Von Alexander Armbruster
09. Juni 2008 Gülben Kurucu fährt Segway. Nein, hinter dem Namen verbirgt sich weder ein hypermodernes Kirmes-Karussell noch eine umfunktionierte U-Bahn. Ein Segway hat zwei Räder und eine Achse, sieht aus wie die Kreuzung zwischen einem Hometrainer und einem halbierten Rasenmäher und ist der ideale Polizeiautoersatz für große Volksfeste wie den Hessentag.
Gülben Kurucu ist Kommissarin und ein richtiger Hingucker, wenn sie auf ihrem Segway steht und ihn durch die Besuchermengen manövriert. Ganz egal, ob sie vor dem Eingang des Polizei-Bistros kurvt, die Ostpreußenstraße auf- und abfährt, wo Crepes, gebrannte Mandeln und andere hessentagstaugliche Herzlichkeiten angeboten werden, oder ob sie vor der Bühne der Volksbank kreuzt: Immer wieder drehen sich die Leute nach ihr um und stellen ihr Fragen über das Gerät oder über den Hessentag - oder über beides. Und manchmal freuen sie sich auch ganz einfach darüber, dass die Polizei nun so offensichtlich die Übersicht behält. Dann nicken sie anerkennend und gehen nach kurzem Gruß schon weiter. Für die Polizei ist gerade das zuletzt Genannte wichtig. Dass wir von weitem gesehen werden, ist auch ein Teil erfolgreicher Prävention, erläutert Kurucu.
44 Kilogramm zu bewegen
Klar schreckt der Anblick einer Uniform schon für sich genommen den einen oder anderen Gauner ab. Aber das erst recht, wenn die Uniform noch dazu schnell näher kommt. Die etwas unsportlich wirkenden Segways können immerhin je nach Modell zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Stundenkilometer schnell fahren. Wir haben auch schon einige Erfolge in der Täterverfolgung erzielt, sagt die Polizistin und meint damit, dass das Gefährt schnell genug ist, um einen davonlaufenden Bösewicht zu schnappen. Offenbar gelang das bisher aber zu selten, um die Geräte zur Standardausrüstung eines gängigen Großstadtreviers werden zu lassen. Sie sind darum bei der Polizei momentan noch in der Probephase.
Womöglich aber auch deshalb, weil von den hessischen Flächenrevieren bisher nur sieben Segways eingesetzt werden und wenn, dann meist zu Präsentationszwecken. Vier wurden schon im Sommer des vergangenen Jahres gekauft und auf der Cebit im März vorgeführt. Drei weitere kamen pünktlich zum Hessentag dazu. Denn das zehntägige Riesenfest ist ein ideales Versuchslabor, in dem der Segway seine Einsatztauglichkeit beweisen könnte. Die Homberger Altstadt mit ihren vielen engen Gassen und natürlich die Besucherscharen reduzieren die Fahrzeugwahl für Polizisten im Einsatz schnell auf die Frage, den Segway oder doch die eigenen Füße zu benutzen. Ein Streifenwagen würde in dem Besuchergedränge dagegen schnell steckenbleiben.
Dazu kommt, dass der Treibstoff der Geräte nicht aus der Zapfsäule kommt, sondern aus der Steckdose. Zwischen vier und sechs Stunden dauert es, bis der Akku voll aufgeladen ist. Der Elektro-Sprit reicht dann für rund 40 Kilometer. Der Stromverbrauch ist denkbar gering und damit in puncto Umweltfreundlichkeit auch etwas, was die Beamten gerne hervorheben. Wir brauchen 50 Cent für 100 Kilometer, sagt Kurucu. Trotz des geringen Verbrauchs kann ein Segway mit seinen insgesamt vier Pferdestärken und einer entsprechenden Erweiterung sogar leichte Lasten ziehen. Und schließlich ist auch das Gewicht ein klarer Pluspunkt. 44 Kilogramm wiegt das Gefährt, wie es von der Polizei auf dem Hessentag eingesetzt wird. Umso höher ist dafür der Preis.
Technik aus der Luft- und Raumfahrtindustrie
Ein Gerät kostet rund 6000 Euro. Das liegt vor allem daran, dass neben der für den geringen Verbrauch verantwortlichen Technik auch der eingebaute Gleichgewichtssinn technisch aufwendig ist. Das Fußteil ist mit Sensoren ausgestattet, die in jeder Sekunde Gewicht und Belastungswinkel messen. Das Gerät erzeugt automatisch einen Gegendruck, der verhindert, dass das Fahrzeug samt Fahrer umfällt. Die Technik dafür kommt ursprünglich aus der Luft- und Raumfahrtindustrie, sagt Kurucu. Sie sollte eigentlich Menschen dienen, denen das Laufen schwerfällt. Das habe aber nicht funktioniert, neuer Abnehmer und Tester sei deswegen die Polizei geworden. Nach Angaben Kurucus ist das Gerät bei italienischen Ordnungshütern längst als diensttauglich eingestuft worden.
Wann die ersten Polizisten mit Blaulicht und auf Segways über die Frankfurter Zeil patrouillieren werden, ist aber noch nicht klar. Dazu muss sich der Segway erst mal weiter im Dienst bewähren. Die Probe auf dem Hessentag, der ja nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft des Bundeslandes ausstellen soll, hat er bestanden. Was auch ein bisschen an der Fahrerin liegt. Und wirklich nur ein ganz kleines Bisschen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar, dpa, F.A.Z. Foto Rainer Wohlfahrt