Vietnam

Blaue Stunde in Vietnam

Von Christiane Kühl

Die Bucht von Nha Trang

Die Bucht von Nha Trang

21. März 2006 Gegen Ende der Regenzeit sind die Stunden in Hám Tien hörbar. Alles, was den Tag ausmacht, ist am Klang zu erkennen. Nur wer noch in der Dunkelheit aufwacht, erlebt einen Moment absoluter Stille: die Vögel reglos, kein Hauch in den Palmen, selbst das Meer liegt spiegelglatt. Der Morgen an der vietnamesischen Küste beginnt mit einem unglaublichen Blau, das den Strand, die Palmen, die Bungalows und die Straße ertränkt und wie in brillantestem Kodachrome leuchten läßt. Aus dieser blauen Stunde schälen sich die ersten Gestalten und durchschneiden die Stille: konzentriert mit Tai Chi. Ein erhabener Anblick um fünf Uhr früh.

Dreißig Kilometer lang ist der Strand von Hám Tien zwischen dem umwerfenden Fischerdorf Mui Ne und der quirligen Provinzhauptstadt Phan Thiet. Rang, „Ort, wo die Sonne langsam aufgeht“, hieß dieser Küstenstreifen früher. Er gilt als einer der schönsten Strände Vietnams, was man sofort glauben möchte. Doch für Superlative ist es zu früh: Ein Großteil der mehr als 3000 Kilometer langen Küste des Landes ist noch überhaupt nicht touristisch vermessen. Selbst Hám Tien ist erst seit kurzem auf Reisekarten zu finden. 1995 entstand hier mit zwölf Tropenholzbungalows „Coco Beach“, das erste private Ferienresort der sozialistischen Republik.

„Dream of Coco Beachification“

Gu Mo Ni Ma Da, sagt die Serviererin: Guten Morgen, Madame

Gu Mo Ni Ma Da, sagt die Serviererin: Guten Morgen, Madame

Seitdem ging alles schnell, wie überall im Land. Zwar war Rang bereits 1976, gleich nach Ende des Krieges gegen die Amerikaner, von den siegreichen Kommunisten in Hám Tien unbenannt worden: „Tien“ heißt soviel wie „voran, vorwärts!“. Doch auf diese Entwicklung mußten die Bewohner lange warten. Die Provinz Binh Thuan zählt zu den regenärmsten des Landes, außer Fisch und Salz war hier lange nichts zu holen. Erst die Einleitung der Doi-Moi-Politik, der vietnamesischen Perestroika Ende der achtziger Jahre, brachte Bewegung. Die Zahl der Privatunternehmen im Land hat sich seitdem verdreifacht, das einstige Armenhaus wurde zum zweitgrößten Reis-, Kaffee- und Cashewnußexporteur der Welt. Und auch in Hám Tien geht es stetig voran - wo 1995 nicht einmal eine Sandstraße entlangführte, fahren heute Schwärme von Mopeds und immer mehr Jeeps für Touristen auf eben asphaltiertem Grund. Am weißen Sandstrand deutet die wachsende Zahl der Sonnenschirme, Hängematten und Surfschulen auf einen bald flächendeckenden „Dream of Coco Beachification“.

Für Urlauber beginnt der Tag in Hám Tien mit Reisnudelsuppe und frischem Baguette. Selten sichtbares Federvieh gibt erstaunliche Töne von sich, das Meer beginnt mit einer Art morgendlichen Räusperns die ersten Wellen zu spucken. Dazu kommen die Geräusche aus den offenen Küchen, die die Gäste unter den großen Reisstrohdächern dicht am Meer versorgen: das Zischen der Woks, vor allem aber das Schlagen großer Messer, die schier unendliche Mengen frischer Kräuter, Fisch und Obst teilen. Wer sehr gute Ohren hat, hört auch das Tropfen des schwarzen Kaffees. Der nämlich wird in Vietnam direkt am Tisch in einem Blechaufsatz über dem Glas aufgebrüht. Keine zwanzig Meter weiter ziehen schmale Fischersleute große Schleppnetze an Seilen um den Hüften an Land.

