Von Susanne Preuß und Michael Roth
06. Dezember 2008Vor vier Wochen war die Welt in Blaubeuren noch in Ordnung. Adolf Merckle war der reichste Mann am Ort. Weil das immer schon so war, konnte der Milliardär mit dem Fahrrad durch das beschauliche Städtchen auf der Schwäbischen Alb fahren, ohne dass ihm jemand groß Beachtung schenkte. Mit der Idylle aber ist es vorbei.
Der 74 Jahre alte Adolf Merckle, der mit seinem freundlichen Lächeln einen prima Bilderbuchopa abgäbe, ist das prominenteste Gesicht der Finanzkrise. Einen dreistelligen Millionenbetrag hat Merckle mit VW-Aktien verzockt, und noch viel mehr Geld fehlt, weil die kreditfinanzierte Expansion des Familienimperiums nicht so wetterfest war, dass sie eine handfeste Finanzkrise überstehen kann.
Jetzt steht Adolf Merckle vor den Trümmern seines Lebenswerks. Seit Wochen wird laufend mit den Banken verhandelt. Um die Geldnöte ein für alle Mal zu beseitigen, wird Merckle zumindest Ratiopharm opfern müssen und wahrscheinlich auch den Pharmagroßhändler Phoenix. Vielleicht wird er auch die Kontrolle über Deutschlands größten Baustoffkonzern Heidelberg-Cement verlieren.
Alles zu verlieren ist für Adolf Merckle keine neue Erfahrung. Er war gerade erst elf Jahre alt, als das Stammhaus der vom Großvater gegründeten Adolf Merckle Chemikalien en gros“ im tschechischen Aussig zerstört wurde und die sudetendeutsche Familie enteignet wurde. Einem Massaker in Aussig entkamen die Merckles, sie flüchteten nach Blaubeuren.
Zur dort tonangebenden Familie Spohn gehörte Luise Merckle, geborene Spohn, Schwiegertochter des Firmengründers. Unterstützt von den im Zementgeschäft engagierten Spohns, wagt Ludwig Merckle, Sohn des Firmengründers, 1946 den Neustart mit der einzigen aus Aussig geretteten Maschine, einer Tablettenpresse. Mit der Währungsreform 1948 ist das Unternehmen schon wieder in Gefahr. Ludwig Merckle löst das Problem mit einem Notverkauf: Die Beiersdorf-Aktien werden versilbert, zu einem schlechten Kurs.
Nicht aufgeben, durchhalten. Das ist für Adolf Merckle keine Parole, er lebt das Prinzip, auch in der Freizeit. Während andere Milliardäre übers Wochenende zu ihren Yachten jetten, hat Adolf Merckle durch seine Frau Ruth das Bergsteigen für sich entdeckt. Im kleinen Kreis zeigt er einen Zettel mit der Auflistung der Hochgebirgstouren seit 1979, ein Zettel, der Stolz offenbart: Nur Adolf Gipfel, Ruth 100 Meter darunter“, steht beim 6088 Meter hohen Huyana Potosi in Bolivien.
Auch fernab von Büro und Telefon bleibt Adolf Merckle Unternehmer durch und durch. Als die vier Kinder noch klein waren, kamen ihm die Skiwochenenden wegen der Liftkarten reichlich teuer vor, und er beschloss kurzerhand, selbst ins Geschäft einzusteigen. Seither gehört den Merckles die Ifen-Bergbahn im Kleinwalsertal.
Mit seiner Liebe zu den Bergen und zum Skifahren hat Merckle übrigens auch seinen Einstieg beim Pistenbully-Hersteller Kässbohrer vor wenigen Jahren begründet. Dann aber sorgte er ziemlich rabiat bei Kässbohrer für mehr Bescheidenheit. Den Vorstandschef, der eine architektonisch gewagte Firmenzentrale hatte bauen lassen, feuerte Merckle wegen Geldverschwendung. Solche Aktionen mussten in Variationen auch Manager anderer Merckle-Firmen erleben, was ihm einige Feindschaften bescherte und Attribute wie raffgierig, nachtragend, missgünstig.
Gleichzeitig galt Merckle vielen als Vorzeigeunternehmer, weil er aus kleinsten Anfängen eine Firmengruppe von heute 30 Milliarden Euro Umsatz und 100 000 Mitarbeitern aufgebaut hat. Vor drei Jahren verlieh ihm Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger dafür das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.
Neben dem Unternehmer Merckle war auch stets der Anleger Merckle aktiv. Deutsche Standardwerte, Allianz, Münchener Rück, Bayer, Hoechst, Daimler“, zählte er einmal auf. Seine erste Finanzinvestition, im Jahr 1948 noch als Schüler, war eine Sechseinhalb-Prozent-Anleihe der Energieversorgung Schwaben, eines Vorläufers der heutigen Energie Baden-Württemberg AG.
Auf seine wohl erfolgreichste unternehmerische Idee brachten Adolf Merckle die Amerikaner, bei denen es billige Arzneien gab, weil die Medikamente nach Ablauf des Patentschutzes von jedem produziert werden konnten. Merckle hält sich daher zugute, mit der Gründung des Generika-Herstellers Ratiopharm den Wettbewerb in den deutschen Arzneimittelmarkt gebracht und das Gesundheitssystem damit entlastet zu haben.
Das bisher größte Rad drehte Merckle bei Heidelberg-Cement, dem führenden deutschen Baustoffkonzern. Wer ihn bei Hauptversammlungen sieht, der hält den Mann für einen Kleinaktionär, der sich auf Würstchen und Kartoffelsalat freut, die als Naturaldividende gereicht werden. Freundlich lächelnd, immer ein nettes Wort für Bekannte, nimmt er dann aber nicht in den hinteren Reihen Platz: Merckle sitzt auf der Aufsichtsratsbank. Vor vier Jahren wurde der vermeintliche Kleinaktionär Merckle nach dem Kauf von Aktien der Allianz und der Deutschen Bank größter Aktionär von Heidelcement. Vor drei Jahren erfolgte dann ein Übernahmeangebot durch die Firma Spohn Cement, in der das Zementerbe mütterlicherseits liegt.
Seit Jahrzehnten schon war die Familie Spohn an Heidelberg-Cement beteiligt gewesen. Um die drei Milliarden Euro dürfte Merckle die Heidelcement-Übernahme damals gekostet haben. Danke schön, Senator Merckle“, überschrieb die Deutsche Bank damals ihre Kurzanalyse. Heute gehören Merckle über seine verschiedenen Beteiligungsgesellschaften 80 Prozent der Heidelcement-Papiere.
Das operative Geschäft übergab Merckle seinem Vertrauten Bernd Scheifele. Der führte den etwas schläfrig wirkenden Baustoffkonzern in die Weltliga. Für seinen harten Kostenkurs bekam Scheifele sogar Lob von Kleinaktionären. Die als streitbar bekannte Anneliese Hieke rief Scheifele auf dem Aktionärstreffen 2005 zu: Wir zählen auf Ihre Fähigkeiten.“
Zum ganz großen Sprung setzte Scheifele vergangenes Jahr an. Für 14 Milliarden Euro übernahm Heidelcement den britischen Hanson-Konzern. Strategisch ergänzen sich die beiden Konzerne. Doch die Finanzierung war auf Kante genäht. Ratingagenturen stuften Heidelcement herunter, Analysten riefen nach frischem Geld. Für die nötigen Kapitalmaßnahmen lieh Merckle sich über die VEM Vermögensverwaltung Geld und hinterlegte Aktienpakete als Sicherheit.
Seit die Finanzkrise für einen Kursverfall gesorgt hat – bei Heidelberg-Cement ebenso wie bei den von Merckle als Anlageobjekt bevorzugten Dax-Werten –, ist das System ins Wanken geraten. Die Blaupause für die Expansion von Heidelcement lieferte Merckles Vorgehen beim Pharmahändler Phoenix aus Mannheim. Keimzelle dafür war der Chemikalienhandel der Gründerzeit, der später gegen eine Beteiligung am Grossisten Otto Stumpf eingetauscht wurde.
Weitere vier Pharmagroßhändler kaufte Merckle hinzu und schloss sie Mitte der neunziger Jahre gegen massive Bedenken des Kartellamts zur Phoenix Pharmahandel AG & Co. KG zusammen, der Nummer eins in Deutschland. Der hat mit allen Mitteln gearbeitet“, erinnert sich ein Beteiligter.
