Von Rainer Hein
06. Juli 2008 Darmstadt ist nicht Berlin, aber dank eines überraschenden Immobilienangebots verfügt der Bund Bildender Künstler (BBK) bis Jahresende über eine Ausstellungshalle, die an jene alten Fabrikgebäude oder Altbauten denken lässt, die die Bundeshauptstadt für internationale Künstler so anziehend macht. Das Stolze-Haus an der Kreuzung zwischen Rheinstraße und Neckarstraße harrt des Abrisses, der Grundsanierung oder des Verkaufs, weshalb der BBK das Erdgeschoss des Gebäudes vorübergehend als künstlerisches Experimentierfeld nutzen darf.
Kreativität kann sich ungehemmt entfalten
Dort, wo vor noch nicht langer Zeit Möbel oder Wasserbetten zum Verkauf standen, machen seit einigen Wochen sechs BBK-Mitglieder ihre je eigenen Grenzerfahrungen – und zwar vor den Augen der Öffentlichkeit. Denn die Passanten trennt nur die alte Schaufensterscheibe von Karin Herbsthofer, Sibyll Ariane Keller, Olga Malkovskaja, Eberhard Malwitz, Gabriele Nold und Zoya Sadri, die hier seit drei Wochen mit Pinsel und Paletten hantieren.
Für BBK-Vorsitzende Brigitte Satori-Constantinescu war das Angebot von Thomas Stolze ein Glücksfall, verfüge der Verband mit seinen 70 Mitgliedern in Darmstadt doch über keine eigenen Räume. Nun darf er gleich eine ganze Möbelhaus-Etage als Atelier und Galerie nutzen, die ihren Berliner Charme nicht verhehlen kann: Demontierte Deckenverkleidung, herabhängende Kabel und kahle Betonträger signalisieren auf Anhieb, dass Kreativität sich in der leergeräumten Halle ohne Rücksicht entfalten darf. Der Verband hat die Gelegenheit denn auch beim Schopfe ergriffen und das Projekt Zeitweise kunst werk 1“ ins Leben gerufen, dem Kunstwerk 2 und 3 folgen sollen.
Kampf mit der Tücke des Objekts
Unter dem Titel Search for limits“ starteten zunächst die sechs Künstler am 16. Juni ihre Malaktion, bei der man sie jederzeit beobachten konnte – entweder vom Bürgersteig aus oder direkt über die Schulter hinweg, denn die Türen zum ungewöhnlichen Kunstwerkraum standen immer offen. Diese Werk- und Atelierphase endete gestern mit der Eröffnung der Ausstellung jener Arbeiten, die in den zurückliegenden Wochen entstanden sind, begleitet von Workshops und Vorträgen. Der Sparte Malerei und Zeichnung folgen vom 21. Juli bis zum 24. August Fotografie und neue Medien und abschließend mit Kunstwerk 3 Plastiken, Objekte und Installationen vom 25. August bis zum 28. September. Die Finissage am 10. Oktober beschließt dann aller Voraussicht nach die kurze Phase des Stolze-Hauses als öffentliche Kunstwerkstatt.
Search for limits“ ist, nimmt man die Erfahrungen der sechs Künstler, ein gut- gewählter Titel, denn auf Grenzen sind fast alle gestoßen. Keller zum Beispiel lag lange im Clinch mit ihrer Leiter. Die gebürtige Mainzerin hat zwar wie viele Mitglieder des Bundes Bildender Künstler ein eigenes Atelier. Aber derart große Leinwände wie hier im Stolze-Haus konnte sie dort nie bearbeiten: Ihre beiden Hochformate messen 3,10 Meter auf 1,20 Meter. Da helfen selbst lange Pinsel nicht. Also musste eine Hilfe her. Nur das mit der Leiter klappte einfach nicht, ich kam mit ihr nicht zurecht und war eine Woche lang nur am Kämpfen.“
In den Räumen aus dem Vollen schöpfen
Keller hat ihr Werk inside-outside“ genannt. Ihre Collage ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Hauses und des Raumgefühls, dessen Wirkung auf Künstler ziemlich nachhaltig zu sein scheint. Ich hatte hier zuerst das Empfinden, ich habe noch nie gemalt. Bei diesen großen Formaten braucht es einfach mehr Mut, etwa beim Farbauftrag“, erzählt die Malerin und bestätigt damit eine Erfahrung Nolds, die zwei große Querformate gestaltet: Man fühlt sich wie ein Kind in diesem großen Raum, wie ein Anfänger, wenn man so aus dem Vollen schöpfen kann.“
Malwitz hat die neue Darmstädter Raumfreiheit genutzt, um statt in die Höhe oder Breite in die dritte Dimension zu gehen: Sein großformatiger Würfel hängt von der Zwischendecke herab und darf als satirisches Spiel mit dem Galerieerleben betrachtet werden – der Betrachter muss nicht von Bild zu Bild gehen, sondern kann einfach den Würfel drehen. Auch der Iranerin Sadri bot das Großatelier die Möglichkeit, eine ganze Reihe unterschiedlich großer Leinwände zu bearbeiten, deren Motive sich thematisch um den Mithras-Kult drehen.
Malen wie im Rausch
Zum experimentellen Charakter der Malaktion im Möbelhaus gehört ein besonders großes Gruppenbild mit Dame. Nold, Malwitz, Herbsthofer und Keller hatten vor Wochen ein Modell zu Gast, dessen Schattenriss sie auf eine fast sechs Meter lange Leinwand projizierten. Nachdem sie die Form des weiblichen Körpers fixiert hatten, griffen sie zu Pinsel und Farbe und malten wie im Rausch“. Mittlerweile ist von Figürlichkeit nichts mehr zu erahnen, aber noch ist die Arbeit auch nicht abgeschlossen. Offen ist, wer den letzten Strich macht“, sagt Malwitz und lächelt spitzbübisch. Das wird von seinen Mitstreiterinnen derart innig erwidert, dass man keine Wette eingehen möchte, wer beim Stolze-Wandbild das letzte Wort spricht.
Die Ausstellung im Stolze-Haus, Neckarstraße 4-6, ist bis zum 20. Juli zu sehen, donnerstags von 18 bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr. Am 9. Juli referiert Hildegard Parekh über Verborgen unter der künstlerischen Oberfläche (20 Uhr). Informationen über das Programm: www.bbk-darmstadt.de.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Agata Skowronek
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