Maschinenbau

Mit halber Kraft

Von Holger Paul

Arbeiten an einem Siemens-Turbinenrotor

Arbeiten an einem Siemens-Turbinenrotor

04. Juli 2009 Die Reise ins italienische Piemont Anfang nächster Woche wird für Rüdiger Kapitza zweifellos einer der Höhepunkte des Jahres werden. Zwar muss der Vorstandsvorsitzende des Bielefelder Werkzeugmaschinenbauers Gildemeister mit leichtem Regen rechnen, wenn er seine Gäste und Kunden am Dienstag durch die neuen Werkshallen am Standort Tortona führen wird. Aber bei angenehmen 24 Grad – so man der Wetterprognose glaubt – lässt es sich gut über hochautomatisierte Drehmaschinen, verbesserte Produktionsabläufe oder die ersten Früchte aus der im März verkündeten Kooperation zwischen Gildemeister und dem japanischen Konkurrenten Mori Seiki plaudern.

Der Umbau des Standorts Tortona war die letzte Großinvestition, die Gildemeister im vergangenen Jahr vor Ausbruch der schweren Branchenkrise beschlossen hat, und sie wird so schnell wohl keinen Nachfolger finden. Denn gerade die Werkzeugmaschinenbauer leiden in ihrer hohen Abhängigkeit von der Auto- und Investitionsgüterindustrie besonders stark unter der globalen Wirtschaftsflaute. Während der gesamte Maschinenbau mit seinen fast 40 Sparten für dieses Jahr „nur“ einen Produktionsrückgang um bis zu 20 Prozent erwartet, müssen sich die Hersteller von industriellen Dreh-, Fräs- oder Bohrmaschinen auf ein Minus von bis zu 40 Prozent einstellen. Auch im Mai führten sie wieder die Rangliste der größten Orderrückgänge (minus 67 Prozent gegenüber dem Vorjahr) an. Und es könnte noch schlimmer kommen, falls die Auftragsflaute im Maschinenbau nicht spätestens in diesem Herbst durch eine zumindest leichte Brise neuer Bestellungen ersetzt wird.

Zurück zum Produktionsniveau von 1999

Die Werkzeugmaschinenhersteller könnten 2009 auf das Produktionsniveau des Jahres 1999 zurückfallen, unkt ihr Dachverband VDW. Ganz so schlimm sei die Lage nicht, entgegnet Robert Hartinger, der Deutschland-Chef des schwedischen Präzisionswerkzeugbauers Sandvik Coromant. Noch könnten viele Maschinenbauer von den Auftragsbeständen der Rekordjahre 2007 und 2008 zehren. „Das garantiert bis zum Jahresende einen Grundstock an Geschäften“, sagt Hartinger, der die Branche genau kennt, weil sein Haus einer der wichtigsten Zulieferer für andere Maschinenbauer ist. Er sieht die Industrie in ihren Produktionswerten daher „nur“ um vier bis fünf Jahre zurückgeworfen. Die viel wichtigere Frage allerdings, über die sich alle Beteiligten derzeit den Kopf zerbrechen, lautet: Wird es in einigen Monaten nur eine zähe, blutleere Erholung geben oder erholt sich der Maschinenbau, wie schon nach früheren Wirtschaftskrisen, rascher als erwartet?

Im Augenblick gibt es dafür keine halbwegs gesicherte Antwort, weil die Branche nach acht Monaten in Folge mit zum Teil extrem stark rückläufigen Auftragseingängen nicht einmal weiß, wie tief es noch hinuntergeht. Man klammert sich an die jüngsten konjunkturellen Frühindikatoren und an das, was man von Kollegen und Wettbewerbern zugerufen bekommt: dass aus China und Brasilien wieder ein paar neue Aufträge hereinkommen oder dass auf den Messen immer noch viel Interesse an den Geräten aus deutscher Fertigung bestehe.

