Von Rolf Neuhaus
22. Februar 2006 Santa Cruz de La Palma klingt im Kopf, nicht in den Ohren, schon fast wie Maracaibo oder Paramaribo. Dabei ist die Stadt eher ein Klein-Havanna, Malecon und geselliges Straßenleben inklusive: Ältere Herrschaften schlendern in Gruppen über die Avenida Maritima und plaudern mit dem Meer um die Wette; junge Frauen tänzeln reizbetonend durch die einst aristokratische, heute nach dem irischen Bananenkrösus O'Daly benannte Calle Real; Mütter hocken mit viel Zeit auf Mäuerchen und Treppenstufen, ihre Kinder spielen im Hintergrund; gestandene Männer sitzen in Straßencafes, beschauen das lässige Getriebe und saugen an ihren Zigarren wie die alten Kuba-Emigranten, die die Kunst des Tabakanbaus und Zigarrendrehens in ihren Mahagoni-Truhen mitbrachten, als sie nach La Palma zurückkehrten. Unbeschwerte Atmosphäre, jeder scheint jeden zu kennen und zu mögen, ein Havanna provinziellen Zuschnitts, fröhliche Tropen.
Santa Cruz atmet wohl noch ein wenig den humanistischen Freigeist der kosmopolitischen Toleranzgesellschaft des sechzehnten Jahrhunderts, als es der drittwichtigste Hafen des spanischen Imperiums nach Sevilla und Antwerpen war, die Zwischenstation auf dem Weg nach Amerika. Flämische, süddeutsche, genuesische, portugiesische Handelskaufleute hatten ihre Kontore und Herrenhäuser in der Stadt, Zuckerbarone ihre Zuckerrohrplantagen und Zuckerfabriken auf der Insel. Es ist noch etwas übrig von der europäischen Kolonialarchitektur: weiß, blau, gelb, rosa, ocker getünchte Häuser mit braunen, grünen Holzbalkonen, Fensterrahmen, Türen, offene Balkone mit kunstvollen Balustraden oder verglast mit Sprossenfenstern, Arkadengänge, dazu die Palmen, Kolonialcharme, der nach Amerika reiste.
Flach wie eine Flunder
Nur auf der Karte ist La Palma flacher als eine Flunder, ein Flatschen in der Form eines Eckzahns. In der Wirklichkeit ist sie eine der steilsten Inseln der Welt, im Verhältnis zu ihrer Grundfläche so hoch aufgeschossen wie kaum ein anderer Flecken Erde, bis knapp zweitausendfünfhundert Meter, ein steiler Zahn also aus aufstrebenden Bergen und grün überzogenen Vulkanen. Dazu bietet La Palma eine botanische Vielfalt, die ihresgleichen sucht, mit einem hohen Anteil endemischer Pflanzen, ein naturkundliches Freilichtmuseum wie die Galapagos-Inseln oder Hawaii. Bananenplantagen überall, wo es einigermaßen eben ist, auch Avocados, Ananas, Papayas, Mangos werden angebaut, noch etwas Zuckerrohr für die Rumherstellung, noch etwas Tabak. Selbst die topographischen Namen klingen tropisch, man muß sie auf der Zunge zergehen lassen, dann erst entfalten sie ihr volles Aroma: Bi-ri-go-yo, Ga-ra-fia, Tin-ga-la-te, Ta-za-cor-te, Ti-gue-ror-te, Ti-ja-ra-fe, Te-na-gua, Ta-ju-ya.
