19. April 2009 Die meisten der fast 800 Zuschauer im Zirkus hörten die Schüsse gar nicht. Fünf- oder sechsmal soll es geknallt haben, berichten Zeugen. Dann war Nena tot. In Kassel sind am Sonntagmorgen zwei Braunbären aus einem Zirkus ausgebrochen. Während im Zelt die Vorstellung vor Hunderten Kindern lief, fiel das Tier draußen einen Polizisten an. Die Beamten töteten den Bären mit ihren Dienstwaffen.
Ich habe gerade unsere Tigernummer vorbereitet, als mich die Schüsse hochschreckten. Als ich den Kopf rausstreckte, wurde ich gleich von den Polizisten angebrüllt, sagt Daniel Renz. Der 41-Jährige, Zirkusdirektor in achter Generation im mehr als 150 Jahre alten Circus Universal Renz, ringt um Fassung. Wie ein Familienmitglied sei Nena gewesen und völlig harmlos. Sie hatte mit 25 doch fast keine Zähne mehr. Ich hätte sie am Ohr wieder in den Käfig geführt, und nach fünf Minuten wäre alles vorbei gewesen.
Keine Chance gelassen, das Tier wieder einzufangen

Braunbärin Nena liegt am Sonntag in Kassel tot in einem Bach. Sie war zuvor ausgebrochen und hatte einen Polizisten verletzt
Eine Autofahrerin hatte am Morgen ungläubig zwei Bären gemeldet. An einem Kreisverkehr, Kreuzungspunkt zweier Bundesstraßen am Rande der Kasseler Innenstadt, ist auch ohne Zirkus viel Verkehr. Auch eine Streife erblickte die beiden Tiere. Die Beamten stiegen aus und versuchten, die Bären zurückzudrängen. Als Nena angriff und einem Mann ins Bein biss, schossen sie. Mindestens eine der Neun- Millimeter-Kugeln traf das Tier im Schulterblatt, eine andere im Kopf. Katja konnte eingefangen und zur dritten Schwester Petra zurückgebracht werden.
Die haben uns gar keine Chance gelassen, das Tier wieder einzufangen. Die haben wie Machos einfach losgeballert, schimpft Renz. Seine Frau Patricia unterstreicht, das die Tiere völlig ungefährlich seien. Mein Sohn Dany arbeitet mit ihnen, seit er zehn ist. Es ist nie etwas passiert. Sie sind harmlos und an Menschen gewöhnt.
Und auch Dany, inzwischen 15, schüttelt nur traurig den Kopf, während er dem toten Tier über das blutverschmierte Fell streicht. Sehen Sie die Zähne? Kaum noch da. Jeder, der mit Bären aufgewachsen ist, hätte sofort gesehen, dass Nena keine Gefahr ist. Aber die Polizisten sind vermutlich nicht mit Bären aufgewachsen, und die langen Eckzähne hatte Nena noch. Ein Tier hat dem Kollegen ins Bein gebissen. Wenn da keine Gefahr im Vollzug ist, weiß ich auch nicht, sagt ein Hauptkommissar. Die Beamten stehen etwas ratlos neben dem Kadaver. Wohl fühlen sie sich in der Situation auch nicht, sehen sich aber im Recht. Der Rat des herbeigeeilten Anwalts des Zirkus, der Polizist hätte doch einfach im sicheren Auto bleiben und den Zirkus anrufen können, löst Schulterzucken aus. Links vom Bär 800 Leute, vor allem Kinder. Rechts vom Bären zwei vielbefahrene Bundesstraßen. Hätte der Kollege nicht gehandelt, hätte er sich strafbar gemacht.
Bären sind hochgefährliche Tiere
Hans-Dieter Rietze stapft unterdessen vor dem Käfig auf und ab, in dem die beiden übriggebliebenen Bären nervös hin- und herlaufen. Mit einer Wir haben es ja gesagt-Miene verweist der Veterinär auf das Verbot, dass die Stadt Kassel dem Zirkus erteilt hatte. Er durfte die Tiere nicht zeigen. Es fehlt die erfahrene Aufsichtsperson nach Paragraf 11 Tierschutzgesetz. Das räumt auch Renz ein. Sein Bärenexperte sei nur sechs Wochen in Dänemark. Sobald Publikum da war, seien die Blenden vor die Bärenkäfige geklappt worden.
Bären sind hochgefährliche Tiere. Sie sehen zwar niedlich und behäbig aus, können aber extrem beschleunigen. Bevor Sie die Hand wegziehen können, ist sie auch schon ab. Rietze kritisiert auch den Zaun. Die paar Karabiner, die die Gatter halten, sind völlig unzureichend. Auf dem Zaun der Elefanten war auch kein Strom und jetzt das. Bleibt die Frage, wie die Bären überhaupt aus dem Gehege kommen konnten. Beim Zirkusdirektor löst die Frage Schulterzucken aus. Naja, die Tür war vielleicht nicht ordnungsgemäß gesichert.
Bären: Die unterschätzten Raubtiere
icht nur dem Teddybären haben Bären ihr - im Gegensatz zu Wölfen und anderen Raubtieren - gutes Image beim Menschen zu verdanken. In Literatur und Film tauchen Bären als gutmütig und kuschelig, tapsig und nicht so richtig gefährlich auf. Doch Experten warnen: Auch Bären sind Raubtiere und natürlich in der Lage, Beute zu machen.
Bären sind hochgefährliche Tiere. Sie sehen zwar niedlich und behäbig aus, können aber extrem beschleunigen, sagt Hans-Dieter Rietze vom Kasseler Veterinäramt. Der Tierarzt hält Bären für ungeeignet, um sie im Zirkus oder bei Tierschauen auftreten zu lassen. Sie sind einfach unberechenbar. Einem Bären sieht man nicht an, ob er gleich angreift. Die meisten Tiere warnen, drohen. Der Bär schlägt zu. Immer wieder gebe es Unfälle mit Wanderern und Sportler. Wenn der Bär 20 Meter weiter vor sich hertrottet, kann er trotzdem in Sekunden ran sein und angreifen. (lhe)
Text: FAZ.NET mit lhe
Bildmaterial: ddp, dpa