Freizeit

Das Handy statt der Wanderkarte

15. Mai 2008 Ein Hut, ein Stock, ein Rucksack und eine Wanderkarte sind die wichtigsten Utensilien eines Wanderers. Doch die Zeiten, als zerfledderte, vergilbte Wanderkarten auf Moospolstern oder auf dem Rücken des Vordermannes ausgebreitet wurden, gehören wohl bald der Vergangenheit an. Sperrige, schwierig zu faltende Kartenwerke bleiben in Zukunft Nostalgikern vorbehalten, der moderne Wanderer lässt sich von seinem Handy durch Wald und Feld führen.

Vor allem ältere Menschen sind von der Technik angetan

In der Rhön wurde der erste digitale Wanderführer entwickelt – und nun sind die ersten kartenlosen Wanderer in der Region unterwegs. Sie testen das Programm „Live World“, das die Firma Gistum aus Nüsttal zum 108. Deutschen Wandertag auf den Markt gebracht hat. Die beiden Geschäftsführer Arno Behlau und Ulrich Fritsch schätzen, dass bis zu 50 000 Menschen Ende Juni zum Deutschen Wandertag in die Rhön kommen werden. „Das ist unsere Feuerprobe“, sagt Behlau. Wie viele von ihnen statt Wanderzeichen lieber leuchtenden Punkten folgen möchten, wird sich zeigen. Bei den ersten Probewanderungen seien die Teilnehmer begeistert gewesen. „Gerade die älteren Leute wollen das, sie finden das Programm phantastisch, wenn sie es ausprobieren“, berichtet Fritsch.

Digitaler Wanderführer mit fast allen neueren Handys kompatibel

In einer Sonderedition haben die beiden Tüftler alle 120 Touren des diesjährigen Wandertages digitalisiert und in ihr Programm aufgenommen. Dieses Programm können sich Wanderfreunde auf ihr Handy laden, das ihnen dann den Weg durch die Rhön weist. Menüsprachen sind neben Deutsch auch Englisch und Französisch, damit also auch ausländische Touristen mit dem Handy sicher ans Ziel kommen. Mit „Live World“ werden die Wanderführungen auf den meisten Handys, die seit 2007 auf dem Markt sind, wiedergegeben. Wird das Handy über Bluetooth mit einer separaten GPS-Maus verbunden, kann der Nutzer die Satelliten-Navigationssignale empfangen und seine Position in der Handykarte auf dem Bildschirm bestimmen.

Wanderführer auch ohne Mobilfunkempfang nutzbar

Sämtliche Informationen sind im Programm enthalten, so dass keine Mobilfunkkosten anfallen. Auch wenn der Mobilfunkempfang in den Weiten der Rhön versagt, lässt sich das Handy immer als Wanderführer benutzen. Die Handy-Wanderer folgen nicht mehr Wanderzeichen, wie dem Reh, dem roten Kreis oder dem schwarzen Dreieck, sondern dem gelben Punkt auf der pinkfarbenen Linie auf dem Bildschirm ihres Handys. Wird die Positionsanzeige rot, ist der Wanderer vom rechten Weg abgewichen.

Handy weist den Weg zum nächsten Gasthaus

Passiert der Wanderer eine Sehenswürdigkeit, leuchtet ein entsprechendes Foto auf und das Handy wird für einige Sekunden zum Reiseführer. Auch den Braten muss der Wanderer nicht mehr von weitem riechen, sein Handy verrät ihm, wann das nächste Gasthaus auf der Strecke liegt. Vorausgesetzt, der Wirt ist Werbekunde geworden und hat seine Kontaktdaten in die Handykarte aufnehmen lassen. Auch besondere Naturschönheiten, wie zum Beispiel den Frauenschuh am Wegesrand, kündigt das Handy mit einem Tuten an.

Digitaler Wanderführer ersetzt nicht den Baedeker

Die Techniktüftler Fritsch und Behlau führen allerdings die Routen in einem größeren Sicherheitsabstand um die botanischen Kostbarkeiten herum, damit die zarten Blüten nicht von derben Wanderstiefeln zertrampelt oder gepflückt und in verschwitzten Händen mit nach Hause getragen werden. „Wir wollen die sensiblen Gebiete auslassen, damit die Natur ihr Recht bekommt“, sagt Behlau. Eigens für die Orchideen haben die beiden einen Experten engagiert, der den kurzen Infotext geschrieben hat. Die wenigen Sätze über die Laurentiuskirche oder den Gänsborn stammen von Fritsch, denn der Schönwetterwanderer ist Historiker und Softwareentwickler. Am Milseburg etwa präsentiert das Handy eine kleine Diashow, an der Gangolfskapelle klingelt es kurz, dann taucht auf der Anzeige ein Bild mit Text auf. „Einen Baedeker können wir nicht hier draufbringen“, sagt Fritsch. Geplant ist jedoch ein Baukastensystem, so dass man den Grundinformationen die individuellen Interessengebiete zuladen kann. „Wir wollen noch speziellere Angebote wie Kräuterwanderungen oder Kulturführungen machen“, sagt Behlau.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt

 

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