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Wirtschaftskrise
Wie kommt die Welt ins Gleichgewicht?

Ein bisschen ungerecht ist es schon. Ausgerechnet Deutschland kommt besonders schlecht aus der Krise. Ausgerechnet den Deutschen, die nicht auf Pump gelebt haben, nicht wie wahnsinnig Immobilien kauften und als Unternehmer vergleichsweise solide wirtschafteten, bleibt das Elend noch lange erhalten.

Während die Weltwirtschaft schon wieder „grüne Triebe” erblickt und Amerika laut OECD schon zum Jahresende aus der Rezession kommt, sehen die Ökonomen für Deutschland schwarz. Schuld daran sind ausgerechnet die alten deutschen Erfolge. Nichts zeigt das so gut wie eine Zahl: Um 29 Prozent sind die Exporte der deutschen Wirtschaft seit einem Jahr eingebrochen - so viel wie nie seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen im Jahre 1950.

Diesmal ist Deutschlands Schwäche keine Folge bürokratischer Strukturen oder nur der mauen Konjunktur. Etwas Grundsätzliches ändert sich gerade. Globale Ungleichgewichte von gigantischem Ausmaß verschieben sich. Die Amerikaner, die lange Jahre Autos aus Deutschland oder T-Shirts aus Asien gegen Kredit gekauft haben, beginnen auf einmal zu sparen. Sie verschulden sich nicht mehr hemmungslos und kaufen nicht mehr so viele Waren aus Deutschland und China.

Die globalen Ungleichgewichte bauen sich ab

Das könnte Deutschland stärker treffen als Asien. Denn China, das mit seinen Ersparnissen die Käufe der Amerikaner bisher finanziert hatte, investiert nun Milliarden im eigenen Land für Autobahnen und staatliche Gebäude. Aber Deutschland könnte es künftig schwerer haben, auf dem Weltmarkt Abnehmer für seine Waren zu finden.

Die überkommenen globalen Ungleichgewichte bauen sich ab. Das ist ein Schock. Denn die Tatsache, dass manche Länder sehr viel sparen und andere das Geld mit beiden Händen ausgeben, galt jahrelang zwar als bedenklich, aber nicht als hochgefährlich. Es gab Länder wie Amerika, die konsumierten mehr Güter, als sie herstellten. Ebenjene T-Shirts aus Asien etwa oder Autos aus Deutschland. Sie hatten ein „Leistungsbilanzdefizit”, sagen die Fachleute. Auf der anderen Seite gab es Länder wie China, die verkauften für mehr Geld T-Shirts und Elektronik ins Ausland, als sie selbst aus dem Ausland einkauften. Sie hatten einen „Leistungsbilanzüberschuss”.

Der Kredit wird gleich mitgeliefert

Diese ungleichen Ströme von Waren wurden gespiegelt durch ungleiche Ströme von Geld und Kredit. Was die Chinesen nicht verbrauchten - etwa die Hälfte ihres Volkseinkommens -, das sparten sie. Das Geld legten sie vor allem in Amerika an. Anders ausgedrückt: Der Verkäufer China lieferte dem Käufer Amerika den Kredit zum Kauf seiner Waren gleich mit.

Zu der Gruppe von Ländern, die viel auf dem Weltmarkt einkauften und wenig sparten, gehörten neben Amerika auch Großbritannien und Spanien. Zu denen, die viel sparten und viel exportierten, gehörten neben China vor allem Deutschland, Japan, Norwegen und die Golfstaaten (siehe Grafik).

Das verändert sich nun - langsam, aber dramatisch - durch eine simple Tatsache. „Die Amerikaner fangen plötzlich an zu sparen”, sagt Henning Klodt, Wirtschaftsprofessor am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Sie tun das nicht ganz freiwillig: Schließlich sind Banken und Kreditkartengesellschaften vorsichtiger geworden mit der Vergabe von Krediten. Für die Außenwirtschaftsexperten Klodt ist das dennoch eine Sensation. Fast 30 Jahre lang war der Konsum der Amerikaner stärker gewachsen als ihr verfügbares Einkommen. Die Sparquote, der Anteil des Einkommens, den sie zurücklegen, war von neun Prozent in den achtziger Jahren auf magere 0,5 Prozent im vorigen Jahr gesunken.

Das kehrt sich jetzt um. Die Amerikaner müssen den Gürtel enger schnallen - und das tun sie so beherzt wie seit 50 Jahren nicht mehr. Von Mitte 2008 bis Mitte 2009 verzehnfachte sich die Sparquote in Amerika auf deutlich mehr als fünf Prozent.

Die Nachfrage nach Exportgütern geht zurück

Für den Rest der Welt bedeutet das erstmal nichts Gutes. Kein Wunder, dass das Thema ganz oben auf der Tagesordnung steht, wenn die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen sich in der kommenden Woche im italienischen L'Aquila zum G-8-Gipfel treffen. Japan fordert bereits, die Welt solle Amerika und den Dollar stärken - wie auch immer man sich so etwas vorstellen mag.

