28. September 2008 Es gibt ein Rettungspaket. Die Finanzmärkte können vorläufig aufatmen. In einem Gewaltakt haben Vertreter des amerikanischen Kongresses und die amerikanische Regierung am Wochenende das Troubled Asset Relief Program (TARP) durchgepaukt. In den Vereinigten Staaten und Europa wurden ordnungspolitische Bedenken hastig über Bord geworfen, um eine systemische Bankenkrise zu verhindern und einer weiteren Vertrauenskrise vorzubeugen, bevor die Märkte in Asien am Montagmorgen öffnen würden.
Der amerikanische Finanzminister Henry Paulson hat es geschafft, dem Markt sofort ein Rettungspaket von 350 Milliarden Dollar zu sichern. Es besteht zudem relative Sicherheit, dass auch die nächsten 350 Milliarden Dollar nachgeschossen werden und das Gesamtpaket von 700 Milliarden Dollar damit steht.
Stufenplan hätte Märkte weiter absacken lassen
Das war wichtig, denn der Markt hätte einen Stufenplan kaum akzeptiert: Ein Plan in Etappen kann nach hinten losgehen: Die Märkte können weiter nach unten absacken, und dies kann Bewertungsverluste für den TARP-Fonds bedeuten, warnte Paul Sheard von Lehman Brothers, der seine Marktberichte jetzt für Barclays Capital veröffentlicht. Die Verluste könnten dazu führen, dass der Kongress weiteren Zahlungen nicht mehr zustimmen wird, was den Markt noch weiter unterminieren würde. Ironischerweise wäre eine massive, einmalige Sofortzahlung daher letztlich günstiger für den amerikanischen Steuerzahler als ein Ratenprogramm, dessen Zukunft ungesichert sei. Das zeige zum Beispiel die Erfahrung mit dem Resolution Trust Corporation RTC, dem Rettungs-Vehikel, das die Opfer der amerikanischen Sparbankenkrise in den achtziger Jahren aufsammelte.
Die Banken hatten vergangene Woche aus Angst um die gegenseitige Bonität die gegenseitige Finanzierung am Geldmarkt eingestellt. Institute, die sich kurzfristig - vor allem mit Dollar-Beträgen - refinanzieren mussten, waren auf den Tropf der Notenbanken angewiesen. Die dramatischen Schwierigkeiten der amerikanischen Wachovia, der belgischen Fortis und die geplante Verstaatlichung der britischen Hypothekenbank Bradford & Bingley am Wochenende zeigten, dass der verhängnisvolle Dominoeffekt der Bankenkrise nun täglich neue Opfer forderte.
Abwärtsspirale der Bankverluste gestoppt
So umstritten das TARP-Programm ordnungspolitisch auch ist, so wertvoll ist sein Ansatz, um an den Finanzmärkten lindernd einzugreifen. Das Programm wirkt doppelt: Erstens liefert es einen Annäherungspreis für die verhängnisvollen Kreditderivate, die zahlreiche Banken auf den Büchern haben. Die Preise für diese Kreditderivate sind kollabiert, bürden den Banken also einen hohen Abschreibungsbedarf und damit Verluste mit fatalen Folgen für die Eigenkapitalbasis und die Selbstfinanzierungskraft der Institute auf.
Da das amerikanische Finanzministerium über TARP plant, die Produkte aufzukaufen und bis Fälligkeit zu halten, kann es einen höheren Preis zahlen als den Panikpreis, der derzeit am Markt gilt - wenn es überhaupt einen Preis gibt. Das TARP-Programm zieht also einen Boden für die Bewertung der Kreditderivate im Markt ein und setzt einen Startschuss für den Handel in diesen Produkten. Das stoppt die Abwärtsspirale der Bankverluste und ihre Kapitalzerstörung und stärkt wieder die Selbstfinanzierungskraft der Banken. Davon profitieren alle Institute, die diese Produkte auf der Bilanz halten, also auch die europäischen Banken.
Flucht in Staatspapiere wird abflauen
Gleichzeitig werden über das TARP-Programm faule Hypothekenkredite von den amerikanischen Regionalbanken aufgekauft. Das bereinigt die Bilanzen der kleinen Institute, gibt ihnen wieder Luft, neues Kreditgeschäft zu tätigen, und hilft damit, die Kreditklemme zu beenden, die derzeit die amerikanische Konjunktur abzuwürgen droht.
An diesem Montagmorgen werden die Banken das Konkursrisiko der Wettbewerber daher möglicherweise nicht mehr als so dramatisch einschätzen wie noch in der vergangenen Woche. Es dürfte zu einer Entspannung am Markt für Kreditversicherungen (Credit-Default-Swaps CDS) und am Geldmarkt kommen, wo die Risikoprämien zuletzt wieder auf Rekordhöhe gesprungen waren. Das Rettungspaket mag dazu führen, dass sich die Liquiditätskrise im Bankensektor ganz langsam abmildert.
Die Aussicht, dass sich die Abwärtsspirale der Bankverluste nicht immer weiter dreht, dürfte eine kurzfristige Erleichterung an den Aktienmärkten auslösen. Gleichzeitig wird voraussichtlich die extreme Flucht von Anlagegeldern in den sicheren Hafen von Staatspapieren abflauen, die zu einem wahren Kollaps der Renditen an den Staatsanleihemärkten geführt hatte. Die Erleichterung über den Washingtoner Rettungsplan wird auch auf dem Goldpreis lasten.
Unternehmensgewinne werden drastisch fallen
Die volkswirtschaftlichen Konjunkturdaten, die derzeit in den Vereinigten Staaten und Europa abzulesen sind, spiegeln freilich lediglich die Verhältnisse an den Kreditmärkten zu Beginn des Jahres wider. Mit dem üblichen Verzögerungseffekt wird sich die dramatische Kreditklemme der Banken von jetzt erst im kommenden Jahr in der Realwirtschaft widerspiegeln. Damit zeichnet sich eine Rezession hüben und drüben des Atlantiks ab mit entsprechend scharfer Korrektur der Unternehmensgewinne nach unten.
Jegliche Erholung an den Aktienmärkten wird daher nur von kurzer Dauer sein, warnt JP Morgan. Die Investoren an den Märkten seien so verängstigt und ihr Anlagehorizont sei so kurz, dass jede Markterholung sofort wieder verpuffen werde. Sollte das TARP-Programm verabschiedet werden und sollte der Effekt auf die Aktienmärkte positiv sein, werden wir unsere Gewinne am Markt sehr schnell realisieren, warnt JP Morgan. Es wird daher lange dauern, bis sich die Angst am Markt gelegt hat.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Kai
Bankenaufsicht: Überforderte Weltenretter
Wirtschaftsweise sind für 2010 zuversichtlich
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