09. Mai 2008 Seit Jahren kämpft Wolfgang Friedt bei Versuchen mit gentechnisch verändertem Mais mit dem Widerstand von Gentechnik-Gegnern. So hat der Forscher zuletzt Feldversuche in Gießen und Groß-Gerau abgesagt. Nun fordert die linke Mehrheit im hessische Landtag eine gentechnikfreie Landwirtschaft. Dabei bringt Genmais für Bauern und Verbraucher Vorteile mit sich, wie er im folgenden Interview der Rhein-Main-Zeitung sagt.
Gentechnik-Gegner haben im Frühjahr Versuchsfelder der Uni Gießen besetzt und 2007 teilweise verwüstet. Weshalb halten Sie an den Feldversuchen mit gentechnisch verändertem Mais fest?
Weil ich Gentechnik für eine sinnvolle Strategie halte. Ich meine, wir müssen das gesamte methodische Repertoire der Züchtung nutzen, um Nutzpflanzen zu optimieren. Grüne Gentechnik ist aus meiner Sicht eine wertvolle Ergänzung zu den konventionellen Methoden.
Wieso wird Gentechnik bei Mais und anderen Nutzpflanzen benötigt?
Mit Gentechnik können Pflanzen an der einen oder anderen Stelle entscheidend verändert werden, was mit herkömmlicher Züchtung nicht möglich ist.
In Ihrem Fall geht es um eine Maissaat, das ein vom Konzern Monsanto patentiertes Gen in sich trägt, um den Maiszünsler zu vergiften. Warum sollten Bauern diese Sorte anbauen dürfen?
Außer Monsanto arbeiten noch andere Unternehmen an solchen Dingen, etwa Syngenta in der Schweiz. Monsanto hält, das ist richtig, das Patent auf die hier angesprochene genetische Veränderung in dem neuen Saatgut, das im Rahmen von Wertprüfungen getestet werden sollten. Diese neue Eigenschaft kann von anderen Wettbewerbern gegen Lizenzgebühren zur Verbesserung ihrer eigenen Sorten genutzt werden. Aus meiner Sicht ist es ein Vorteil, dass auch andere Züchter den Zugang zu dieser Technologie haben. Das ist auch ein Beitrag zur Sortenvielfalt.
Wie hoch sind denn die Ernteausfälle durch den Maiszünsler-Beifall?
Das hängt vom Standort ab, aber gerade Südhessen mit dem Ried und der gesamte Rheingraben sind besondere Befallsgebiete des Zünslers. Dort ist es zumeist wärmer als andernorts in Deutschland, was den Insekten entgegenkommt. Je wärmer es wird, desto häufiger tritt der Maiszünsler auf und führt zu erheblichen Schäden, die sich in extremen Fällen auf 50 Prozent einer Ernte belaufen können.
Wie bringt der Zünsler das fertig?
Er bohrt den Stängel der Maispflanze an, der dann abbricht.
Das heißt, wenn er unterhalb des Maiskolbens bohrt, ist die Frucht verloren?!
Genau, dann bringt die Pflanze keinen Ertrag. Zudem kann es zu Pilzinfektionen an den Bohrlöchern kommen. Der Pilz wiederum bildet Gifte, die das Erntegut belasten können.
Was hat diese Vergiftung zur Folge?
Nun, in solchen Fällen ist das Erntegut als Futter nicht mehr zu gebrauchen oder beeinträchtigt. Und wenn die Körner zu Lebensmitteln verarbeitet werden sollen, ist das problematisch. Der Einsatz von gentechnisch verändertem Mais ist für die Umgebung und vor allem die Insekten weniger schädlich als das Versprühen von Insektenvernichtungsmitteln beim Zünsler-Befall. Gegen Zünsler resistenter Mais ist unter Umständen weniger mit Pilzgiften belastet als eine herkömmliche Sorte.
Ist das ein Argument, um Genmais Verbrauchern schmackhaft zu machen?
Ich denke schon. Der Genmais selber ist unbedenklich für die Umwelt. Das hat die Zentrale Kommission für biologische Sicherheit im vergangenen Jahr sehr deutlich bekräftigt. Außerdem wird der Einsatz von Insektiziden gegen den Zünsler unnötig – auch das ist ein Vorteil für die Verbraucher.
Nun ist der Monsanto-Genmais in Frankreich und Österreich verboten, die Grünen im Landtag wenden sich gegen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, und die meisten Verbraucher hierzulande wollen kein Gen-Food“.
Das stimmt. Das liegt daran, dass sehr wirksame Propaganda gegen die grüne Gentechnik gemacht worden ist und weiter gemacht wird. Das führt so weit, dass der Begriff grüne Gentechnik abgelehnt wird, vielleicht weil er zu grün“ sei. Gentechnik-Gegner bevorzugen den Begriff Agro-Gentechnik. Den Verbrauchern wird suggriert, mit der grünen Gentechnik seien unwägbare Gefahren verbunden. Und wenn es nicht gelingt, Gefahren konkret zu benennen, wird gerne auf das Restrisiko abgestellt. Nach dem Motto: Wir wissen ja nicht, was in 100 Jahren sein wird. Beim Verbrauchern bleibt ein unbehagliches Gefühl zurück, und viele denken sich, eigentlich brauche ich ja auch keine grüne Gentechnik, denn Lebensmittel gibt es hier ja genug.
In Europa schon, aber anderswo auf der Welt rebellieren Menschen, weil Mais, Reis und Weizen knapp werden und Preise explodieren. Könnte die grüne Gentechnik helfen, indem Ernteerträge in Schwellenländern gesteigert werden?
Davon bin ich hundertprozentig überzeugt. Es scheint so, dass wir beim Flächenertrag herkömmlicher Sorten heute an einem gewissen Limit angelangt sind. Dagegen könnte das Ertragspotential etwa bei Weizen mit Hilfe der Gentechnik möglicherweise noch gesteigert werden. Ich gehöre bestimmt nicht zu denen, die das Potenzial der Pflanzenzüchtung allein in der Gentechnik sehen. Ich sage nur, dass sie in manchen Punkten wirklich weiterhelfen kann. Mit Blick auf die großen Herausforderungen durch Krankheiten und Wasserknappheit etwa.
Haben Sie schon mal Produkte aus gentechnisch verändertem Mais gegessen?
Indirekt auf jeden Fall. Ich esse recht gerne Fleisch, wenn auch nicht in großen Mengen. Ich glaube, da verzehre ich jedes Mal Fleisch, das mit gentechnisch verändertem Soja erzeugt worden ist.
Wieso das?
Weil etwa 80 Prozent der Sojasaat, die weltweit produziert und auch in Europa zu Öl und Schrot verarbeitet wird, vermutlich aus gentechnisch veränderten Pflanzen stammt. Zudem hat die Europäische Union erst im Frühjahr wegen allgemeiner Futtermittelknappheit gentechnisch veränderten Mais als Futtermittel eingeführt, und der ist auch ja sicherlich verfüttert worden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Franz Möller