Von Brigitte Roth
25. März 2008 Vielen Schülern ist Mathematik ein Greuel. Sebastian Köhler dagegen kann gar nicht genug von Aufgaben wie dieser bekommen: In drei Stunden legt ein Fahrzeug bei konstanter Geschwindigkeit 240 Kilometer zurück, wie weit kommt es in sieben Stunden? Dreisatz beherrscht er noch aus Schulzeiten, jetzt gehören solche Aufgaben zu seiner Ausbildung zum Bürokaufmann, die er mit 22 Jahren gerade begonnen hat. Sebastian Köhler will so schnell wie möglich nachholen, was er durch seinen exzessiven Drogenkonsum über Jahre versäumte. Die Mittlere Reife hat er damals noch geschafft, eine anschließende Lehre aber brach er ab, weil er nur noch auf seinem Zimmer herumlungerte und Rauschgift nahm. Bis er eines Tages bei der Suchthilfe Fleckenbühl in Niederrad auftauchte, wo Abhängige zu jeder Tages- und Nachtzeit aufgenommen werden – vorausgesetzt, sie wollen nüchtern werden.
Der junge Mann gehört zu den ersten Bewohnern der Einrichtung an der Kelsterbacherstraße, die in Abstimmung mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) einen besonderen Weg der beruflichen Ausbildung beschreiten können. Im Mittelpunkt steht dabei, dass der theoretische Teil der Lehre nicht an einer Berufsschule erfolgt, sondern in den Räumen der Suchthilfe Fleckenbühl. Damit sollen die einst Drogenabhängigen vor der Versuchung geschützt werden, wieder rückfällig zu werden. Denn wie an anderen Schulen kursieren auch an Berufsschulen heutzutage nicht selten Haschisch, Ecstasy oder andere Rauschmittel.
Therapie statt Strafe
Soren Link, Geschäftsführer der Suchthilfe Fleckenbühl, sagt, wegen dieser potentiellen Gefahren sei es den Bewohnern seiner Einrichtung früher erst nach einer Stabilisierungsphase von zwei Jahren ermöglicht worden, mit einer beruflichen Qualifikation zu beginnen. Zwei Jahre Wartezeit plus drei Jahre Ausbildung seien für Menschen, die durchschnittlich 33 Jahre alt und nicht mehr erst siebzehn seien, zu lange. Außerdem bleiben die wenigsten fünf Jahre bei uns“, so Link. Jetzt könne schon nach ein paar Wochen eine Ausbildung begonnen werden.
Eine Lehre erfolgreich abzuschließen, erfordert neben einem gewissen Fleiß freilich auch Durchhaltevermögen. Doch gerade daran scheitern Süchtige oft, weil sie nach einer gewissen Zeit doch wieder schwach werden und zu Drogen greifen. Bisher ging ein solcher Rückfall direkt als Abbruch der Berufsausbildung in die Akten ein. Auch das hat sich durch die Sondervereinbarung mit der IHK geändert. Nach Mitteilung Links umfasst jede Ausbildung nach dem neuen Konzept insgesamt zehn sogenannte Qualifikationsbausteine. Das heißt, ein Süchtiger ist nach einem Jahr nicht als Abbrecher auf dem Markt, sondern als Teil-Qualifizierter.“ Sind nach drei Jahren alle zehn Abschnitte bewältigt, erfolgt die externe Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer.
Sebastian Köhlers Lehrerin ist eine 38 Jahre alte Ausbildungsberechtigte, die in Fleckenbühl noch nach dem dualen System – also noch mit Berufsschule neben der Praxis – Bürokauffrau gelernt hat. Dass sie dadurch zwei Jahre verlor, war gut für mich. Ich hatte nach Alkohol-, Haschisch- und LSD-Konsum so viele Baustellen in meinem Leben, dass ich zum Lernen vorher noch viel zu unkonzentriert gewesen wäre.“ Inzwischen habe sie ihre Beziehung zur Familie wieder aufgebaut und wisse, was sie wolle – und das ist eine Menge. Nach der Abschlussprüfung vor der IHK im Mai will die ehemalige Süchtige gleich ihr Kunstgeschichte-Studium zu Ende bringen. Mir fehlen nur noch drei Semester“, sagt die Frau, die anders als Sebastian Köhler ihren Namen nicht nennen möchte. Köhler machte übrigens von der Möglichkeit Therapie statt Strafe“ Gebrauch und kam nach einem Raubüberfall durch eine richterliche Auflage nach Fleckenbühl.
Es mussten immer stärkere Substanzen her
Sein Verhängnis war Chrystel, eine Droge, die noch stärker wirkt als Amphetamine. Der Zweiundzwanzigjährige sagt: Das ist wie eine Mischung aus Koks und Amphetamin. Man fühlt sich stark, selbstbewusst und unglaublich fit.“ Nachdem er mit 14 Jahren aus Neugier Haschisch probiert habe, mussten es immer stärkere Substanzen sein.“ Zuletzt eben Chrystel.
Dieses Rauschmittel bedeutete Sebastian Köhler mehr als alles andere in seinem Leben. Und als seine Freundin ihn schließlich vor die Wahl stellte: die Drogen oder ich?“, hatte sie nicht die geringste Chance. Ihr Freund zog sich nun immer mehr zurück. Anfangs tanzt man noch nächtelang durch, wenn man was genommen hat. Dann war ich nur noch zu Hause und habe das Zeug in die Nase gezogen. Das hat mir soviel kaputt gemacht: Familie, Arbeit, Wohnung.“ Jetzt will er sich alles wieder aufbauen. Ob ich lebenslang abstinent bleibe, weiß ich natürlich nicht. Aber ich habe die Schnauze voll von den Drogen und ich habe wirklich keine Lust, auch noch nur einmal wieder von vorne anzufangen.“
Wenn Sebastian Köhler bei der Suchthilfe Fleckenbühl gerade nicht arbeitet oder lernt, träumt er von einem bürgerlichen Leben mit einer geregelten Arbeit. Und eine Familie möchte er gerne noch gründen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wolfgang Eilmes