Von Julia Romlewski
06. Mai 2008 Dicke Luft in Deutschlands Ein-Raum-Kneipen. Der Umsatz habe sich mindestens halbiert, die Stammkundschaft bleibe weg, lauten die Klagen. Ein Berliner Wirt hat gegen das Rauchverbot, das seit Herbst auch in Hessen gilt, Verfassungsbeschwerde eingelegt. Unterstützung findet er beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Lokale, die keinen separaten Raum für ihre rauchenden Gäste einrichten können, sollten selbst entscheiden dürfen, ob sie sich als Raucher- oder Nichtraucherlokal am Markt positionieren wollen, sagt die Geschäftsführerin des Bundesverbandes, Ingrid Hartges. Eine spanische Lösung wünscht sich der Verband: Lokale, die nur aus einem Raum bestehen, sollten bis zu einer bestimmten Größe Wahlfreiheit haben. 75 bis 100 Quadratmeter sind im Gespräch.
Dem hält Siggi Ermer vom Verein Pro Rauchfrei mit Sitz in München entgegen: In Dänemark hat eine solche Lösung dazu geführt, dass die großen Kneipen, für die das Rauchverbot weiter galt, Umsatzsteigerungen hatten. Seiner Meinung nach kann man den benachteiligten kleinen Kneipen nur durch ein absolutes Rauchverbot helfen. Sie müssen raus aus dem Rauchermilieu. In anderen Ländern seien die Umsätze seit Einführung des Verbots sogar gestiegen. In Irland zum Beispiel. Ermer rät davon ab, in Raucherräume oder Abluftanlagen zu investieren. Er sieht ein einheitliches EU-Rauchverbot kommen.
Gleichwohl springt nun die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) den Einraumkneipiers bei: Sie will das Nichtraucherschutzgesetz ändern. So hat Lautenschläger eine neue Vorlage im Landtag angekündigt, die vor allem Ausnahmen vom allgemeinen Rauchverbot in Einraumkneipen vorsieht. Hessens Wirte dürfen nicht die Benachteiligten sein, sagte die Ministerin der Zeitung. Die FDP hatte bereits am Montag einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Ausnahmen vom strikten Rauchverbot für alle Kneipen mit nur einem Raum vorsieht.
Familien mit Kindern kommen nun häufiger
In Frankfurt hat sich derweil dem Eindruck einer Befragung nach die Mehrheit der Lokalbetreiber mit dem Gesetz arrangiert. Manchen fällt es leichter, anderen schwerer. Trendige Bars in der Stadtmitte bleiben trotz Rauchverbots attraktiv. Klar im Vorteil liegen auch Cafés mit Terrassen oder Raucherzelt. Wer in den Sommermonaten Tische ins Freie stellen kann, hat nur geringe Einbußen. Manchen hat das Verbot sogar neue Kundschaft gebracht: Familien mit Kindern kommen nun häufiger. Das Ess- und Trinkverhalten habe sich seit Einführung des Nichtraucherschutzes allerdings geändert, berichtet Sara Flora, die Inhaberin des Cafés Karin am Großen Hirschgraben. Die Gäste gehen früher. Sie essen zwar mehr, bestellen jedoch weniger Getränke. Das Verbot sei sinnvoll für öffentliche Einrichtungen und Restaurants, meint Kerstin Junghans, Geschäftsführerin der Hotel- und Gaststättenvereinigung Frankfurt. Kneipenbesitzer zu reglementieren, nennt sie dagegen Entmündigung des Gastes.
Bei denen, die als Bedienung arbeiten, kommt das Rauchverbot gut an. Es ist angenehmer, seit nicht mehr geraucht wird. Aber wenn ich selbst weggehe, würde ich schon gern überall rauchen dürfen, sagt eine junge Frau, die in Frankfurt in der Café-Bar Riz jobbt. Nicht alle Erwartungen von Nichtrauchern haben sich erfüllt: Die Klamotten riechen jetzt zwar nicht mehr nach Rauch, dafür nach Fisch und anderen Essensdünsten, hat ein Student bemerkt.
Ob die strikten Regeln bleiben, weiß derzeit niemand. In Sachsen haben Wirte erfolgreich gegen das Rauchverbot geklagt: Das Landesverfassungsgericht setzte in einem Eilverfahren das Gesetz für Ein-Raum-Kneipen aus, die vom Inhaber allein geführt werden. Oder der Gesetzgeber legt wie in Bayern Hand an die eigenen Regeln. Für Festzelte wird dieses Jahr noch eine Ausnahme gemacht. In Bayern gebe es etwa 65.000 derartiger Veranstaltungen im Jahr, begründet Siegfried Gallus, Präsident des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, die Volte. Trotzdem hält er die Regelung in Bayern insgesamt für die strengste und damit gerechteste.
Bars wandeln sich zu Raucherclubs
Diese Einschätzung teilt nicht jeder. Absurd finden viele Nichtraucher, was gerade in etlichen bayerischen Städten passiert. Immer mehr Bars und Kneipen werden in Raucherclubs umgewandelt oder erklären sich zu geschlossenen Gesellschaften. Von Anarchie spricht Siggi Ermer von Pro Rauchfrei. Anzeichen dazu gibt es auch anderswo: In Berlin und Hamburg wird Berichten zufolge das Rauchverbot in einigen Lokalen schlicht ignoriert. Betreiber von Ein-Raum-Kneipen können sich außerdem in der Hansestadt als Verein eintragen lassen. Das Vereinsheim Parallelwelt in Altona rühmt sich damit, Hamburgs erste Raucherkneipe zu sein. Diskreter, aber schon längst gehandelt hatte der Inhaber des teuren Steak-Hauses Ivory Club in Frankfurt. Er hatte einen kleines Nebenzimmer des Lokals zur Nichtraucherzone und den eigentlichen Raum zur Raucherzone erklärt.
Kontrolliert wird ohnehin nur, wenn bei den Ordnungsämtern Hinweise oder Anzeigen eingehen. Gäste, die sich unerlaubt eine Zigarette anzünden, kommen fast immer ungeschoren davon. Wirte hingegen müssen Strafe zahlen, wenn sie das Rauchen nicht unterbinden. In Frankfurt hat das Ordnungsamt bislang gegen drei Wirte Bußgelder in Höhe von jeweils 280 Euro verhängt, acht Verfahren sind noch anhängig, Tendenz nachgebend. Anfangs hätten sich die Gaststättenbetreiber gegenseitig angezeigt, vermutet Thomas Klüber, der das Walden am Kleinen Hirschgraben führt. Vorschläge, wie man Gesundheitsschutz und wirtschaftlichen Interessen gerecht werden könnte, gibt es genug. Man muss sich nur in Cafés, Bars und Kneipen umhören. Ein Rauchverbot nur bis 23 Uhr wird da zum Beispiel genannt. Ingrid Hartges stimmt zu. In Restaurants sollten Gäste von diesem Zeitpunkt an rauchen dürfen, in Kneipen und Bars früher.
Nicht mehr rauchen belohnen
Mangels Masse würden sich einige Kontroversen in Luft auflösen, wenn eine alle zwei Jahre in ganz Deutschland ausgerichtete Kampagne, die Glimmstengel doch in der Schachtel zu lassen, durchschlagenden Erfolg hätte. Das Lockangebot: Wer vier Wochen nicht raucht, hat die Chance, 2500 Euro zu gewinnen. 2006 hatte das 45.000 Deutsche zum Mitmachen angespornt. Jeder dritte Teilnehmer habe sich auch ein Jahr später keine Zigarette mehr angezündet, so das Frankfurter Gesundheitsamt. Ein beachtlicher Erfolg und eine gute Nachricht für den Finanzminister: Denn der volkswirtschaftliche Schaden, der durch das Rauchen entsteht, lag 2006 bei mehr als 17 Milliarden Euro, lässt die Deutsche Krebshilfe wissen. Die Einnahmen aus der Tabaksteuer beliefen sich hingegen nur auf 14 Milliarden Euro.
Text: F.A.S. mit lhe
Bildmaterial: Roger Hagmann