
Die Anmeldezahlen lassen vermuten, dass die Hörsäle an hessischen Hochschulen im neuen Semester voll sein werden
02. Oktober 2008 So viel Arbeit wie in den vergangenen Wochen hatten die Studentensekretariate der hessischen Hochschulen schon länger nicht mehr: Die Zahl der Anträge auf Einschreibung ist teils drastisch gestiegen. An der Universität Frankfurt zum Beispiel sind fast doppelt so viele Bewerbungen für die Numerus-clausus-Fächer eingegangen wie im Wintersemester 2007/2008. Auch bei den Studienanfängerzahlen geht die Tendenz nach oben; gemeldet wurden mancherorts Zuwächse von bis zu 30 Prozent.
Noch allerdings ist das Meldeverfahren nicht überall abgeschlossen, weshalb einige Hochschulen bisher keine Daten veröffentlicht haben. Auch mit der Interpretation der Zahlen halten sich zumindest die Uni-Präsidien noch zurück. Eine mögliche Erklärung für den Anstieg ist die Abschaffung der Studiengebühren, die von diesem Semester an nicht mehr erhoben werden.
27.000 Interessenten in Frankfurt
An der Frankfurter Universität haben sich für die rund 3500 Plätze in den zulassungsbeschränkten Fächern etwa 27.000 Interessenten gemeldet. Vor einem Jahr waren auf 3000 Plätze ungefähr 15.000 Bewerbungen gekommen. Universitätssprecher Olaf Kaltenborn will nicht ausschließen, dass dieser drastische Anstieg mit der Streichung der Studienbeiträge zusammenhängt. Er könne aber auch ein Zeichen dafür sein, dass die Goethe-Universität für Abiturienten an Attraktivität gewonnen habe. Vor allem die Neubauten auf dem Campus Westend und die Umwandlung der Universität in eine Stiftungshochschule ließen bessere Studienbedingungen erwarten. Insgesamt sind 6000 Erstsemester gemeldet.
An der Universität Gießen haben sich zum neuen Semester 2008/2009 so viele Studienanfänger eingeschrieben wie nie zuvor. Die Zahl der Erstsemester kletterte auf gut 4400, wie die Universität am Donnerstag aufgrund vorläufiger Daten mitteilte. Das sei der zweite Einschreibungsrekord in Folge. Zu Beginn des vergangenen Wintersemesters waren 4069 Anfänger gezählt worden. Derzeit sind 22 900 Studierende eingeschrieben - auch ein Rekord; im vergangenen Wintersemester waren es 21 735. Endgültige Zahlen soll es im November geben.
An der Universität Marburg werden nach Angaben von Sprecherin Viola Düwert im Wintersemester etwa 19.400 Studenten eingeschrieben sein, rund 900 mehr als ein Jahr zuvor. Um bis zu 30 Prozent gestiegen sei die Zahl der Bewerber. Überfüllt sein wird die Universität laut Düwert aber nicht. In früheren Jahren seien auch schon knapp 20.000 Studenten immatrikuliert gewesen. Zu einem deutlichen Einbruch habe die Einführung der Langzeitstudiengebühren 2004 geführt – der Rückgang damals sei deutlich stärker gewesen als jener, den die allgemeine Beitragspflicht 2007 verursacht habe. Etwa 1000 Erstsemester mehr als im Vorjahr wird die Universität Kassel begrüßen können. Die Gesamtzahl der Studenten werde damit voraussichtlich von 16.400 auf 17.400 steigen, sagte Pressesprecherin Annette Ulbricht. Der Wegfall der Gebühren habe sicher einen Einfluss“ gehabt, aber die wachsende Nachfrage sei auch ein Zeichen dafür, dass das Kasseler Studienangebot den Wünschen der Abiturienten entspreche. Wie ihre Kollegen in Marburg und Frankfurt befürchtet Ulbricht keine größeren Platznöte in der Universität infolge des erhöhten Andrangs. Und die Lage auf dem Wohnungsmarkt für Studenten sei nicht angespannter als sonst.
Mehrfachbewerbungen
Von teils stark gestiegenen Bewerberzahlen berichten auch die Fachhochschulen. 10.500 Zulassungsanträge gingen bei der FH Wiesbaden ein, 9167 waren es im Vorjahr gewesen, wie Sprecher Ernst-Michael Stiegler berichtete. Mit fast 1900 Anfängern sei die Zahl der Erstsemester so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Präsident Clemens Klockner führt dies auf das überzeugende Angebot der Fachhochschule, aber auch auf den Wegfall der Studiengebühren zurück. Ähnlich äußert sich sein Amtskollege Günther Grabatin von der Fachhochschule Gießen-Friedberg, die mit 2254 Erstsemestern einen Zuwachs von 30 Prozent und die höchste Anfängerzahl ihrer Geschichte verzeichnet. An der Fachhochschule Frankfurt wurden 8872 Interessenten gezählt gegenüber 7215 im vergangenen Wintersemester. Bei den Einschreibungen sei hingegen bisher nur ein leichtes Plus“ zu verzeichnen, so FH-Sprecherin Gaby von Rauner.
Das Beispiel zeigt, dass die Anzahl der Bewerbungen nur eingeschränkte Rückschlüsse darauf zulässt, wie viele Studierwillige es tatsächlich gibt. Die Zahl der Mehrfachbewerbungen steigt von Jahr zu Jahr“, sagt der Gießener Uni-Präsident und Sprecher der Konferenz hessischer Universitätspräsidien, Stefan Hormuth. Seit die meisten Plätze nicht mehr von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, sondern von den Hochschulen direkt besetzt werden, richten viele Abiturienten ihre Anträge an zwei, drei oder noch mehr Adressen. Welche Auswirkungen die Abschaffung der Studiengebühren hat, ist nach Hormuths Ansicht erst zu erkennen, wenn die endgültigen hessischen Anfängerzahlen mit denen aus anderen Bundesländern verglichen werden.
Dass es sich bei dem Zuwachs tatsächlich um ein hessisches Phänomen handeln könnte, lässt zumindest die Entwicklung an der Universität Mainz vermuten: Dort ist die Bewerberzahl nach Auskunft von Sprecherin Petra Giegerich gegenüber dem Vorjahr in etwa gleich geblieben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa