20. September 2008 Das Schlagwort vom Wandel hat in den Vereinigten Staaten Hochkonjunktur. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama spricht vom Wandel, an den wir glauben können. Sein Rivale John McCain versprach den Delegierten auf dem republikanischen Parteitag jüngst ebenfalls, dass der Wandel kommt.
Der junge Analyst, der am Montag dieser Woche mit einigen Kollegen mittags vor dem Seiteneingang des Lehman-Wolkenkratzers an der New Yorker 49. Straße stand, machte sich auch seine Gedanken über den Wandel: Vielleicht ist es wirklich die Zeit für Veränderungen, sagte er. Persönliche Veränderungen und Wandel im Land. So, wie das Obama immer sagt.
Tiefgreifender Umbruch in der amerikanischen Finanzbranche
Dass ein Mann wie er über Veränderungen philosophiert, ist verständlich. Nur wenige Stunden vorher hatte sein Arbeitgeber, die bis dahin viertgrößte amerikanische Investmentbank Lehman Brothers, Konkurs angemeldet. Es ist ziemlich sicher, dass der Analyst seinen Job verlieren wird. Seine Spezialität war die Bewertung von hypothekenbesicherten Anleihen. Und der rapide Wertverfall dieser komplexen festverzinslichen Wertpapiere in Folge des schwächelnden amerikanischen Häusermarktes war einer der Auslöser der anhaltenden globalen Finanzkrise gewesen. Das war auch der Grund für den Kollaps von Lehman Brothers, die in diesem Geschäft ein großes Rad gedreht hatten. Am Ende standen Milliardenverluste und die Insolvenz. Nur Tage nach dem Konkursantrag schnappte sich dann die britische Bank Barclays die profitable Investmentbanking-Sparte von Lehman, zu der die Beratung bei Fusionen und Übernahmen gehört, zu einem günstigen Preis.
Der Niedergang von Lehman wurde zum Kristallationspunkt der Finanzkrise. Er zementierte zudem einen tiefgreifenden Umbruch in der amerikanischen Finanzbranche. Als sich der Kollaps abzeichnete, flüchtete auch die Investmentbank Merrill Lynch in die Arme des zweitgrößten Kreditinstituts des Landes, der Bank of America. Es musste schnell gehen. Die Transaktion im Volumen von 50 Milliarden Dollar wurde innerhalb von nur 48 Stunden verhandelt. Normalerweise dauern solche Verhandlungen und die gründliche Prüfung der Bücher Monate. Aber Merrill-Lynch-Chef John Thain wusste, dass sein Haus an der Börse schon als der nächste Kandidat für einen Zusammenbruch gehandelt wurde.
Als eigenständige Investmentbank bleibt nur Goldman Sachs übrig
An der Börse gerieten die Kurse der noch unabhängigen Investmentbanken nach dem Debakel bei Lehman extrem unter Druck. Gegen Ende der Woche begann schließlich die zweitgrößte Investmentbank Morgan Stanley Fusionsverhandlungen mit der Großbank Wachovia, der Lokalrivalin der Bank of America aus Charlotte im Bundesstaat North Carolina.
Schon im März war die ebenfalls wegen Hypothekengeschäften in Schieflage geratene Investmentbank Bear Stearns nur durch einen Notverkauf an die drittgrößte amerikanische Bank J.P. Morgan Chase gerettet worden. Wird der Handel zwischen Morgan Stanley und Wachovia perfekt, würde unter den einst fünf größten amerikanischen Investmentbanken nur noch eine als eigenständiges Institut übrig bleiben: der Branchenprimus Goldman Sachs. Und auch über Goldman gibt es Gerüchte über einen möglichen Zusammenschluss mit einem traditionellen Kreditinstitut.
Alte Traditionsunternehmen: Merrill Lynch, Lehman, Bear Stearns
Selbst wenn das nicht geschehen sollte – die Woche markierte das Ende der Wall Street als Tummelplatz stolzer, traditionsreicher und unabhängiger Wertpapierhäuser. Merrill Lynch war 94 Jahre alt und symbolisierte mit seinem Symbol, dem Bullen, den Optimismus der Wall Street. Das Haus, das für seine Herde von Anlageberatern berühmt ist, hat in Amerika den Aktienbesitz für die breite Masse populär gemacht. Lehman wurde vor 158 Jahren gegründet. Die Wurzeln gehen auf die aus Deutschland emigrierten jüdischen Brüder Heinrich und Mayer Lehman zurück, die damals in Alabama mit Baumwolle handelten. Das Wertpapierhaus Bear Stearns schließlich hatte 85 Jahre lang existiert, bevor es für einen Schleuderpreis an J.P. Morgan verkauft wurde.
Selbst die Terroranschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001 haben den Finanzdistrikt von Manhattan nicht so stark verändert wie die Ereignisse der vergangenen Woche. Es ist der größte Umbruch in der amerikanischen Bankenbranche seit der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Geschäftsbank und Investmentbank wurden früher bewusst getrennt
Damals wurden Geschäftsbanken und Investmentbanken mit dem Glass-Steagall-Gesetz als Konsequenz des großen Börsenkrachs von 1929 getrennt. Traditionelle Kreditinstitute nehmen Einlagen von Privatkunden herein und vergeben langfristige Kredite. Refinanzieren können sie sich bei der Fed, der Bank der Banken, die sie im Gegenzug aber stark kontrolliert. Die weniger regulierten Investmentbanken, die deswegen höhere Risiken eingehen können, machen ausschließlich Wertpapiergeschäfte. Geld dafür besorgen sie sich am Kapitalmarkt.
