28. Juli 2008 Es muss nicht immer gleich eine Talsperre sein. Nur 1,80 Meter tief fällt das Wasser der Lahn in Dautphetal. Und erzeugt dabei seit Oktober 2007 bis zu 220.000 Kilowattstunden Strom im Jahr. Das rettet nicht die Welt. Aber es ist genug Energie für gut 50 Haushalte. Doch die Überraschung ist, dass die Turbine überhaupt läuft. Nach 86 Jahren Betriebszeit hatte die alte Anlage 2006 ihren Geist aufgegeben, und es war alles andere als leicht, den Bau der neuen durchzusetzen.
Glücklicherweise konnte der Besitzer der ehemaligen Getreidemühle nachweisen, dass die Wasserrechte an dieser Stelle bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Und glücklicherweise ging eine Vorantragskonferenz“, bei der die technischen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen diskutiert wurden, gut für ihn aus. Und freundlicherweise stellen sich weder der Kreis noch die Gemeinde, weder die Landwirtschaft noch die Fischerei in den Weg. Die neue Kleinwasseranlage ist ein gutes Beispiel, wie Wasserkraft in Hessen effektiv genutzt werden kann“, lobt das RKW Hessen, das Mittelständler berät.
Wasserkraft steht stetig zur Verfügung
Sie ist jedoch auch ein Beispiel, wie hoch die Hürden bei der Nutzung der Wasserkraft sind. Denn obwohl sie nicht nur zu den ältesten, sondern auch zu den umweltfreundlichsten Formen der Energieerzeugung zählt, stößt ihr Ausbau doch auf Widerstände – pikanterweise ausgerechnet bei Umweltschützern, die sich um die Natürlichkeit des Flusslaufes sorgen.
Es ist ein Konflikt, der von der hohen Politik der Europäischen Union bis hinein in die hessische Landespolitik reicht. Die gleiche EU, die einerseits über eine Vorschrift namens Wasserrahmenrichtlinie vorgibt, dass Flüsse so naturnah sein sollen wie möglich, will auch den Ausbau der regenerativen Energien. Und Wasserkraft ist im Energiemix besonders wertvoll, weil sie – von Unregelmäßigkeiten wegen schwankender Niederschläge abgesehen – stetig zur Verfügung steht, anders als Solar- und Windenergie.
Reaktivierung alter Standorte
Im Landtagswahlkampf rammte Schattenumweltminister Hermann Scheer (SPD) einen Pflock ein: Neben Hunderten Solarparks und Windrädern forderte er 61 Wasserkraftwerke für das Bundesland – drei für jeden Landkreis. Unseriös“ lautete die prompte Antwort der CDU auf das Energiekonzept. Die Frage, welches Potential die Wasserkraft in Hessen noch hat, ist schon länger umstritten. 2006 trug sie knapp zwei Prozent zur Stromerzeugung bei. An neue Talsperren ist kaum zu denken, die meisten Flüsse schlängeln sich gemächlich durch die Landschaft.
Andererseits finden sich viele Orte, an denen die Wasserkraft einst in kleinem Stil genutzt wurde, nicht zwangsläufig zur Stromerzeugung, sondern auch für Mühlen. 2.000 bis 3.000 Anlagen habe es in Hessen einmal gegeben, schätzt Gerhard Eckert, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft hessischer Wasserkraftwerke. Heute seien es noch 400. Die Arbeitsgemeinschaft verweist auf ein Gutachten von Hans-Burkhard Horlacher, Professor für Wasserbau an der TU Dresden, der für Hessen ein Ausbaupotential auf mehr als das Doppelte sieht. Die Freunde der Wasserkraft richten ihr Augenmerk vor allem auf die Reaktivierung solch alter Standorte. Das Potential in Hessen werde nur zu zwei Dritteln genutzt, beklagte im Frühjahr die Grünen-Landtagsabgeordnete Ursula Hammann. Sie denke dabei gerade an stillgelegte Mühlen. Im hessischen Wirtschaftsministerium meint man hingegen, viel sei in dieser Hinsicht nicht mehr zu holen. Auch unter Annahme von vereinzelt noch möglichen Reaktivierungen kleiner Anlagen und kapazitätserhöhenden Modernisierungen dürfte die Wasserkraft auf Dauer kaum mehr als heute zur Deckung des Strombedarfs in Hessen beitragen“, heißt es dort. Die konkurrierenden Ansprüche“, die sich aus der Wasserrahmenrichtlinie ergäben, ließen nicht mehr zu. So war 2006 in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen zu lesen, und so gilt es nach den Worten eines Ministeriumssprechers heute noch.
Es fehlt an Küsten
Dem Bund für Umwelt und Naturschutz ist das nur recht. Der Zugewinn an Strom stehe in keinem Verhältnis zu den Schäden an den Wasserläufen, meint Thomas Norgall vom BUND Hessen. Daher stehe man solchen Ausbauvorhaben zurückhaltend gegenüber. Am Ende wird es allerdings von der Genehmigungspraxis der zuständigen Behörden abhängen, ob neue Wasserkraftwerke entstehen oder nicht – und natürlich von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Einerseits wird auch die Wasserkraft über das Erneuerbare-Energien-Gesetz von allen Stromkunden subventioniert, andererseits entstehen zusätzliche Kosten, wenn etwa an einem Wehr Fischtreppen errichtet werden, um auch der Natur zu ihrem Recht zu verhelfen.
Im Ergebnis geschieht bisher allerdings wenig. Die Projekte, die ich kenne, kann man an den Fingern einer Hand abzählen“, sagt Eckert von der Arbeitsgemeinschaft hessischer Wasserkraftwerke. Eines davon ist die Modernisierung der Schleuse Kostheim kurz vor der Mainmündung. Bis 2009 werden dort 15,5 Millionen Euro in ein neues Wasserkraftwerk investiert – der subventionierte Strom soll für 4.500 Haushalte reichen. Doch handelt es sich dabei um das einzige größere Projekt weit und breit – und die Startbedingungen waren hier besonders günstig, weil durch die Schleuse der Wasserlauf ohnedies unterbrochen war.
Anderswo ist man wie üblich unbefangener. In Frankreich wird gerade ein Meeresströmungskraftwerk geplant, das den Wechsel von Ebbe und Flut nutzt. Das allerdings haben bisher nicht einmal die größten Visionäre für Hessen gefordert. Es fehlt halt an Küsten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa