Krise in der IT-Branche

Konsum eingestellt

Von Carsten Knop und Johannes Winkelhage

Nicht nur Intel schaut besorgt in die Zukunft

Nicht nur Intel schaut besorgt in die Zukunft

13. November 2008 So klingen ernüchterte Manager: „Die Tumulte an den Finanzmärkten in den letzten sechs Wochen sind beispiellos. Die Abschwächung der Weltwirtschaft wird alle Geschäftsbereiche von Applied Materials erheblich belasten.“ Mike Splinter, der Vorstandsvorsitzende von Applied Materials, einem der größten Hersteller von Maschinen zur Herstellung von Computerchips, findet keine angenehmeren Worte, um die Lage zu beschreiben, in der nun auch die Anbieter von Informationstechnologie (IT) stecken.

Für einen der größten Kunden von Splinter sieht es entsprechend schlecht aus: Intel, mit einem Anteil von rund 80 Prozent der weltmarktführende Hersteller von Mikroprozessoren für Personalcomputer (PC), erwartet im laufenden Quartal einen Umsatz, der um 14 Prozent unter den Erwartungen liegen wird.

„Wenn der Umsatz so tief fällt, heißt das, die Menschen haben ihren Konsum vor den Feiertagen im Wesentlichen eingestellt“, kommentierte ein amerikanischer Analyst die Prognoseanpassung von Intel, die mit einer Umsatzlücke von mehr als 1 Milliarde Dollar gleichzusetzen ist. Schon in der vergangene Woche hatte Cisco Systems, der größte Hersteller von Computer-Netzwerktechnik, von einem sehr schlechten Geschäft im Oktober gesprochen.

Wachstumsschwäche kostet Arbeitsplätze

Aber nicht nur in Amerika ist die Stimmung mies. Auch die deutschen IT-Unternehmen bekommen die Krise zu spüren. Das geht aus den Untersuchungen des Branchenverbandes Bitkom hervor, die am Donnerstag vorgestellt wurden. „Bisher gingen wir von einem Plus von 1,5 Prozent für das kommende Jahr aus“, sagte Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer. „Das werden wir nicht halten können. Es wird nur ein Ergebnis knapp über Null geben.“ Auf eine genaue Prognose wollte er sich lieber nicht festlegen.

Die Wachstumsschwäche kostet Arbeitsplätze: Applied Materials kündigte nach dem von Splinter beklagten Gewinneinbruch die Streichung von 1800 Stellen an, was rund 12 Prozent der Belegschaft entspricht. In den vergangenen drei Monaten hat Applied Materials nur noch gut halb so viel wie vor einem Jahr verdient. Der Umsatz sank um 13 Prozent auf rund 2 Milliarden Dollar. Das Unternehmen hatte schon im Januar 1000 Stellen gestrichen. Der Aktienkurs von Applied Materials ist seit Jahresbeginn um 40 Prozent eingebrochen.

Auch bei Microsoft deuten sich Einbußen an

Intel reduzierte seine Umsatzerwartungen für das vierte Quartal auf rund 9 Milliarden Dollar. Im dritten Quartal hatte Intel noch einen Erlös von 10,2 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Die Nachfrage bleibe in allen Regionen und Marktsegmenten hinter den Erwartungen zurück, teilte das Unternehmen mit. Auch die Prognose für die Bruttogewinnspanne senkte der Konzern deutlich. Der Kurs der Aktie stand danach unter Druck. In den vergangenen zwölf Monaten hat das Papier fast die Hälfte des Wertes verloren.

Die Zahlen von Intel gelten als Stimmungsbarometer für die Branche, weshalb jetzt auch bei anderen Unternehmen mit Einbußen gerechnet wird – und das nicht zuletzt bei Microsoft, dem größten Softwarekonzern der Welt, bei dem vor allem der Verkauf des Betriebssystems „Windows“ eng mit dem Absatz an neuen PC verknüpft ist. Analysten hatten mit einer Reduzierung der Intel-Prognose zwar gerechnet, jedoch nicht in diesem Ausmaß. Nun müsse man sich auf neue Realitäten einstellen, sagte Analystin Taunya Sell von der Bank Wells Fargo: „Natürlich wird das auch Auswirkungen auf Microsoft im PC-Markt haben.“

Sinkende Preise in der Telekombranche

Auch der Chiphersteller National Semiconductor schraubte seine Umsatzprognose für das laufende Quartal herunter und kündigte den Abbau von 330 Stellen und damit fast 5 Prozent der Belegschaft an. Das Marktumfeld und die Auftragseingänge hätten sich seit Beginn des laufenden Quartals erheblich verschlechtert, teilte der Konzern mit. Besonders die Geschäfte der Sparte, die Chips für Mobiltelefone herstellt, seien schwächer verlaufen.

Das Bild spiegelt sich in Deutschland. Dort geht Bitkom-Präsident Scheer nur für die Segmente Software und IT-Dienstleistungen noch von einem Wachstum aus. Für die Telekommunikation und die Computer-Hardware rechnet er mit einem Umsatzminus – das aber nicht allein durch die Finanzkrise sondern vor allem durch den weiterhin kräftigen Preisverfall in diesen Bereichen verursacht wird. „Telefoniert wird immer. Aber zu niedrigeren Preisen“, sagte Scheer. Entsprechend melden auch nur 2 Prozent der Telefonanbieter, dass sie schon Folgen der Krise zu spüren bekommen.

Deutlicher Stimmungsknick

Beunruhigend ist nach Ansicht von Beobachtern diesseits und jenseits des Atlantiks vor allem die bemerkenswerte Geschwindigkeit, mit der sich die Stimmung in der IT-Branche eintrübt. So haben zwei Befragungen, die der Bitkom im Abstand von wenigen Wochen erstellt hat, einen deutlichen Stimmungsknick gezeigt. Während Mitte Oktober erst 13 Prozent der befragten Unternehmen angaben, dass sie weniger Umsatz oder weniger neue Aufträge als erwartet verzeichnen, stieg dieser Wert bis Anfang November auf 27 Prozent an. „Vor allem große Unternehmen sind davon betroffen“, sagte Scheer. „Von diesen Betrieben mit mehr als 50 Millionen Euro Umsatz spüren schon 42 Prozent die Krise.“

Ein Konjunkturprogramm, wie es von anderen Branchen gefordert wird, lehnt Scheer für die IT- und Telekommunikation ab. „Es wäre aber hilfreich, wenn der Bund die schon geplanten öffentlichen Initiativen zur Informationstechnik endlich umsetzen würde.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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