Morde in Rüsselsheim

Schüsse vor dem Eiscafé

Von Hanns Mattes und Thomas Holl

Spurensicherung in der Tatnacht

Spurensicherung in der Tatnacht

13. August 2008 Scherben zerbrochener Aschenbecher liegen auf dem Pflaster, daneben umgestoßene Stühle und dunkelrote Sitzkissen. Rot - mit weißen Streifen - sind auch eine Abdeckplane und ein aufblasbares Zelt, die von den Polizisten auf der Bahnhofstraße aufgebaut worden sind, damit die Tatortermittler am Mittwoch ungestört arbeiten können. Jenseits der Absperrung stehen Schaulustige. Logenplätze haben die Kunden eines Stehcafés vis-á-vis der Eisdiele „De Rocco“, in der am Abend zuvor zwei Männer und eine Frau getötet worden sind.

Das „Rocco“ liegt an der Bahnhofsstraße von Rüsselsheim, in einer jener schmucklosen Fußgängerzonen, die für deutsche Mittelstädte seit den siebziger Jahren so typisch geworden sind. Nebenan hat ein Mobilfunkanbieter aufgemacht, in der Nähe eine Parfümerie - der übliche Filialisten-Mischmasch. Von den drei Eiscafés in der Innenstadt gilt das „Rocco“ als das erste Haus am Platze. Gerade jüngere Rüsselsheimer treffen sich gerne „beim Rocco“ mit dem angeblich besten Stracciatella der Stadt.

Schauplatz einer Bluttat

Zeichen der Trauer vor der Eisdiele

Zeichen der Trauer vor der Eisdiele

Um kurz nach acht Uhr am Dienstag abend ist es vorbei mit der beschaulichen Feierabendstimmung. Die noch gut besuchte Eisdiele wird urplötzlich zum Schauplatz einer Bluttat. Schon kurz nach der Schießerei kursieren unter den Schaulustigen, deren Zahl schnell in die Hunderte geht, erste Versionen des Tathergangs. Drei bis vier Männer hätten in dem Café an einem Tisch gesessen. Vier bis fünf Männer seien hinzugekommen. In der Gruppe türkischer Männer sei es erst zum Streit und schließlich zu den Schüssen gekommen. Einer habe einen türkischen Namen geschrien, erzählt ein Mann, der das von einer Augenzeugin erfahren haben will. „Dann wurde losgeballert.“ Drei Männer werden niedergeschossen oder -gestochen. Zwei sterben, einer wird schwer verletzt.

Auch eine Frau, die mit der Auseinandersetzung zwischen den Gruppen nichts zu tun hatte, wird getötet. Die 55 Jahre alte Griechin Anna A., dessen Schwager das benachbarte Lokal „Leonidas“ betreibt, wollte nur kurz mit Verwandten einen Kaffee trinken. Als sie sich in Sicherheit bringen will, wird sie durch einen Querschläger oder eine verirrte Kugel tödlich verletzt, berichtet die Polizei später. Ihr Mann muss mit ansehen, wie sie stirbt. Dem Sender n-tv sagt er am nächsten Tag, er habe Schüsse gehört und seine Frau am Boden gesehen. Sie habe gesagt „Bitte hilf mir“, er habe sie mit anderen in die Taverne gezogen, 20 Minuten später sei sie gestorben.

Austausch von Mutmaßungen und Beobachtungen

Wichtigstes Utensil unter den Schaulustigen nach der Tat sind Handys: Ein Mädchen im Teenageralter telefoniert aufgeregt mit einer Freundin, mit der sie sich in der Innenstadt verabredet hat: „Wo bist Du denn? Ich mach' mir Sorgen!“ Andere rufen Freunde und Verwandte an, um Mutmaßungen und Beobachtungen auszutauschen. Der Platz vor der Eisdiele ist gleißend hell ausgeleuchtet. Um die Arbeit der Polizei zu erleichtern, hat die Feuerwehr einen Mast mit Scheinwerfern errichtet. So haben auch die Zuschauer an den Absperrungen einen guten Blick auf das „Rocco“.

Nur wenige Meter vom Tatort entfernt am Busbahnhof stehen Feuerwehrleute und Sanitäter. Sie kümmern sich unter anderem um Angehörige der Opfer und Zeugen der Tat, die unter Schock stehen. An die zwei Dutzend Menschen müssen betreut werden. Doch verzichten manche auf die Hilfe der Ärzte: Der Vater eines der Toten will keine Beruhigungsmittel, sondern zurück zu seiner Familie und seinen Landsleuten. Zwischenzeitlich sind angeblich rund 300 Hilfskräfte in Rüsselsheim im Einsatz, zwei Stunden nach der Bluttat werden die ersten von ihnen wieder nach Hause geschickt; auch eine Kolonne ziviler Polizeiwagen verlässt die Fußgängerzone.

Streit um einen Wett-Gewinn

Gerüchte kursieren: Angeblich ist es um einen nicht ausgezahlten Wett-Gewinn gegangen, deswegen sei es auch schon in der vergangenen Woche in einer Diskothek im nahen Mainz zu einer Schlägerei zwischen den Männern gekommen. Tatsächlich hatte es wegen eines Streits um Wettschulden schon einmal einen Mord in Rüsselsheim gegeben: Im Jahr 2004 war ein 38 Jahre alter Türke von zwei Italienern erschossen worden. Sie hatten sich geweigert, dem Opfer sein Geld zu geben.

Das erste Haus am Platze

Das erste Haus am Platze

Auf der Presskonferenz in Wiesbaden am Mittwoch nachmittag bestätigt die Polizei, dass die Bluttat ihren Ausgangspunkt in einem persönlichen Streit unter Türken am Wochenende in Mainz hatte. „Wir können nicht ausschließen, dass aufgrund dieser persönlichen Beziehungsebene diese Männer Gruppen um sich geschart haben“, sagt der Leiter der noch in der Nacht mit 150 Beamten gebildeten Sonderkommission des Hessischen Landeskriminalamtes, Stefan Müller. Mindestens einer der Männer, die an der Schießerei beteiligt gewesen seien, sei auch bei einer Auseinandersetzung am Wochenende in Mainz im Spiel gewesen.

Gekränkte Ehre

Auch wenn Müller auf der Pressekonferenz bewusst zurückhaltend formuliert - zwischen den Zeilen wird deutlich, dass doch die - warum auch immer gekränkte - „Ehre“ der Angreifer der Auslöser für die tödlichen Schüsse und Messerstiche gewesen sein könnte. Nach den vorläufigen und nur teilweise öffentlich gemachten Erkenntnissen der Ermittler, die sich auf Zeugenaussagen und die Spurensicherung stützen, hat sich für die Polizei der Tatablauf inzwischen aufgehellt.

Abgeriegelt und noch nicht aufgeräumt: Das Eiscafé in Rüsselsheim

Abgeriegelt und noch nicht aufgeräumt: Das Eiscafé in Rüsselsheim

Danach griff eine Gruppe von vier bis fünf Männern eine andere Gruppe von drei bis vier Personen an, die bereits an einem Tisch in der Eisdiele an der Bahnhofstraße 33 saßen. Bei diesem ersten Teil der Auseinandersetzung, die mit Schusswaffen und Messern geführt wurde, starb ein 26 Jahre alter Türke aus Wiesbaden, während sein 31 Jahre alter Bruder, der zunächst lebensgefährlich verletzt wurde, derzeit in einem Frankfurter Krankenhaus liegt und von der Polizei bewacht wird. Er befindet sich am Mittwoch nachmittag außer Lebensgefahr. An diesem Donnerstag soll er von den Ermittlern zu dem Fall vernommen werden. Aus der Gruppe der Angegriffenen starb ein 29 Jahre alter Türke aus Raunheim.

Keine unbeschriebenen Blätter

Alle der bisher identifizierten Tatbeteiligten waren für die Polizei keine unbeschriebenen Blätter, auch wenn die Ermittler nichts über mögliche Vorstrafen sagen wollen. Nicht bestätigen will die Polizei Spekulationen, dass Wettschulden ein Motiv gewesen sein könnten. Dass es auf offener Straße mitten in einer kleinen Stadt wie Rüsselsheim aus welchen Motiven auch immer zu einer Bluttat mit drei Toten und einem Schwerverletzten gekommen ist, empört den stellvertretenden Leiter des Landeskriminalamtes, Roland Desch: „Das ist nicht hinnehmbar.“ Auch die Befürchtung der Polizei, dass die türkische Vendetta nun erst recht noch weitere Opfer fordern könnte, führt zu massiven Anstrengungen. An verschiedenen Orten im Rhein-Main-Gebiet stürmen Sondereinsatzkommandos am Mittwoch mehrere Wohnungen. Dabei nehmen sie zwei Türken im Alter von 49 und 28 Jahren fest. Nun wird geprüft, ob sie an der Tat beteiligt waren.

Die Ermittler legen sich jedenfalls nicht darauf fest, ob die Morde ein Fall organisierter Kriminalität gewesen sein könnten. Schließlich ist genau ein Jahr seit den Mafia-Morden in Duisburg vergangen, doch Paralellen zu dem Fall im Ruhrgebiet, als sechs Mafiosi von Mitgliedern eines verfeindeten Clans getötet wurden, will die Polizei nicht ziehen. Immerhin: Die angeblich vier Angreifer seien bewaffnet gewesen, nicht aber die Opfer. Trotzdem wollen Zeugen beobachtet haben, dass einer aus einer Kopfwunde geblutet habe, als er zu Fuß flüchtete.

„Coole Typen“

Einige der Neugierigen, die sich am Dienstag abend in der Innenstadt versammelt hatten, wollen mit den niedergeschossenen Männern befreundet, mit ihnen aufgewachsen sein: „Coole Typen“, sagt ein junger Türke. Vielleicht ist es Aufschneiderei, aber mit 60 000 Einwohnern ist Rüsselsheim noch klein genug, dass sich viele der Gleichaltrigen untereinander kennen. Die Polizei sucht am Mittwoch weiter dringend nach Zeugen, die Staatsanwaltschaft Darmstadt setzt für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, eine Belohnung von 10 000 Euro aus. Am Mittwoch parken nicht mehr Feuerwehrautos, sondern Übertragungswagen an der Bahnhofsstraße, unter ihnen auch das Team eines türkischen Senders. Für die Fernsehjournalisten gibt es in Rüsselsheim aber nicht mehr viel zu filmen - außer den Scherben vor dem Eiscafé.

Text: dpa
Bildmaterial: ddp, dpa, F.A.Z., Marcus Kaufhold

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