03. November 2008 In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Martin Blessing, der junge, frischgebackene Chef der Commerzbank, dürfte als ein Gewinner aus den Turbulenzen hervorgehen, jedenfalls was sein Ansehen in der Bevölkerung und bei den Politikern anbelangt. Den Grundstein dazu hat er vor gut zwei Wochen mit einem bemerkenswerten Zeitungsgespräch gelegt – wenige Tage, nachdem die Politik in Berlin ein gewaltiges Rettungspaket für das Finanzgewerbe geschnürt hatte, und einen Tag, nachdem sich Josef Ackermann, der Chef des Branchenführers Deutsche Bank, mit seinem Verzicht auf einen Jahresbonus und anderen kolportierten Äußerungen mehr Kopfschütteln und Kritik als Lob eingehandelt hatte.
Frage: Herr Blessing, machen sie es Deutsche-Bank-Chef Ackermann nach und verzichten auf den Millionen-Bonus?“ Antwort: Ich kann doch nur auf etwas verzichten, was mir auch zusteht.“ Frage: Wie groß ist die Schuld der Banker an der Finanzkrise?“ Antwort: Die gesamte Bankenbranche trägt große Verantwortung an der Krise – auch ich.“ Frage: Die Deutsche Bank hat angekündigt, keine Staatshilfen in Anspruch zu nehmen. Gilt das für die Commerzbank auch?“ Antwort: Wir werden uns in Ruhe anschauen, wie das Paket aussieht und ob es für uns in Frage kommt. Ich glaube, es ist die Pflicht eine jeden Bankers, eine Teilnahme an dem Paket zu prüfen. Denn von der Kapitalstärke hängt es ab, ob auch weiter Kredite vergeben werden können, was in einem Abschwung ganz wichtig ist.“
Er hat früher als andere den richtigen Ton gefunden
Blessing galt schon immer als ein Schnelldenker. Mit seinen Antworten ist er diesem Ruf gerecht geworden, hat er früher als andere in den Vorstandsetagen der Banken den richtigen Ton gefunden, um auf die dramatische Zuspitzung der Krise und die Stimmungslage in der Bevölkerung einzugehen. Wohl nicht von ungefähr: Denn Blessing ist kein Manager, der sich in seinem Büro hoch über den Wolken vorzugsweise mit Seinesgleichen austauscht, sondern durchaus das Gespräch mit Mitarbeitern und Kunden sucht. Diese Bodenhaftung – die Nähe zu den Wünschen und Bedürfnissen des Kunden – war auch die Basis seiner Erfolge als Chef erst des Privatkunden- und später des Mittelstandsgeschäfts der Commerzbank. Ganz in diesem Sinne hat die Commerzbank nun rasch einen Kundenbeirat gegründet, der sie künftig davor bewahren soll, mit ihren Finanzprodukten abzuheben. Zu dieser Bodenhaftung mag auch beitragen, dass Blessing, der 45 Jahre alt ist, Vater von drei jungen Töchtern ist – das sorgt gemeinhin für Erdung.
Viel gesehen haben die Kinder den Vater am Wochenende wohl nicht. Jedenfalls ist die von Blessing angekündigte Prüfung des Rettungspakets der Bundesregierung in einen Verhandlungsmarathon gemündet, der erst sehr spät in der Nacht von Sonntag auf Montag zu der Entscheidung führte, dass die Commerzbank die staatliche Hilfe in Anspruch nimmt. Wie am Rande zu erfahren war, wird Blessing deshalb den Teil seines Jahresgehalts zurückzahlen, der 500.000 Euro übersteigt. Das ist vermutlich mehr, als ihm von Gesetzes wegen abverlangt werden konnte – und lässt damit dem Schuldeingeständnis im Interview gewissermaßen Taten folgen.
Blessing ist Spross einer renommierten Bankiersfamilie
Einen Armen trifft der Verzicht freilich nicht. Blessing ist Spross einer renommierten Bankiersfamilie. Sein Großvater Karl stand von 1959 bis 1969 an der Spitze der Bundesbank, sein Vater Werner gehörte dem Vorstand der Deutschen Bank an. Man darf aufgrund dieses Hintergrunds vermuten, dass es Blessing mit der Berufsausübung kaum noch darum geht, möglichst viel Geld zu verdienen. Vielmehr wird für ihn im Vordergrund stehen, durch Erfolge als Bankmanager zu glänzen – seien sie nun mit Boni vergoldet oder nicht.
Auf Erfolg getrimmt, hat Blessing bereits eine Blitzkarriere absolviert. Nach Banklehre und Studium im Ausland folgten Stationen als Berater bei McKinsey sowie in der Dresdner Bank. Als die Dresdner Bank 2001 vom Allianz-Konzern übernommen wurde, wechselte Blessing zur Commerzbank. Zuvor waren sowohl eine Fusion der Dresdner Bank mit der Deutschen Bank als auch mit der Commerzbank nicht zustande gekommen. Seit Ende Mai an der Spitze der Commerzbank stehend, hat Blessing nur wenige Wochen später die Chance ergriffen und eine schrittweise Übernahme der Dresdner Bank in die Wege geleitet. Die jetzt vom Staat in Anspruch genommenen Hilfen werden absichern, dass diese Großfusion, die so ganz nach dem Geschmack des ehrgeizigen Blessing ist, trotz der Krise wie geplant vollzogen werden kann (siehe auch Im Gespräch: Commerzbank-Chef Martin Blessing).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth
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