Von Karl Neundörfer
11. Juli 2008 Wenn Wolfgang Stark in diesen Tagen auf seine Felder geht, hat er immer ein Feuchtigkeits-Messgerät dabei. Dem Landwirt, der gemeinsam mit seinem Sohn im Frankfurter Stadtteil Niederursel mehr als 220 Hektar bewirtschaftet, genügt zwar bisher noch sein geschultes Auge, um über den Reifegrad der Rapspflanzen auf dem Land seiner Familie Auskunft zu geben: Zur Zeit sind die unteren Schoten noch grün, während die oberen schon reif sind.“
Sobald sich die Körner in den Schoten dunkel färben, entscheiden laut Stark die gemessenen Feuchtigkeitswerte über den Fortgang der Rapsernte. Damit hatten die Starks auf ihren Feldern am Donnerstag begonnen. Schon in den nächsten Tagen werde der Wassergehalt der noch nicht geernteten Pflanzen wieder unter den Grenzwert von neun Prozent sinken, sagt der Landwirt voraus.
Die Ernüchterung kam mit dem trockenen Mai
Sicher aber sei das nicht, fügt er hinzu. Und verweist auf die wichtigste Regel der Landwirtschaft: Unter freiem Himmel hängt nach wie vor fast alles vom Wetter ab. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass Bauern und Fachleute ihre Aussagen häufig mit der Wendung wenn das Wetter so bleibt“ enden lassen. Bekanntlich ändern sich die Ernteprognosen während der Wachstumszeit fortlaufend – genauso wie das Wetter. Für dieses Jahr habe das gemäßigte Klima des Frühjahrs Landwirte und Experten zunächst auf eine überdurchschnittliche Ernte hoffen lassen, sagt Henning Ehlers vom Deutschen Raiffeisenverband in Bonn. Im April waren wir sehr optimistisch. Die Ernüchterung kam mit dem trockenen Mai.“
Der Fachmann der Dachorganisation deutscher Agrarunternehmen hebt hervor, dass die hessischen Bauern bei weitem nicht im selben Umfang mit schlechten Witterungsverhältnissen zu kämpfen gehabt hätten wie in Ost- und in Norddeutschland. Für Hessen dagegen sei bei Getreide und Raps im Vergleich zum schlechten Erntejahr 2007 mit einer deutlichen Ertragssteigerung zu rechnen. Die Zuwächse bewegten sich bei einzelnen Getreidesorten voraussichtlich in zweistelliger Prozenthöhe, meint Ehlers. Und fügt wenn das Wetter so bleibt“ hinzu.
Mit regionalen Unterschieden bei den Ernteerträgen ist aber auch in Hessen zu rechnen. Und auch bei den hiesigen Bauern sind die unterschiedlichen Ernteerträge laut Stark auf die Witterungsverhältnisse zurückzuführen. In Frankfurt hat es trotz des durchwachsenen Wetters der vergangenen Wochen jeweils nur zwei bis drei Millimeter geregnet, in Teilen der Wetterau waren es aber mehr als zehn Millimeter.“ Dort sei es aber auch zu unwetterartigen Schauern gekommen, die wiederum die Ernte erheblich geschädigt hätten, erläutert Stark.
Anbauflächen ausgeweitet
Neben dem Wetter beeinflusst auch die Bodenqualität den Ernteertrag. Begünstigt seien dabei die Landwirte in der Wetterau, auf deren Land auch geringe Niederschläge lange gespeichert würden, äußert Cornelius Mohr vom Hessischen Bauernverband. Bei der Wintergerste führt das laut Mohr in Südhessen zu Ernteerträgen, die von 55 bis über 100 Dezitonnen je Hektar Anbaufläche reichen.
Die Wintergerste ist dann auch die einzige Getreideart, deren Erntemenge belastbar prognostiziert werden kann. Der Raiffeisenverband rechnet für ganz Hessen mit einem durchschnittlichen Ertrag von 65,5 Dezitonnen je Hektar. Gegenüber dem vergangenen Jahr komme es damit zu einer Ertragssteigerung um 8,3 Prozent. Da jedoch die Fläche, auf der die Getreideart angebaut wird, laut Statistischem Bundesamt um 6,4 Prozent gesunken ist, wird der gesamte Ernteertrag voraussichtlich nur um 1,4 Prozent wachsen.
Charakteristisch für die Situation auf den hessischen Getreidefeldern sind diese Flächenstilllegungen aber nicht. Laut der Wiesbadener Statistik sind die Anbauflächen in diesem Jahr insgesamt um 5,8 Prozent ausgeweitet worden. Stark zufolge gibt es dafür einen einfachen Grund: Ende letzten Jahres ist der Preis für eine Tonne Weizen auf 270 Euro gestiegen.“ Innerhalb eines Jahres habe er sich damit verdoppelt. Da gleichzeitig die EU ihr Programm zur Flächenstilllegung ausgesetzt habe, hätten viele Bauern nicht mehr genutzte Anbauflächen reaktiviert.
170 Euro für eine Tonne
Aktuell werden für eine Tonne wieder nur ungefähr 170 Euro gezahlt. Die erhofften Mehreinnahmen könnten daher nur zum Teil realisiert werden, sagt Stark. Nach Auskunft eines Agrarexperten, der ungenannt bleiben möchte, hätten sich die Bauern im Frühjahr gegen den Preisverfall absichern können. Im Februar hätten sie ihre Ernte über ein Warentermingeschäft vorab zu einem Preis von 220 Euro verkaufen können.“ In der Hoffnung auf einen noch besseren Preis seien nur wenige auf das Angebot eingegangen.
Stark hofft nun auf einen Preis von 200 Euro, um, wie er sagt, am Ende einen vernünftigen Betrag übrig zu haben“. Die Betriebskosten der Landwirte seien in den vergangenen Monaten nämlich erheblich gestiegen, wie er am Beispiel seines Betriebs erklärt: Bei der Ernte werden wir 30.000 Liter Diesel verbrauchen. Vom gestiegenen Ölpreis sind wir daher genauso betroffen wie alle anderen.“
Wie lange Starks Erntemaschinen allerdings noch hinausfahren müssen, bis die Felder komplett abgeerntet sind, kann der Landwirt derzeit noch nicht sagen. Für die Weizenernte wären zwei Wochen heißes und trockenes Wetter ideal.“ Da aber für die nächsten Tage Regenschauer vorhergesagt sind, wird er das Mähen des Rapses erst einmal unterbrechen müssen – wenn das Wetter so bleibt“.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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