Auch Phoenix wuchs durch Übernahmen, die oft mit dem Geld aus Merckles Aktiengeschäften finanziert wurden. Mit dem milliardenschweren Kauf des skandinavischen Tamro-Konzerns im Jahr 2003 wurde Phoenix hinter dem Stuttgarter Pharmahändler Celesio zur Nummer zwei in Europa. An die Spitze von Phoenix setzte Merckle den Anwalt Bernd Scheifele, der ihm bei der Gründung von Phoenix aufgefallen war.
Merckle, selbst Jurist, fand Gefallen am zielstrebigen und akribisch auf Effizienz und Tempo achtenden Scheifele. Den entscheidenden Anstoß für die Einstellung Scheifeles soll allerdings Merckles Frau Ruth gegeben haben. Auch sie achtet penibel aufs Geld und ist in vielen der mehr als 100 Merckle-Firmen in Aufsichtsgremien aktiv. Bei einer Aufsichtsratssitzung von Phoenix soll sie den Finanzvorstand bestimmt darauf hingewiesen haben, dass in seiner Rechnung einige Millionen beim Eigenkapital fehlten.
Scheifele gilt als der Mann fürs Strategische, während Susanne Frieß, die andere enge Vertraute von Adolf Merckle, die Expertin für Steuerfragen ist. Der Unternehmer sei geradezu getrieben von der Lust am Steuersparen, sagen Beobachter.
Um die Aufrechnung von Verlusten gegen Gewinne legal möglich zu machen, braucht Merckle die irrsinnigsten Schachtelkonstruktionen für seine immer zahlreicher werdenden Beteiligungen. Weil immer wieder eine neue, oft unverständliche Verästelung des Firmenimperiums erkennbar wird, sind die Banker jetzt in der Krise besonders vorsichtig. Auf Vertrauen der Geldgeber kann Merckle nicht mehr setzen.
Mit Harmonie und Vertrauen ist es auch im direkten Umfeld Adolf Merckles nicht mehr weit her. Ziehsohn Bernd Scheifele ist auf Tauchstation. Der Vorstandsvorsitzende der Heidelberg Cement AG war von Merckle in diesem Frühjahr zum Chef einer Führungsholding ernannt worden und damit quasi zum Oberhaupt des Familienimperiums.
Doch jetzt, da die milliardenschwere Liquiditätslücke der Merckles seit Wochen die Schlagzeilen dominiert, ist von ihm nichts zu hören. Als in dieser Woche ein Ultimatum der Banken ablief, soll er in Amerika gewesen sein. Weil Merckle gesundheitlich allerdings seit Monaten nicht mehr so stabil ist, wie es in einer solchen Krise notwendig wäre, steigt nun doch Ludwig Merckle in die Bütt, der älteste Sohn, den der Patriarch zuvor nie als ernsthaften Nachfolger akzeptiert hatte. Er führt die Verhandlungen mit den Banken. Von der Tochter Jutta Merckle, die Managerin in einem Berliner Metallverarbeitungsbetrieb sein soll, ist gar nichts zu hören.
Der jüngere Bruder Philipp Daniel Merckle dagegen sieht die Stunde der Abrechnung gekommen. Er hat sich mit dem Vater schon längst überworfen. Nachdem er vor drei Jahren die Führung bei Ratiopharm übernommen hatte, grauste es dem tiefgläubigen Christen, dass die Ärzte offenbar vor allem durch materielle Zuwendungen für Ratiopharm vereinnahmt worden waren. Dem bereitete er ein Ende – womit er aber den Zorn des Vaters auf sich zog, denn die Umsätze ließen prompt zu wünschen übrig.
Selbst das Merckle-Nesthäkchen, der 37 Jahre alte Tobias Merckle, ist dem Vater in diesen schweren Tagen keine Stütze. Sein Engagement in der Betreuung von Strafgefangenen hat den Eltern immer gut gefallen. Nun droht die Geldquelle für solche edlen Aufgaben zu versiegen. Über die mit VW-Aktien verzockten Millionen sagte Tobias Merckle zur Bild“-Zeitung: Das war doch nur ein Spiel.“ Adolf Merckle aber steht definitiv vor einem Scherbenhaufen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa
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