Nun steht das Geschäftsmodell unabhängiger Investmentbanken angesichts der Verwerfungen auf den Kapitalmärkten in Frage. Die Umwälzungen signalisieren auch eine allgemeine Neubewertung des Bankgeschäfts. Banken spielen eine wichtige Rolle im Wirtschaftskreislauf, indem sie Spareinlagen in Darlehen an Unternehmen oder Hauskäufer umwandeln. In den vergangenen Jahren sind diese Aufgaben zunehmend von Wertpapierhäusern übernommen worden, die dafür neue Finanzprodukte entwickelt hatten. Um die Vergabe von Hypotheken zu ermöglichen, wurden etwa Immobiliendarlehen in Anleihepakete verpackt. Diese teilweise hochkomplexen Papiere haben die Investmentbanken entweder auf den eigenen Büchern gehalten, um sie zu handeln. Oder sie haben sie an Investoren weitergereicht. Das war ein profitables Geschäft, weil Investmentbanken im Gegensatz zu Kreditinstituten weniger Reserven gegen potentielle Verluste vorhalten mussten. Mit dem Verfall der Preise am amerikanischen Häusermarkt stiegen aber die Zahlungsausfälle amerikanischer Hypothekenschuldner. Die massiven Verluste bei Hypothekenanleihen erwiesen sich als zu hoch für die dünne Kapitaldecke der Investmenthäuser. Gleichzeitig trockneten die Kreditmärkte, in denen sie sich finanzieren, aus. Von der Fusion mit einer Geschäftsbank versprechen sich in Not geratene Investmentbanken nun den attraktiven Rückhalt der Einlagen.
Großbanken überstehen den Finanzmarktsturm besser
Die rasche Neuordnung der Branche ist auch eine Spätfolge gesetzlicher Änderungen. Die Trennung zwischen Geschäftsbanken und Investmenthäusern wurde 1999 aufgehoben. Als Konsequenz großer Fusionen entstanden danach in den Vereinigten Staaten Universalbanken europäischen Typs. Diese Institute boten ihren Kunden sowohl Kapitalmarktgeschäft als auch Kredit- und Einlagengeschäft unter einem Dach an. Auch das setzte unabhängige Investmentbanken unter Druck, weil diese Banken zu einer starken Konkurrenz heranwuchsen. Einige dieser Giganten – etwa die Citigroup – haben allerdings auch unter der Kreditkrise gelitten, weil sie stark bei der Verbriefung von Hypotheken engagiert waren. Dennoch haben Großbanken wie die Bank of America oder J.P. Morgan Chase den Sturm an den Finanzmärkten bisher besser überstanden als einige der unabhängigen Investmentbanken.
Kenneth Lewis, der Vorstandsvorsitzende der Bank of America, hat offenbar geduldig auf seine Chance gewartet. Ich dachte mir seit sieben Jahren, dass Geschäftsbanken wegen der Finanzierungsfrage irgendwann Investmentbanken besitzen würden, sagte Lewis nach dem Abkommen mit Merrill.
Notkredit für AIG ist der radikalste Eingriff der Fed in die private Wirtschaft
Kenner der Branche erwarten nun eine Rückkehr zu den traditionelleren Formen des Geschäfts. Banken kehren zu den Grundlagen zurück – zum Kernzweck des Systems mit weniger Schnickschnack, sagt Douglas Flint, der Finanzchef der britischen Bank HSBC. Flint leitet auch eine Gruppe von Finanzmanagern, die an einem Rahmenwerk für die Vermeidung systemischer Risiken arbeiten. Es wird anerkannt, dass das Konstrukt der Branche anders sein wird, wenn sich der Staub gelegt hat, sagt Flint.
Noch allerdings wirbelt eine Menge Staub an den Börsen: Die Fed sah sich in dieser Woche gezwungen, dem größten amerikanischen Versicherungskonzern AIG einen riesigen Notfallkredit von 85 Milliarden Dollar einzuräumen, um eine drohende Insolvenz zu vermeiden. Dazu übernahm die Regierung die Kontrolle über den Konzern. Das war in der Geschichte der Fed der bisher radikalste Eingriff in die private Wirtschaft. Wegen der starken globalen Vernetzung des Versicherers hatte die Regierung im Fall einer Insolvenz einen katastrophalen Dominoeffekt befürchtet. Das hätte Banken auf der ganzen Welt in Mitleidenschaft gezogen. AIG machte zu schaffen, dass der Konzern in großem Stil komplexe Anleihen gegen das Risiko eines Ausfalls versichert hat. Darunter waren auch Kontrakte zur Absicherung gegen Ausfälle bei zweitklassigen amerikanischen Hypothekenanleihen.
Die Welt hat sich verändert
Am Freitag deuteten sich schließlich weitere Rettungsbemühungen der amerikanischen Regierung an. Finanzminister Hank Paulson, der ehemalige Vorstandschef von Goldman Sachs, gab Beratungen über einen umfassenden Plan zur Überwindung der Finanzkrise bekannt. Ziel ist offenbar eine Auffanglösung, um die Banken von notleidenden Krediten und riskanten Papieren zu befreien.
David Stowell, ein ehemaliger Investmentbanker, der jetzt an der Northwestern University lehrt, erwartet danach eine strengere Regulierung und einen konservativeren Managementstil. Die Welt hat sich verändert, sagt er.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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