Ein Blick auf das Meer zeigt rasende Drachensegel

„Good morning, Madame!“ sagt eine lächelnde Person, die klebrig-süße Kondensmilch zum Kaffee nachreicht. Das „Good morning“ ist englisch, das „Madame“ französisch und der Akzent vietnamesisch, weshalb jede Silbe einzeln steht und den schließenden Konsonanten verliert. „Gu Mo Ni Ma Da!“ Selbst wer zu diesem Zeitpunkt bereits eine Woche in der wundersam aufregenden Hektik Saigons verbracht hat, kann sich einen besseren Morgen auch kaum vorstellen.

Sobald er um ist, beginnt das Rauschen. Gegen zehn Uhr setzt der Ostwind ein und bläst bis zum frühen Abend, dann ist nichts als Brandung und Sausen in den Ohren. Vierzehn bis zwanzig Knoten am Strand sind normal ab November, wenn der Regen aus dem Norden vom Wind aus Richtung Philippinen abgelöst wird, manchmal werden es auch vierzig. Ein Blick auf das Meer zeigt jetzt mehr und mehr rasende Segel und Drachensegel. Die Bucht von Hám Tien, ohne gefährliche Strömungen oder Felsen, mit stets auflandigem Wind, ist ein veritables Surf-Paradies.

Drei Kite-Surf-Schulen haben in den letzten drei Jahren eröffnet, wo auch Kurzentschlossene sich Equipment leihen und starten können. Trägere Zeitgenossen schließen sich am Strand mit vietnamesischen Kindern zusammen, die mit viel Spaß Papierdrachen steigen lassen. Und dabei, je nach Gewicht und Windstärke, ein wenig Hilfe brauchen, um am Strand zu bleiben.

Vietnamesen tun das nicht

Wer zum ersten Mal nach Vietnam reist, den beeindrucken zum einen die Großzügigkeit und Freundlichkeit der Menschen Fremden gegenüber, die diese sich im Laufe der Geschichte doch gründlich verspielt haben müßten - und zum anderen, daß der Krieg hier anscheinend überhaupt keine Rolle mehr spielt. 15 Millionen Tonnen Bomben fielen zwischen 1964 und 1973 auf Vietnam, 72 Millionen Liter Herbizide wurden versprüht - und doch bestimmen diese Daten mehr unsere Vorstellung des südostasiatischen Landes als das Land aktuell selbst. Jeder dritte Reisende hat Graham Greenes „Der stille Amerikaner“, Peter Scholl-Latours „Tod im Reisfeld“ oder die Erinnerungen des ehemaligen Pentagonchefs Robert McNamara im Gepäck; jeder zweite denkt bei Vietnam an Agent Orange, „Apocalypse Now“ und „Die durch die Hölle gehen“.

Vietnamesen tun das nicht. Unter anderem, weil die Mehrzahl von ihnen den Krieg nicht erlebt hat: fünfzig Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahren. Auf ihre Freundlichkeit selbst Amerikanern gegenüber angesprochen, reagieren junge Vietnamesen eher mit Verwunderung. „Ihr habt ein Kriegssyndrom, nicht wir“, sagt Hoi, 22 Jahre alt, der Wirtschaftswissenschaften studiert und nebenbei Fahrradtouren für Touristen organisiert: „Wir sind ein optimistisches Volk, wir blicken in die Zukunft. Würden wir das nicht tun, wären wir heute nicht da, wo wir sind.“ Soviel scheint klar: Nach Jahrhunderten Besatzung durch Chinesen, Franzosen, Japaner und Amerikaner sind die Vietnamesen, erstmals unabhängig und mit einer sozialistischen Regierung, die der Marktwirtschaft aufgeschlossen ist, gerne da, wo sie sind. Und wollen weiter.

