20. Februar 2008 Alle reden darüber, dass alle es tun, also irgendwas tut jeder, wenn auch nicht das, aber einige die übertreiben es. Seit dem Valentinstag beschäftigt sich die Republik mit den Superreichen, durchaus nicht immer nur mit Aggression. Eine Angestellte des benachbarten Supermarkts kam beim Leergutwegräumen nach der Behandlung der Fälle Weightwatchers/Kiewel und Vaduz/Zumwinkel im Kundengespräch zu der Diagnose, beide seien von krankhafter Habgier befallen und meinte leise: Die tun mir beide so leid!
Ist der Kapitalismus eine Pathologie? Solche Fragen scheut die Maischberger-Runde nicht, und auch keine andere. Lothar Späth und Hans Apel sind nie um eine Antwort verlegen, auch wenn ihre aktive Zeit ein wenig zurückliegt; das ist durchaus auch biorythmisch zu verstehen, schließlich geht man recht spät auf Sendung. Gleich zu Beginn wirkt Lothar Späth ziemlich müde, da erklärt er matt, das Verfahren gegen Steuerhinterzieher müsse normal sein, was aber niemand bestritten hatte.
Eine hakelige Konstruktion
Immer wieder kommen kurze Auszüge aus dem Bühnenprogramm des Kabarettisten Georg Schramm in seiner Figur des kapialismuskritischen Rentners Lothar Dombrowski, die die Runde aber eher weiter verwirren; es ist eine hakelige Konstruktion: Schramm sitzt als besorgter Bürger mit linksliberalen Neigungen auf dem Sofa, immer wieder mal unterbrochen von den markigen, viel lustigeren Sprüchen von Dombrowski, der er aber auch zugleich selbst ist. Sollte Schramm Dombrowski kommentieren oder umgekehrt? Immer wenn Schramm, der besorgte und wohlpräparierte Zeitgenosse etwas anmerkte, raunte Hans Apel, man sei hier nicht beim Kabarett, so mit der herrlich altmodischen Überheblichkeit eines Mannes, in dessen Amtszeit es drei Fernsehprogramme gab, die alle um 23 Uhr Sendeschluss hatten. Weit nach dieser Uhrzeit wurde es bei Maischberger aber erst so richtig rasant.
Als unbedingte Entdeckung für eine solche Sendung muß Franz Konz gelten, der Autor der Ganz legalen Steuertricks. Man konnte ihn erst für einen Stefan-George-Lookalike halten, wozu auch sein rheinischer Singsang passte, dagegen stand aber wiederum sein resolutes Eintreten für die kleinen Leute, die im Gegensatz zu Kirchen und Gewerkschaften von der Steuerlast erdrückt werden. Er sparte sich das brave und wohlfeile Verurteilen von Steuerflüchtlingen und kritisierte den Fiskus historisch: Schon früher hätten die Könige mit den Steuern ihre Mätressen finanziert, heute gehe das schöne Geld für allerlei Unsinn dahin, da sei es quasi moralisch geboten, den Zufluss zu verknappen.
Für Christa Luft war alles ein großer Ekelkomplex
So ganz moralisch kam auch Christa Luft daher, auch sie eine ehemalige Ministerin, die unter der Regierung Modrow für Wirtschaft zuständig war, oder was damals darunter firmierte, und heute für die Linke spricht, jedenfalls wenn Lafontaine keine Zeit oder Lust hat. Ihr war alles ein großer Ekelkomplex: Liechtenstein, Ekelfleisch und die VW-Prostitution. Wie man allerdings zugleich besseren Döner, treuere Ehemänner und schönere Steuererklärungen hinkriegt, konnte sie nicht darlegen, da brachte schon der Kabarettist den Namen von Josef Schumpeter ins Spiel, da muss jeder einfach gähnen, ich habe es nie anders erlebt.
Lustig wurde es erst wieder, als Sandra Maischberger, die Materie irgendwie besser beherrschend als sämtliche Gäste, die Gehaltserhöhungen der Manager aufsagte und Konz wieder die Gelegenheit zum Einsatz ergriff, indem er ausrief, Alles Heuchelei, Sie würden sich genauso gut bedienen! Na, dagegen wurde sich natürlich ordentlich verwahrt, aber es war auch das Signal, dass nun jeder alles sagen kann, was so eine Runde doch ziemlich anstachelt.
Konz möchte lieber gar keine Steuern, ob progressiv oder nicht
Man kam dann so gut voran - zwischendrin reflektierte Lothar Späth kurz auch den eigenen Lebenslauf und konnte ihn, mit Wilhelm Schmid, rundum bejahen - dass auch noch das Thema Nokia drangenommen werden konnte. Ein jüngerer, sehr eloquenter Nokiamitarbeiter, der gewissermaßen in beide Talkshowrollen, die des Betroffenen und die des Experten passte, schilderte, wie die Finnen ihre Leute in Bochum veräppelt haben. Späth wurde beim Stichwort Nokiafamilie hellhörig, denn das war ja immer sein Versprechen gewesen, dass man sich im deutschen Betrieb gegenseitig die Wahrheit sagt, na und da war er doch auch selber verblüfft, dass ein Teil der Familie den anderen rausschmeisst. Kein akzeptables Verhalten, brummte er, aber andere fanden, das sehe der Markt ja ganz anders und man war so schlau wie zuvor.
Mittendrin in den Tiefen der Debatte um alles gab es sogar richtige Erkenntnisgewinne: Die nordrheinwestfälische Landesregierung hätte, so Hans Apel, darauf drängen können, dass in Bochum ein eigener Aufsichtsrat eingesetzt wird, das wäre besser gewesen. Außerdem sei die Forderung nach Mindestlöhnen Quatsch, die Besteuerung sei das Problem und Späth stimmte ihm zu, es habe etwas mit Steuerprogression zu tun, aber die Sendezeit sei ebenfalls weit progressiert, da werde es kompliziert. Hörte sich aber gut an. Konz blieb cool, denn er möchte lieber gar keine Steuern, ob progressiv oder nicht.
Maischberger ist die katholischste der politischen Talksendungen: Jeder murmelt in seiner Ecke zu seinem Spezialheiligen, weil die Welt eben voller unterschiedlicher Sünder ist, und wenn auch die große Erlösung nicht wirklich erwartet werden kann, geschadet hat es sicher nicht.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP
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| Tops | in % | |
| FMC | +2,10% | |
| Infineon | +1,35% | |
| ThyssenKrupp | +1,23% |
| Flops | in % | |
| MAN | −0,79% | |
| Volkswagen | −1,85% | |
| Commerzbank | −2,58% |
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