Ein kleines Rechenbeispiel zeigt, um was es geht: Schon ein Anstieg der amerikanischen Sparquote in diesem Jahr um fünf Prozent würde einen Ausfall des Konsums von 500 Milliarden Dollar bedeuten, hat der britische „Economist” vorgerechnet. Das bedeutet: Die Menschen in Amerika kaufen für 500 Milliarden Dollar weniger Waren und Dienstleistungen ein. Und auch die Exporteure aus Asien oder Deutschland verkaufen entsprechend weniger Waren.

Länder wie Deutschland trifft das doppelt: Die Nachfrage nach Exportgütern wie Autos und Maschinen geht zurück. Gleichzeitig geraten die Deutschen unter Druck, weil ihre Vermögensanlagen im Ausland einem größeren Risiko unterliegen.

Ähnlich ist es in China. Einen Teil des Rückgangs der Exporte konnten die Chinesen allerdings mit einem gewaltige Konjunkturprogramm auffangen. Es entspricht fast 80 Prozent des Volkseinkommens. Die Chinesen, die bislang die Welt mit Exporten und Ersparnissen überschwemmten, investieren jetzt Milliarden für Straßen und öffentliche Gebäude im eigenen Land. Das alles trägt dazu bei, dass die weltweiten Ungleichgewichte schrumpfen.

Klar ist: Die Verschiebungen im Welthandel sind kein vorübergehendes Phänomen. „So wie vor der Krise wird der deutsche Export nach der Krise nicht wieder wachsen”, sagt der Münchener Wirtschaftsprofessor Kai Carstensen. Auch wenn die Konjunktur wieder anspringt, werden Amerika und Teile Europas noch lange sparen müssen und weniger konsumieren. Dass China so viele deutsche Maschinen und Autos kauft, dass das die ausgefallene Nachfrage aus Amerika kompensiert, ist unwahrscheinlich.

Was sind die Alternativen?

Aber haben wir denn Alternativen? Was kann Deutschland tun, um seine Abhängigkeit vom Export zu verringern?

Einige Vorschläge liegen inzwischen auf dem Tisch. Sie kommen aber noch ziemlich unausgegoren daher. Die Löhne in Deutschland könnten kräftig angehoben werden, schlagen gewerkschaftsnahe Wissenschaftler wie der Wirtschaftsweise Peter Bofinger vor. Dann hätten die Deutschen mehr Einkommen zur Verfügung, um selbst mehr deutsche Autos zu kaufen. Oder um teurere Autos zu kaufen. Und die deutsche Autoindustrie würde unabhängiger vom Ausland. Doch die Sache hat einen Haken: Wenn die Löhne stark steigen, nehmen auch die Kosten für die Unternehmen zu. Die Folge: Deutsche Autos würden teurer. Dann ließen sie sich im Ausland noch schlechter verkaufen als jetzt.

Die umgekehrte Strategie empfiehlt Hans-Werner Sinn, der Präsident des Ifo-Instituts: Die Deutschen müssten niedrigere Löhne zulassen. Wenn deutsche Arbeiter für weniger Geld arbeiten, dann könnte manch eine Fabrik aus einem Billiglohnland nach Deutschland zurückgeholt werden. Autohersteller, die jetzt viele Teile in Osteuropa fertigen lassen, produzieren dann wieder mehr in Deutschland. Der Anteil „made in Germany” am Auto steigt. Und Geld, dass bislang ins Ausland fließt, bleibt im Land. Auch dieser Vorschlag hat freilich einen Haken: Dass die Gewerkschaften dabei mitmachen, ist mehr als zweifelhaft.

Ein dritter Vorschlag kommt von Adam Posen, dem Deutschlandexperten unter den amerikanischen Ökonomen. Er meint: Eine Rettung vor dem lang anhaltenden Elend sei nur möglich, wenn die Deutschen viel stärker auf Dienstleistungen setzen. „Ihr müsst mit diesem Exportwahnsinn aufhören.” Mehr Dienstleistungen, das bedeutet: Der Staat muss noch mehr Kindergartenplätze schaffen, damit noch mehr Kindergärtnerinnen eingestellt werden. Er muss noch mehr Geld für Altenpflege ausgeben, damit noch mehr Altenpflegerinnen Arbeit finden.

Keine Frage: Je mehr von diesen Dienstleistungsjobs entstehen, desto unabhängiger wird Deutschalnd vom Ausland. Wenn aber der Staat das alles bezahlen soll, wird diese Unabhängigkeit am Ende ziemlich teuer. Ein paar weitere Ideen für die Zeit nach der Krise sind gefragt. Das Nachdenken hat gerade erst begonnen.

F.A.S.
Christian Siedenbiedel


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