Von Nadine Bös
02. März 2008 Seit die Steuerfahndung morgens um sieben Klaus Zumwinkel aus seiner Villa in Köln-Marienburg geklingelt hat, interessiet sich die Öffentlichkeit wie selten zuvor für einen Berufstand, der lieber im Verborgenen arbeitet. Das Rampenlicht schätzen die Vertreter dieser Berufsgruppe weniger. Im Verborgenen zu arbeiten ist das A und O, sagt Hans Kleinert*. Seinen wirklichen Namen verrät er lieber gar nicht. Ganz plötzlich erscheint unsere Tätigkeit in einem besonderen Licht..
Hans Kleinert ist Steuerfahnder. Einer von ungefähr 2000 in Deutschland. Einer von denen, die früh morgens an der Tür klingeln, dann die Wohnung durchstöbern und anschließend Kartons voller Akten in Pkws verladen. Einer von denen, die nie willkommen sind und die man trotzdem reinlassen muss. Einer von denen, die sogar die Badezimmerschränke ausräumen und die Wäscheschubladen, wenn es sein muss. Selbst in einem Vogelhäuschen im Garten hat er schon einmal versteckte Unterlagen aufgespürt.
Die meisten wollen wissen, um wieviel Geld sie den Staat betrogen haben
Die meisten Steuersünder führen Schwarzbücher, sagt er. Sie wollen wissen, um wieviel Geld sie den Staat betrogen haben. Besonders kreativ seien die wenigsten, wenn es darum gehe, die Dokumente ihrer dunklen Machenschaften zu verbergen. Im Toilettenkasten, unter der Matratze, in der Garage - die Orte an denen wir fündig werden sind immer wieder die gleichen.
Für Hans Kleinert hat der Fall Zumwinkel nicht viel verändert. Er kennt weder die Daten auf der ominösen CD-Rom, noch hat er das Gefühl, dass die öffentliche Aufregung seine tägliche Arbeit beeinflusst. Mehr Selbstanzeigen erwartet er allenfalls in der Zukunft, denn so eine Selbstanzeige kommt einer Steuererklärung gleich - und die macht man nicht mal eben von heute auf morgen. Kleinert sieht den Fall Zumwinkel nicht anders als die meisten das tun. Er findet es sonderbar, wie die Kameras so früh vor Zumwinkels Villa kamen, er philosophiert gern ein bisschen darüber, wer wohl geplaudert haben könnte und darüber, dass das bestimmt keiner von uns gewesen ist.
Eine Million Euro im Jahr - mindestens
Seit 15 Jahren jagt der Finanzbeamte Steuersünder. Wie man das eigentlich wird? Eine ganz normale dreijährige Ausbildung in der Finanzverwaltung ist dafür nötig. Danach spezialisiert man sich. Ein Jahr lang macht man eine Art Zusatzausbildung, läuft erstmal mit erfahreneren Steuerfahndern mit, hat noch keine eigenen Fälle, erzählt Kleinert. Das sei ähnlich wie ein Referendariat. Mit Stolz erzählt er, dass er dem Staat mit seiner Arbeit pro Jahr mindestens eine Million Euro Mehreinnahmen beschert - einmal waren es sogar 3,5 Millionen auf einen Schlag. Ein Traumberuf? Kleinert nennt seine Tätigkeit lieber eine ganz besondere Herausforderung. So eine Hausdurchsuchung dauere mal einen halben Tag, mal zwei Tage, länger eigentlich nie. Zurück bleiben Kisten voller Dokumente, manchmal lassen sich ganze Regale mit Aktenordnern füllen, die durchgesehen werden müssen, sagt er. Die Kisten sind der unromanische Teil an der ganzen Sache. Letztlich sei der Job Polizeiarbeit. Bloß ein paar mehr Rechte als die Polizei hat der Steuerfahnder. Wir dürfen vor Ort Papiere durchsehen - die Polizei darf nur beschlagnahmen.
Wie kommt man einem Steuersünder auf die Schliche, wenn der BND einem nicht gerade eine CD-Rom zuspielt? Manchmal finden die Finanzämter Ungereimtheiten in den Steuererklärungen, manchmal beauftragt uns die Staatsanwaltschaft, erzählt Kleinert. In den restlichen Fällen sind es Anzeigen - schriftliche, telefonische, namentliche oder anonyme. Wer erstattet Anzeige? Die Nachbarn fallen Kleinert als erstes ein, aber auch Geschäftspartner, betrogene Ehefrauen, Exfreundinnen. Ab und zu auch die Steuersünder selbst vor allem ältere Leute, die noch mal reinen Tisch machen wollen - nicht nur mit dem Herrgott, sondern auch mit dem Finanzamt.
Da sind Sie ja endlich, hat mal einer zu ihm gesagt
Wenn Hans Kleinert erzählt, macht er öfter kurze Pausen. Das meiste, was er sagt, ist gut überlegt, sauber formuliert. Hier wird Eingriffsverwaltung sichtbar, sagt er, wenn er ausdrücken will, dass sein Beruf von manchen Leuten argwöhnisch beäugt wird. Er spricht von der Tatentdeckung und von Sachverhalten. Manchmal zitiert er Paragraphen. Nur selten gerät er ins Plaudern. Ohne Krawatte kann man ihn sich schwer vorstellen.
Für den Steuerfahnder ist diese Seriosität berufliche und persönliche Reife. Und die braucht er jedesmal wieder, wenn er bei potentiellen Steuersündern an der Tür klingelt, Durchsuchungsbeschluss in der Hand. Da gibt es die unterschiedlichsten Reaktionen.
Da sind Sie ja endlich, hat mal einer zu ihm gesagt, als er um sieben Uhr früh vorbeikam. Als hätte er auf mich gewartet und wäre ganz erlöst, dass die Ungewissheit nun endlich vorüber ist, erzählt er. Viele schlagen mir auch einfach die Tür vor der Nase zu. Und dann? Dann hole ich den Schlüsseldienst.
*Name von der Redaktion geändert
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa
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