Bildung

Zwei Gießener Schulen wollen G8-Regel umgehen

Von Thorsten Winter

18. März 2008 Gleich zwei Gießener Schulen beschäftigen derzeit die Juristen des Kultusministeriums mit Vorstößen zur verkürzten Gymnasialzeit, genannt G8. Beide wollen diese für Gymnasien und kooperative Gesamtschulen mit Oberstufe geltende Regelung umgehen – allerdings auf verschiedenen Wegen und unterschiedlichen Zielen. So fordert die Ricarda-Huch-Schule den Landtag auf, ihr und anderen kooperativen Gesamtschulen in Hessen die Wahl zu lassen, zum nächsten Schuljahr zum neun Jahre währenden gymnasialen Bildungsgang zurückzukehren oder G8 durchzuziehen. In diesem Sinne fordert die einzige kooperative Gesamtschule in der Gießener Innenstadt einen „Politikwechsel“ in der Schulpolitik des Landes. Schulleiter Richard Breidert hofft angesichts des Ausgangs der Landtagswahl auf mehr Erfolg des Vorstoßes, als früheren gleichlautenden Initiativen beschieden war: Diese wurden vom Kultusministerium allesamt verworfen, wie er beklagt.

Auf einen Politikwechsel ist Dieter Gath als Leiter der Herderschule nicht aus. Vielmehr möchte der Leiter dieses Gymnasiums innerhalb des G8-Systems einen Sonderweg einschlagen. Die Herderschule will Mädchen und Jungen ermöglichen, freiwillig die Jahrgangsstufe 5 zu wiederholen. Die Idee zielt auf Eltern, die ihre Kinder zwar aufs Gymnasium schicken wollen, sich aber mit der verkürzten Zeit bis zum Abitur nicht recht anfreunden können. In solchen Fällen bleibt bisher nur der Weg auf eine Integrierte Gesamtschule, im Fall Gießen die Gesamtschule Ost, die aber ein anderes Einzugsgebiet hat als die Herderschule.

Die fünfte Klasse freiwillig zu wiederholen, hätte aus Sicht Gaths dessen ungeachtet den Vorteil, dass Schülern, die grundsätzlich fürs Gymnasium geeignet sind, aber mit dem „Turbo-Abitur“ Probleme haben, mehr Zeit zum Lernen bliebe.

Für diese Schüler würde eine eigene Klasse gebildet. Im zweiten Jahr in der Jahrgangsstufe 5 sollen nach den Vorstellungen der Herderschule nicht einfach die Themen des Vorjahres wiederholt werden. Vielmehr würde die Herderschule auch weiterführenden Stoff unterrichten.

Beim Staatlichen Schulamt in Gießen stößt die Herderschule aber nicht Gegenliebe. Ihr Vorstoß widerspricht der gesetzlichen G8-Regelung, und Gaths Kniff, die Regel unter Verweis auf eine Verordnung zu G8 umgehen, ist ungeeignet, wie Schulamtsleiter Heinz Kipp meint. Die in Rede stehende Verordnung sehe die Möglichkeit vor, von der Jahrgangsstufe 6 in die fünfte Klasse zurückzugehen oder sich am Ende der Jahrgangsstufe 5 für eine „Ehrenrunde“ zu entscheiden, wenn sich im Laufe eines Schuljahres abzeichnet, dass es mit der Versetzung nichts werden dürfte.

Dabei handele es sich aber um eine Ausnahmeregelung, die auf Einzelfälle ziele. „Wenn dies jedoch zur Norm erhoben und eine komplette Klasse gebildet werden soll, müsste ein besonderes Curriculum angeboten werden“ – dies sei aber vom Land nicht vorgesehen, gibt Kipp zu bedenken. Dessen ungeachtet müsste im Grunde die Eignung fürs Gymnasium in Frage gestellt werden, wenn Eltern wegen G8 Bedenken hätten, meint er weiter. Dem potentiellen Ausweg, einen Schulversuch zu beantragen, billigt der Schulamtsleiter wenig Chancen zu.

Vor diesem Hintergrund rät er Gath, die Finger vom Vorhaben zu lassen: „Das Projekt ist so, wie er es sich vorstellt, nicht genehmigungsfähig – aus meiner Sicht und nach Meinung unserer Juristen. Und ich habe aus dem Ministerium keine anderen Signale.“ In Wiesbaden prüfen derweil die Schulrechtsexperten die Vorstöße aus Gießen, wie Sprecherin Daniela Bruse sagte. Zur Aussicht auf Erfolg oder Misserfolg der Initiativen mochte sie sich nicht äußern. Derweil ist zumindest der Gießener FDP-Landtagsabgeordnete Wolfgang Greilich zumindest der Ricarda-Huch-Schule beigesprungen. Die Liberalen forderten, wie schon vor der Landtagswahl, die Pflicht zur Einführung von G8 auch an kooperativen Gesamtschulen zurückzunehmen. Sie hielten es nach wie vor für erforderlich, unverzüglich die hohe Belastung der Schüler zu mildern und eine Alternative zu G8 anzubieten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Franz Möller

 
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