Schulpolitik

„Das ist konsensfähig“

Von Jacqueline Vogt

09. Mai 2008 Die Schulform als solche wird wohl erst einmal erhalten bleiben, der Name vielleicht nicht, und über die innere und äußere Organisation wird in naher Zukunft viel zu reden sein: Das sind, grob zusammengefasst, die Eckpunkte in der Diskussion über die Zukunft der Hauptschule. Geführt wird sie schon seit längerem, aktuell aufgeflammt ist sie, nachdem in Frankfurt staatliches und kommunales Schulamt darüber streiten, welche Hauptschulen bei insgesamt stark rückläufigen Anmeldezahlen fünfte Klassen bilden dürfen und welche nicht.

Der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Helmut Deckert, erneuerte seine in einem Interview mit der F.A.Z. im Januar formulierte Forderung nach einer Art Förderstufe für Kinder, die nach der Grundschule kein Gymnasium besuchen: Sie sollten in der fünften und sechsten Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Für die Klassenbildung in der Jahrgangsstufe fünf an Hauptschulen müssten jetzt zudem die Richtwerte von bisher 17 auf zwölf Schüler gesenkt werden.

Hauptschulen bei Eltern immer unbeliebter

„In den Stufen sieben und acht sind wegen der Rückläufer aus Realschulen und Gymnasien die meisten Klassen ja wieder ordentlich voll“, so Deckert, deshalb sei es wichtig, die Schulstandorte auch mittelfristig zu erhalten, und das besonders im ländlichen Raum, wo Hauptschülern schon heute zum Teil unzumutbar lange Fahrtwege zugemutet würden. Hat die Hauptschule in der heutigen Form überhaupt noch eine Zukunft? Die Gesellschaft, sagt der hessische Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) im Gespräch mit der F.A.Z., brauche die zufriedenen Hauptschüler „als eine stabilisierende Kraft“ – das Ideal angenommen, das ein junger Mensch mit einem Hauptschulabschluss auch in Ausbildung und Beruf gefunden hat.

„Die Hauptschule leidet an einer schleichenden Auszehrung“, sagt Deckert, obwohl zahllose Einrichtungen hervorragende Arbeit leisteten. „Die Abstimmung findet aber mit den Füßen statt“, fügt er hinzu. Auch wenn Eltern wüssten, dass ihre Kinder auf anderen Schulformen vielleicht nicht bestehen könnten, hofften sie doch, dass es ihnen gelinge, und gäben sie deshalb zunächst nicht auf die Hauptschule. „Das würden Sie und ich doch genauso machen.“

Wirtschaft zieht Realschüler vor

Nur noch 150 Anmeldungen für die Hauptschulen und Hauptschulzweige an nichtintegrierten Schulen gibt es für das neue Schuljahr in Frankfurt, bei einer Jahrgangsbreite von rund 4500 Schülern. Das, so haben es schon viele gesagt und sagt es auch Deckert, heiße ja nicht, dass es immer weniger hauptschulgeeignete Kinder gebe, sowenig wie andererseits die enorm gestiegenen Anmeldezahlen für die Gymnasien bedeuteten, dass Kinder und Jugendliche im selben Maße schlauer würden. „Einer der großen Mängel der Hauptschule liegt in der Wirtschaft begründet“, meint der VBE-Mann, „denn die nimmt die Abgänger nicht mehr an“; oft würden Realschüler auch mit schlechteren Noten bevorzugt, wenn nicht Gymnasiasten.

Die Parteien in Hessen haben unterschiedliche Ansätze zur Hauptschule. Die CDU hat bislang auf Stärkung der Schulform durch Modellvorhaben und Projektklassen gesetzt, die SPD will sie in einer Gemeinschaftsschule größtenteils aufgehen lassen, FDP und Grüne liegen, mit Modulationen, ungefähr auf der Linie des VBE. „Unser Modell ist konsensfähig“, meint Deckert, als Einstieg in ein längeres gemeinsames Lernen genauso wie zum Erhalt des gegliederten Schulwesens – „alle müssten sich nur ein Stückchen bewegen. Aussitzen können wir das Problem sowieso nicht.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Daniel Pilar

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