Baustoffriese in Not

Bankendämmerung in Heidelberg

Von Bernd Freytag

Adolf Merckle wollte mit Heidelberg Cement hoch hinaus, jetzt muss der Konzern umschulden

Adolf Merckle wollte mit Heidelberg Cement hoch hinaus, jetzt muss der Konzern umschulden

12. Januar 2009 Sie waren alle dabei, damals in Leimen. Nur anderthalb Jahre ist es her, dass der Baustoffriese Heidelberg Cement die Hautevolee des internationalen Kreditgewerbes in die Festhalle des nahe gelegenen Kleinstädtchens eingeladen hat, um Milliardenkredite zu bekommen. Die Stimmung war prächtig, das Geld kam in Windeseile zusammen. 16,7 Milliarden Euro, verteilt unter 46 Banken. Keinen Tag hat das gedauert, damals im Frühsommer 2007, als die Finanzwelt noch in Ordnung war.

Heute, 18 Monate, eine Finanzmarktkrise und eine persönliche Tragödie später ist überhaupt nichts mehr in Ordnung. Heidelberg Cement hat ein Problem, und die Banken auch.

Glänzende Perspektiven, Geld im Überfluss

Für Zweifel war im Aufschwung keine Zeit. „Der Preis ist hoch, aber eine Firma wie Hanson gibt es eben nicht als Schnäppchen“, verkündete Bernd Scheifele, der Vorstandsvorsitzende von Heidelberg Cement, damals. Mit der Rückendeckung des Großaktionärs Adolf Merckle hatte Scheifele zuvor die Übernahme des britischen Konkurrenten Hanson unter Dach und Fach gebracht - einschließlich der Hanson-Schulden eine Transaktion im Wert von fast 14 Milliarden Euro. Die viertgrößte Übernahme, die jemals in Deutschland über die Bühne ging, die zweitgrößte Bartransaktion.

Ein Kauf für die Geschichte also, für das 1873 gegründete Traditionsunternehmen die Eintrittskarte zum ganz großen Geschäft. Heidelberg Cement würde mit der Übernahme mit fast 70.000 Beschäftigten und etwa 15 Milliarden Euro Umsatz weltweit unter den Baustoffkonzernen auf Rang 3 vorrücken. Dass die Heidelcement-Führung das 12,3fache des operativen Jahresergebnisses von Hanson als Kaufpreis akzeptierte, wurde mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Die Perspektiven waren glänzend, die Strategie eines global aufgestellten Spielers im Zement- und Betongeschäft überzeugte. Und Geld gab es sowieso im Überfluss.

Vor eineinhalb Jahren standen die Banken noch Schlange

Die expansionshungrige Royal Bank of Scotland, heute teilverstaatlicht, und die Deutsche Bank garantierten das Riesengeschäft allein. Als „Mandated Lead Arranger“ hatten sie die 16,7 Milliarden Euro in die Bücher genommen, Geld zur Umschuldung alter Verbindlichkeiten inklusive. Für beide Banken wären „Tickets“ in dieser Größenordnung heute schlicht unmöglich. Kein Institut fährt angesichts der gewachsenen Gefahr, auf den Krediten sitzenzubleiben, ein solches Risiko. Entsprechend tot ist das Geschäft mit Großübernahmen. Und zwar in aller Welt.

In Leimen standen die Banker noch Schlange. Der Heidelcement-Chef versprach ihnen, den zwischenzeitlich auf 17 Milliarden Euro gestiegenen Schuldenberg zügig abzubauen. Die Rating-Agenturen runzelten zwar die Stirn, das Investmentgrade-Rating aber, das den Konzern als ausgezeichneten Schuldner kennzeichnete, blieb unangetastet. Scheifele hatte am Jahresanfang 1 Milliarde Euro als Rekordergebnis gemeldet, die Aktienmärkte feierten den Manager. Entsprechend groß war der Bankerauflauf. Der Vorstand konnte sich damals sogar leisten, auf teure Kredit-Zwischenhändler, sogenannte Subunderwriter, zu verzichten. In Päckchen zu 150, 300 und 600 Millionen Euro wurden die Kredite syndiziert, also weitergereicht. Dabei belohnt der Konzern die Mutigen: Wer ein 600-Millionen-Euro-Paket zeichnet, erhielt die höchste „Participation Fee“ von 25 Basispunkten, er konnte also zusätzlich zu den Zinsen ganz konkret 1,5 Millionen Euro gleich mit nach Hause nehmen.

Mittlerweile nur noch „Ramsch“

Hier aber endet die Geschichte vom aufstrebenden Baustoffriesen. Die ursprüngliche Idee, einen Teil der Schulden über einen Hybrid-Bond zu refinanzieren, erwies sich in dem angespannten Finanzmarktumfeld als utopisch. Die Baukonjunktur in Amerika brach ein, ausgerechnet auf dem Markt, der mit dem Hanson-Kauf gestärkt werden sollte. Obwohl sich Heidelberg Cement von milliardenschweren Vermögensteilen trennte und Großaktionär Adolf Merckle zwei Kapitalspritzen im Gesamtvolumen von 1 Milliarde Euro injizierte, stehen aktuell noch immer netto mehr als 12 Milliarden Euro Schulden in der Bilanz.

An einen Verkauf von weiteren Konzernteilen ist angesichts der schwierigen Kapitalmärkte nicht zu denken: potentielle Käufer bekommen schlicht keinen Kredit. Derweil trübt sich die Baukonjunktur weiter ein. Die Rating-Agenturen bewerten Heidelberg Cement mittlerweile auf „Ramschniveau“. Eine Refinanzierung über den Kapitalmarkt ist bei diesen Konditionen nicht drin. Ein Horrorszenario für Scheifele, schließlich muss der Konzern bis Mai 2010 etwa 6 Milliarden Euro umfinanzieren. Mühsam hat der Vorstand erreicht, dass die Banken vorübergehend einen Bruch der Kreditkonditionen hinnehmen, ohne die Schulden fällig zu stellen. Bis Ende März soll das Management einen Umschuldungsplan präsentieren.

Interessenten gibt es genug - es fehlt allein das Geld

Erschwert werden die Verhandlungen durch die unterschiedlichen Interessen der Kreditgeber. Nicht wenige Banken haben bei Heidelberg Cement auf zweierlei Art versucht, Geschäft zu machen. Als Kreditgeber für die Hanson-Übernahme und als Geldgeber von Adolf Merckle, besichert ausgerechnet mit dessen Heidelberg-Cement-Anteilen. Nach dem Freitod des Patriarchen werden die Banken nun selbst zu Aktionären eines Unternehmens, das ihnen Geld schuldet: eine vertrackte Situation. Von Merckle jedenfalls gibt es kein frisches Geld mehr, um die Bilanzrelationen zu entspannen - so schlicht ist die Nachricht hinter der Tragödie des gefallenen Milliardärs.

In der Branche wird die Schwäche von Heidelberg Cement aufmerksam verfolgt. Der globale Zementmarkt ist verteilt, und die Konzerne, meist in Familienhand, kennen sich gut. Interesse für das 80-Prozent-Aktienpaket von Merckle gibt es genug, alleine es fehlen die Financiers. Der aggressive mexikanische Wettbewerber Cemex, der den Zementmarkt durch den Kauf von Readymix aufmischte, kämpft selbst mit Finanzproblemen. Auch für die französischen Lafarge wäre ein Einstieg wohl zu teuer. Der von der Industriellenfamilie Schmidheiny kontrollierte Schweizer Zementriese Holcim ist zwar stark genug, er darf aber nicht: die Kartellbehörden würden eine Vollübernahme ablehnen. Das Milliardenspiel ist fürs Erste vorbei.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Dax
Tec
Dow
Nas
18.12.2009 | 15:29
Dax 5.876,39
+0,55 %
 
        Vortag
18.12.2009 | 15:44
Name Kurs in %
DAX 5.876,39 +0,55%
TecDAX 818,04 +0,28%
MDAX 7.416,32 +0,16%
SDAX 3.553,67 +0,17%
REX 378,74 +0,12%
Eurostoxx 50 2.892,38 +0,02%
Dow Jones 10.308,30 −1,27%
Nasdaq 100 1.794,69 +0,92%
S&P500 1.096,08 −1,18%
Nikkei225 10.142,00 −0,21%
EUR/USD 1,4348 0,00%
Rohöl Brent Crude 74,30 $ +1,48%
Gold 1.117,00 $ −1,80%
Bund Future 123,50 € +0,05%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche