Weinbau

Zinfandel zurück nach Hessen

Von Oliver M. Bock, Heppenheim

Rückkehr an die Bergstraße: In Hessen wachsen wieder Zinfandel-Trauben.

Rückkehr an die Bergstraße: In Hessen wachsen wieder Zinfandel-Trauben.

10. Oktober 2009 Die in Kalifornien als Zinfandel und in Italien als Primitivo bekannte Rotweinrebsorte wächst jetzt auch an der hessischen Bergstraße. Das ist keine Premiere, sondern eine Rückkehr, denn aktuelle Untersuchungen haben ergeben, dass diese Rebsorte vermutlich mehr als 400 Jahre lang auch an der Bergstraße angebaut worden war.

In einem vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz finanzierten Projekt zur „Erfassung rebengenetischer Ressourcen in Deutschland“ waren von dem Darmstädter Rebsortenexperten Andreas Jung mehr als 600 alte Weinberge in Deutschland aufgesucht und dort verbliebene alte Reben erfasst und bestimmt worden. Seine Funde belegen, dass es mit gut 215 Traditionssorten eine unerwartete Vielfalt gibt. An der Bergstraße hat Jung allein 82 alte Sorten entdeckt.

Primitivo wird seit Jahrhunderten an der Bergstraße angebaut

Inzwischen gilt es nach einer Genanalyse als sicher, dass die international renommierte Rotweinsorte Primitivo oder Zinfandel, die ursprünglich wohl aus Ungarn oder Kroatien stammt, schon jahrhundertelang an der Bergstraße angebaut worden war. Aber erst in den vergangenen Jahrzehnten begann ihr Siegeszug in Italien und Kalifornien. Wegen der Klimaerwärmung könnten nach Ansicht von Experten viele dieser alten, spätreifenden Traditionssorten neue Bedeutung erlangen. Daher hat sich der Heppenheimer Rebenveredler Reinhard Antes in Verbindung mit Rebzüchtern der Forschungsanstalt Geisenheim entschieden, in einem Pilotversuch an der Bergstraße Zinfandel im Vergleich zu anderen südländischen Sorten wie Merlot, Cabernet Franc, Syrah und Cabernet Sauvignon zu kultivieren.

Nach Angaben von Antes handelt es sich dabei um 80 Originalreben von Zinfandel aus Bergsträßer Abstammung und um 400 Rebstöcke Cabernet Franc und Merlot aus Geisenheimer Klonherstellung. Die Versuchs- und Vergleichsfläche ist rund 1000 Quadratmeter groß. Im Jahr 2010 wird die Versuchsfläche vor allem mit Zinfandel um mindestens 1000 Quadratmeter erweitert, darunter auch Vergleichsrebstöcke kalifornischen Ursprungs. Für 2011 ist eine weitere große Zinfandelpflanzung in Planung.

Zinfandel soll an der Bergstraße wieder etabliert werden

Die Bergsträßer Winzergenossenschaft will den Zinfandel ernten, ausbauen und vermarkten, um ihn so an der Bergstraße wieder zu etablieren. Dabei orientiert sie sich an der schon gelungenen Wiederanpflanzung autochthoner Sorten wie dem „roten Riesling“ und dem „blauen Willbacher“.

Für das Zinfandel-Projekt war im zurückliegenden Frühjahr ein erster Weinberg in der Lage Heppenheimer Steinkopf am Erlebnispfad „Wein und Stein“ neu bepflanzt worden mit selektionierten und als krankheitsfrei getesteten Nachkömmlingen von Rebpflanzen Bergsträßer Fundorte. Sie dienen dazu, vermehrungsfähiges Material zur Bepflanzung anderer Zinfandelweinberge zu gewinnen und die Leistungsdaten der Rebsorte im Hinblick auf Ertrag, Qualität und Inhaltsstoffe mit anderen Rebsorten zu vergleichen. Sollten die Erwartungen erfüllt werden, wird ein größeres Projekt mit erhaltungswürdigen autochthonen Sorten nicht ausgeschlossen, um die Bergstraße als Zentrum nationaler genetischer Rebenressourcen zu etablieren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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