„Nizza des Ostens“

Das Fischerdorf Mui Né

Das Fischerdorf Mui Né

Das Bruttoinlandsprodukt Vietnams wächst jährlich über sieben Prozent, und der Tourismus hat einen immer größeren Anteil an dieser Erfolgsstory. 2,9 Millionen Urlauber besuchten das Land 2004, dreißig Prozent mehr als im Vorjahr. Kamen anfangs nur versprengte Rucksackreisende, oft im Dreieck Laos-Kambodscha-Vietnam unterwegs, sind es seit etwa fünf Jahren mehr und mehr auch wohlhabende Individualreisende und Rundreisegruppen. Um dem Ansturm gerecht zu werden, wird fieberhaft gebaut, und zwar vor allem im High-Quality-Segment: Knapp ein Drittel aller Hotelbetten in Saigon stehen in Fünf-Sterne-Hotels. Vietnam, das mit dem Slogan „The Hidden Charme“ für sich wirbt, will sich als „hochwertiges Trendziel“ plazieren, auch bei der Erschließung der Küste und Inseln.

Ein ideologisches Problem mit Luxus scheinen die Erben Ho Chi Minhs jedenfalls nicht zu haben.

Zuerst versuchte man, die europäische Idee von Urlaub in Nha Trang zu feiern, einer Küstenstadt etwa 300 Kilometer nördlich von Saigon. Gegründet wurde sie 1924 von einem König der Nguyen-Dynastie, aber auch den Franzosen gefiel das schöne Städtchen in der Bucht vor den Bergen. Sie legten eine breite Uferpromenade an, bauten Villen und ein Grandhotel und verwandelten Nha Trang in ihr „Nizza des Ostens“. Unter amerikanischer Besatzung wurde daraus ein „Little Miami“, die Bevölkerung verfünffachte sich auf 260.000, zahlreiche Diskotheken und Supermärkte entstanden. Vor allem aber wurden Surfbretter eingeführt. Kinogängern ist das aus „Apocalypse Now“ bekannt: Nicht weit von Nha Trang lobte der surfbesessene Schlächter Colonel Kilgore aus Coppolas Film die schönen Wellen und „den Geruch von Napalm am Morgen“.

In Hám Tien sieht die Welt anders aus

Nach dem Krieg erholten sich hier russische Apparatschicks, die von den vietnamesischen Brüdern gern um fünf Uhr früh mit Gymnastikbefehlen aus Lautsprechern am Straßenrand ermuntert wurden. Heute sind es vor allem Japaner, Taiwanesen und Skandinavier, die die Bucht als Tauchparadies für sich entdeckt haben. Nha Trangs wuchernde Promenade, wo sich die Hotels dicht an dicht drängen und die Quadratmeterpreise auf 3000 Dollar gestiegen sind, versprüht dabei mittlerweile etwa den Flair Riminis.

In Hám Tien sieht die Welt anders aus. Wer am Strand steht, sieht nichts als weißen Sand, Liegestühle und Meer, dessen Farbe je nach Wolkendichte zwischen blau und grau wechselt. Auch wenn die Resorts mittlerweile ebenfalls eng beieinanderliegen, so sind doch alle in die Tropenvegetation hineingeduckt. Laut Gesetz darf kein Gebäude höher als die Kokospalmen sein, und noch halten sich die Investoren daran. Die Gäste kommen vorwiegend aus Europa und aus Ho-Chi-Minh-Stadt: Seit die Straße ausgebaut ist, ist Hám Tien in vier Stunden zu erreichen.

