Zweifel an der Selbstregulierung wachsen. Es liegt nahe, ein Versagen des Marktes zu vermuten. Allerdings regiert auch in der Finanzwelt nicht der Markt allein – der Staat ordnet und reguliert mit. Es war das politische Ziel, aus Amerika ein Land der Hauseigentümer zu machen. Politiker haben hierfür Fannie und Freddie erfunden. Beide sind durch Steuervorteile und Staatsgarantien so groß geworden, dass sie nicht umfallen durften. Die amerikanische Notenbank spielte mit, sie öffnete die Geldschleusen und sorgte für rekordniedrige Zinsen.

Sobald sich der Sturm gelegt hat, wird man über die Spielregeln reden. Größe oder Vernetzung von Banken dürfen nicht länger automatisch die Risikoübernahme durch den Staat rechtfertigen, die Kosten sollten nicht einfach sozialisiert werden. Und Notenbanken sollten nicht länger ihre Augen vor Preisblasen an Vermögensmärkten verschließen, sondern früher eingreifen, anstatt zum Schluss die Rechnung auf Kosten der Allgemeinheit zu übernehmen.

Text: F.A.Z.

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