Von Michael Horeni
19. Februar 2008 Ich war in dieser Woche etwas besorgt um einige Mitglieder in meinem Fitnessklub. Der Klub liegt unweit der Frankfurter Börse. Die Banktürme der großen Institute befinden sich in Laufweite und nicht wenige machen sich morgens vom Laufband direkt aufs Parkett oder in die Abteilungen des internationalen Aktien- und Anleihehandels. Erst ein bisschen Fitnesstraining, dann ein wenig Finanzakrobatik - und schon ist der Tag gerettet. So ging das bisher. Ganz problemlos.
Wenn da neben der Fitness nicht dieser andere deutsche Volkssport namens Steuerhinterziehung wäre, der in diesen Tagen so große Schlagzeilen macht - und jetzt flächendeckend in den Büros der Banken und in den schönen Privathäusern seine hässlichen Nebenwirkungen zeigt. Aber noch sind alle da in meinem Klub. Keiner wird bisher vermisst, offensichtlich hat morgens noch niemand an der Tür geklingelt. Wäre vermutlich auch zu spät.
Steuerfahnder kommt nicht vor sieben
Denn wie man derzeit aus den einschlägigen Ratgebern erfahren kann, kommen die Steuerfahnder morgens gewöhnlich nicht vor sieben, manche sogar erst um neun. Da aber hat mein Fitness-Klub schon lange geöffnet und die werktätigen und besserverdienenden Massen drängeln sich an den Geräten. Vielleicht sind deswegen auch noch alle da.
Ich glaube jedoch, dass Fitnesstraining mittlerweile ohnehin so etwas wie die moderne Form des Ablasshandels für die täglichen großen und kleinen Sünden ist. Wenn man sieht, mit welcher Inbrunst sich da Manager schon vor dem Frühstück an Maschinen, Hanteln und auf Laufbändern quälen, könnte man zumindest daran denken.
Höllisch: Der Romanian Deadlift
Es gibt da zum Beispiel von meinen Fitnesstrainern eine Übung, deren Name schon sagt, wo die Reise hingeht: Romanian Deadlift. Da kann einem kein Berater oder Rechtsanwalt mehr helfen. Beim Romanian Deadlift geht es aber nicht etwa um das Umzugsunternehmen Nokia, sondern um eine ziemlich anstrengende Hantelübung. Klassischer Kraftsport. Sehr effektiv für die Brustmuskulatur, aber höllisch. Das kommt noch aus der alten Schule der rumänischen Gewichtheber. Mit einem Arm stützt man sich auf der Bank ab, am anderen Arm hängt eine Hantel - von rund acht Kilogramm aufwärts, je nach Fitnesszustand. Man steht dabei nur auf einem Bein, das andere wird im Winkel von neunzig Grad nach hinten weggestreckt, den Rücken muss man gerade halten. Definitiv unangenehm, aber optimal, um die Grundkraft zu erhöhen.
Nach drei, vier Monaten Krafttraining bin ich jetzt bei zwölf Kilo angekommen. Ich schaffe es jetzt, das Ding zehn Mal sauber bis zur Schulter hochzuziehen und die Übung dreimal zu wiederholen. Aber ich schwöre: Spätestens wenn ich die Hantel mit vierzehn Kilo fünfzehn Mal auf Schulterhöhe wuchten und das ganze dann noch drei Mal wiederholen müsste - ich würde alles gestehen. Garantiert. Im Übrigen stärkt die Übung auch das Rückgrat. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass in meinem Klub seit ein paar Tagen ganz viele daran arbeiten. Vielleicht sollte man die Übungen besser in Liechtenstein Deadlift umbenennen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP
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