Das große Wehklagen ist bislang ausgeblieben

Auf der Ligna, der Fachmesse für Holzbearbeitungsmaschinen in Hannover, sei unlängst „eine hohe Anfragetätigkeit der Kunden“ verzeichnet worden, sagt Manfred Wittenstein, der Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). In zahlreichen neuen Aufträgen hat sich dieses Interesse aber noch nicht ausgewirkt. „Das geschieht erst, wenn wieder mehr Sicherheit ins Geschäft kommt“, sagt Wittenstein, der die Probleme auch in seinem eigenen Unternehmen zu spüren bekommt. „Es ist eine sehr kontroverse Situation. Ich habe einige GmbHs, die immer noch um 100 Prozent wachsen, während andere Bereiche um 30 Prozent eingebrochen sind“, sagt er.

Auf der diesjährigen Industriemesse in Hannover hatte der Verband Ende April noch die ermutigende Botschaft ausgegeben, dass die Talfahrt der Auftragseingänge zur Jahresmitte beendet sein dürfte. Jetzt sagt Hannes Hesse, der Hauptgeschäftsführer des VDMA: „Wir haben von den Auswirkungen der Krise das Schlimmste noch nicht gesehen.“ Er hoffe zwar immer noch, dass sich die Lage über die Sommermonate hinweg entspanne. Aber: „Es wird wohl drei bis vier Jahre dauern, bis wir zumindest den Zustand der Jahre 2006/07 wieder erreichen“, räumt Hesse ein. Vom Rekordjahr 2008, als die deutschen Maschinenbauer ihren Produktionswert noch einmal um knapp 9 Prozent auf 195 Milliarden Euro steigern konnten, redet niemand mehr.

Ohne Maschinenbau steht alles still, heißt es

Das große Wehklagen ist in der Branche bislang dennoch ausgeblieben. Die Stimmung sei „erstaunlich ruhig“, berichtet Hesse, nachdem sich dieser Tage zahlreiche Unternehmenschefs zur Vorstandssitzung im VDMA eingefunden hatten. Das mag an der allgemeinen Mentalität des Ärmelhochkrempelns in der Branche liegen, mit der schon einige Krisen überstanden wurden, oder an dem erstarkten Selbstbewusstsein. Die neuen Rivalen aus China oder Indien hätten ja noch gar keine Übung darin, wie man mit so schwierigen Konjunkturphasen umgeht, heißt es. Und ohne die Maschinenbauer stehe rund um den Globus sowieso alles still.

Nur zu gerne verweist die Branche darauf, dass gerade im Heimatland ihre Bedeutung in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Deutschland zählt zu den wenigen Industrienationen, in denen das Verarbeitende Gewerbe wieder an Bedeutung für die Gesamtwirtschaft gewonnen hat. Der direkte Wertschöpfungsanteil ist laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) inzwischen auf 23,4 Prozent gestiegen, zusammen mit den Vorleistungen auch für den Dienstleistungssektor kommt das Verarbeitende Gewerbe sogar auf einen Anteil von 45 Prozent der Wertschöpfung. Und der Maschinenbau nimmt dabei eine tragende Rolle ein.

Ein nur „zögerliches Wachstum“ erwartet

Die hohe Abhängigkeit von der Industrie lässt die deutsche Wirtschaft nun zwar besonders stark unter der globalen Krise leiden, dafür werde sie im nächsten Aufschwung aber auch überproportional profitieren, sagt Stefan Mütze, Ökonom der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Allerdings: Gerade die Kunden der Maschinenbauer haben in den vergangenen Jahren ihren Gerätepark umfangreich erweitert oder modernisiert und benötigen daher auf absehbare Zeit keine neuen Anlagen mehr. Deshalb werde der Maschinenbau zunächst wohl nur ein „zögerliches Wachstum“ aufweisen, erläutert Mütze.

Doch in der Branche setzt man darauf, technologisch an der Spitze der Konkurrenz aus aller Welt zu stehen. Und gerade solche Anlagen sollten im nächsten Aufschwung gefragt sein, damit etwa die Amerikaner ihre neuen Klimaschutzpläne auch realisieren können, heißt es. „Die großen Aufgaben wie die Versorgung der Welt mit Treibstoffen und Chemikalien unter besserer Nutzung der Ressourcen werden auch durch die Wirtschaftskrise nicht verschwinden“, sagt Dieter Grabenbauer, Mitglied der Geschäftsführung des Anlagenbauers Lurgi. „Innovation und Qualität ist eine Stärke der hiesigen Maschinenbauer, die von Dauer ist“, zeigt sich auch Hannes Hesse sicher.

Die Kapazitäten müssen reduziert werden – und das kostet Stellen

Der strategische Weitblick darf allerdings nicht von den aktuellen, dringend zu lösenden Problemen ablenken. Zum einen müssen viele Maschinenbauer nun eine Entscheidung treffen, wie stark sie ihre Kapazitäten für die kommenden Monate oder gar Jahre reduzieren wollen, und entsprechende Personalpläne beschließen. Denn die Arbeitszeitkonten sind inzwischen leer geräumt, alle Leiharbeiter wurden längst nach Hause geschickt, und die Zahl der Kurzarbeiter dürfte sich seit der letzten Erhebung (158 000 Menschen, Ende März) auch nochmals erhöht haben. Die großen Konzerne sind die nächsten Schritte vielfach schon gegangen: die Bochumer Gea-Gruppe will 1900 Stellen streichen und dabei bis zu 800 Kündigungen aussprechen, der Pressenhersteller Schuler hat den Abbau von 600 Arbeitsplätzen (darunter auch Kündigungen) angekündigt, bei Gildemeister fallen unter dem Strich einige hundert Stellen weg und auch die Hamburger Körber-Gruppe oder der Augsburger Roboterhersteller Kuka haben schon umfangreiche Personalmaßnahmen angekündigt.

Viele kleinere Unternehmen zögern dagegen noch mit vermutlich unausweichlichen Stellenstreichungen, weil man vielerorts zu den wichtigsten Arbeitgebern der Kommune gehört und sich den guten Ruf nicht zerstören will. Die Fehler aus vergangenen Krisen, als Fachkräfte zu schnell und in zu großer Zahl abgebaut wurden, sollen dieses Mal vermieden werden. Doch wer zu lange zögert, setzt in der aktuellen Rezession vielleicht sogar das ganze Unternehmen aufs Spiel. „Kapazitätsanpassungen wird es geben müssen“, betont Hesse. Im Frühjahr hatte man im Verband noch gehofft, dass es höchstens 25 000 der insgesamt knapp 1 Million Mitarbeiter in den Stammbelegschaften treffen wird, inzwischen ist schon von 50 000 bis 60 000 Entlassungen die Rede. Und die Zahl könnte am Ende noch größer ausfallen.

Klumpenrisiko im Kreditportfolio

Zum anderen gilt es, sich für die bevorstehenden Monate mit ausreichend Kapital zu versorgen. Zwar haben viele Betriebe die vergangenen guten Jahre dazu genutzt, die Eigenkapitalquote wieder aufzustocken, in der Branche hat sie im Schnitt einen respektablen Wert oberhalb der 30-Prozent-Marke erreicht. Doch die Unternehmen sollten ihre Kreditlinien schon jetzt verlängern, damit sie ihre Finanzierung bis Ende 2010 sicherstellen können, mahnt Josef Trischler, Mitglied der Hauptgeschäftsführung im VDMA. Denn im Herbst werde eine Kreditverknappung aufgrund der vielen noch ungelösten Probleme in den Bankenbilanzen wahrscheinlich. Das Problem dabei sei nur, dass viele Banken den Maschinenbauern schon jetzt immer mehr Steine in den Weg legten, heißt es in der Branche. Plötzlich würden Sicherheiten verlangt, auch persönliche, die weit über das übliche Maß hinausgingen. Schlimmer noch: Bestehende Kreditlinien würden über Nacht gekürzt, auch bei den regionalen Volksbanken und Sparkassen, weil man die Maschinenbauer inzwischen als Klumpenrisiko im Kreditportfolio einstufe.

Und selbst die gut wirtschaftenden Firmen hätten nun Ärger mit ihren Hausbanken, heißt es im Verband. Kleine Kreditsummen von einigen wenigen zehntausend Euro würden nicht vergeben, weil den Banken der Bearbeitungsaufwand zu groß sei. „Aber auch Unternehmen mit dicker Eigenkapitaldecke haben Schwierigkeiten, sich für das Neugeschäft Liquidität zu besorgen. Sie bekommen von vielen deutschen Banken derzeit keine längerfristigen Kredite, insbesondere über drei Jahre hinaus“, bemängelt VDMA-Hauptgeschäftsführer Hesse.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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