„Mit den Fischern gab es Ärger“

„Mit den Fischern gab es Ärger“, erzählt Nguyen Van Hieu: weil der Strand privatisiert wurde. „Aber für alle anderen war es gut: Es gibt jetzt viel Arbeit.“ Er selbst konnte sich 1997 ein Moped kaufen, mit dem er Touristen nach Mui Ne oder zu der beeindruckenden, 49 Meter langen Statue des schlafenden Buddhas auf dem Ta-Ku-Berg fahren konnte. Seit 2004 ist der 34jährige stolzer Besitzer eines alten US-Jeeps, mit dem er jetzt auch Fahrten zu dem zehn Kilometer entfernten Golfplatz unternimmt. Oder zu den Sanddünen, die sich nach einer halben Stunde unvermittelt aus dem Grün wie ein Streifen importierter Sahara erheben. Dort wiederum verdienen sich zwei Jungs Geld, die Touristen einfache Plastikschlitten leihen, um bäuchlings von den Dünen in die Tiefe zu rutschen. Ihre Mutter serviert im Anschluß grünen Tee. Ein Job schafft den nächsten. Weniger Geld als Eifer regiert diese Welt.

Hieus Englisch ist schwer verständlich, wie das der meisten Vietnamesen der Gegend. Kommunikation ist nicht immer einfach, weder auf der Straße noch in den Hotels, wo man bisweilen standardisierte Antworten auf Fragen erhält, die man gar nicht gestellt hat. Fast immer aber lassen sich die Angelegenheiten mit einem Lächeln lösen. Oder sie lösen ein Lächeln aus, wie etwa Hieus Visitenkarte: „Serving You With All My Heat“ steht darauf. Er meint natürlich sein „Heart“, nicht seine Hitze.

„Ehrwürdiger Herr Himmel“

Wenn der Seewind am Abend nachläßt, ist die Luft erfüllt mit den verlockenden Gerüchen der vietnamesischen Küche. Für die Geräuschkulisse sorgen nun Grillen und ihre tropischen Schwestern. Das Meer füllt sich langsam mit den hellen Lichtern der Fischer, die bis zum Morgen weit vor der Küste bleiben werden. Vereinzelte Pärchen hocken mit Maulbeerwein am Strand und blicken in die Sterne der ansonsten pechschwarzen Nacht. „Ong Troi“ nennen die Vietnamesen den Himmel, was übersetzt „Ehrwürdiger Herr Himmel“ heißt. Sehr gerne würde man diesem Ehrwürdigen Herrn Himmel jetzt ein Lied singen.

Anreise: Vietnam Airlines fliegt einmal wöchentlich von Frankfurt/Main direkt nach Ho-Chi-Minh-Stadt (SGN) und mehrmals wöchentlich über Hanoi (Tel. 0 69/29 72 56 10, www.vietnamairlines.com). Ab Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt gibt es täglich Flüge für etwa 50 Dollar nach Cam Ranh, 35 Kilometer von Nha Trang. Ham Tien ist nur mit dem Bus zu erreichen. Von Ho-Chi-Minh-Stadt aus dauert es um vier Stunden, kostet sieben Dollar, buchbar über fast jedes Hotel.

Unterkunft: In Ham Tien liegen viele geschmackvolle Resorts direkt am Strand. Zu den luxuriösesten zählt das „Coco Beach Resort“. Bungalow für zwei Personen ab 105 Dollar (Infos unter www.cocobeach.net). Übernachtung in einfachen Hütten ist am Strand auch für zehn Dollar möglich.

Ausflüge: Fahrten von Ham Tien aus zu den Roten und Weißen Dünen, zum Fischerdorf Mui Ne, zu Relikten der Cham-Dynastie oder zum Schlafenden Buddha werden von allen Resorts und einheimischen Touristenbüros organisiert. Ein eigener Jeep mit Fahrer kostet pro vier- bis fünfstündiger Tour um die 20 Dollar.

Reisezeit: Die Trockenzeit dauert in Südvietnam noch bis Mai.

Information: Vietnam hat kein Tourismusbüro in Deutschland. Das staatliche Tourismusamt informiert unter www.saigon-tourist.com, Mui Ne unter www.muinebeach.net.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.03.2006, Nr. 11 / Seite V2
Bildmaterial: F.A.S. - Klaus Weddig, F.A.Z.

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