Ein Wolkenmeer schwappt über den Rand der Caldera de Taburiente und dringt in diesen Kessel ein. Man steht auf zweitausend Meter Höhe, in der Sonne über den Wolken und möchte sich in diese Watte werfen, um sich wie auf einer Feder davontragen zu lassen. Es sind weiße Wolken, nicht dunkle Regenwolken. Das ist weniger tropisch, aber die Natur ist ja erfinderisch. Sie hat den kanarischen Kiefern besonders viele und lange Nadeln gegeben. An ihnen kondensiert die Feuchtigkeit der Wolken, die der Nordwest-Passat gegen die Berge bläst. Unzählige Tropfen fallen zu Boden wie aus allen Tropenwolken. Damit die ganze Insel von dem derart gezapften Wasser leben kann, muß es schon ein Ameisenheer von Pinien geben. Und tatsächlich weist der Nationalpark der Caldera de Taburiente den umfangreichsten und dichtesten Kiefernwald der Kanaren auf. Der Kessel mit seinen achtundzwanzig Kilometern Umfang, acht Kilometern Durchmesser und zweitausend Metern Tiefe sei der größte Vulkankrater der Welt, dachte man, seit Christian Leopold von Buch ihn 1815 untersucht und für ein Explosionsloch gehalten hatte. Aber er ist vor allem ein Erosionsloch, dessen Architekten Wind und Wasser waren.
Sodom und Gomorra
Gleich hinter dem tropischen Regenwald liegt der Mond. Kein menschliches Lebenszeichen, keine Vogelstimme, nichts. Man hört nur den Wind und - weit entfernt - die Brandung. Alles ist schwarz und bleiern, lediglich einige rostrote und schwefelgelbe Flecken stechen hervor und das fast giftige Grün der Pinien, die den Boden perforieren. Die kanarischen Kiefern sind sehr feuerresistent und fähig, nach einem Brand abermals zu sprießen. Es ist eine Landschaft der verbrannten Erde, Sodom und Gomorra, oder der Schöpfung, wie man will. Eine Kette von Vulkanen, deren erkaltete Lavafelder und Schlackehalden sich hinunter bis an die Küsten gießen, durchzieht die Südhälfte La Palmas wie ein Rückgrat. Die Krater sind aneinandergereiht wie die Löcher eines gigantischen mythischen Golfplatzes. Aneinandergereiht, aber in chronologischer Unordnung.
Die beiden bisher letzten Eruptionen fanden an den Endpunkten der Cumbres Viejas statt, der Alten Gipfel, die paradoxerweise die jüngsten Kegel versammeln. Der Vulkan San Juan wurde am Johannistag - daher sein Name - des Jahres 1949 in die Gesellschaft eingeführt. Nach einem urweltlichen Rülpser öffnete die Erde den Schlund und spie Feuer und flüssiges Gestein bis zum dritten August. Im Oktober 1971 erleichterte sie sich nach zweiwöchigen Krämpfen, gebar den Teneguia und schenkte der Insel und Spanien das jüngste Territorium, mehr als zwei Quadratkilometer Lavaland, das das Meer verdrängte. Nun ruht Mutter Erdes zerstörerische und schöpferische Kraft in der dunklen Intimität ihrer Kraterlöcher.
Saurier im Miniaturformat
So dünn besiedelt, so wenig bereist aus Mangel an aufnahmefähigen Stränden und doch so nah an Europa und so gut erschlossen: Die kleinen Kanaren verfügen über Flughäfen, Leihwagen, gute Straßen, gute Hotels, gute Restaurants, internationale Küche, man spricht Deutsch, Englisch, auch Spanisch. Es sind bequeme Tropen. Es gibt keine Tropenkrankheiten, keinen Impfzwang, keine giftigen Schlangen, keine stechenden Skorpione, keine beißenden Spinnen, nur Rieseneidechsen, Relikte der Evolution, lebendige Fossile, Mini-Saurier, die auf La Gomera fünfzig Zentimeter lang und dreihundert Gramm schwer werden können.
Wer von La Palma nach Gomera hüpfen möchte, muß einen Zweisprung im Zickzack in Kauf nehmen. Man fliegt über Teneriffa-Nord. Der Teide schaut aus seiner Halskrause aus weißen Wolken, unter dem Flugzeug liegt der unbewölkte Dschungel aus üppigem Grün und der üppige Beton der Apartmenthäuser, Hotels und Ferienanlagen, denn auf Teneriffa gibt es genug Strände. Die neunzehnsitzige Klappermaschine nach Gomera ist spartanisch, braucht aber auch nur eine halbe Stunde, der Durchgang zum Cockpit bleibt offen, man hat den Durchblick an allen Sitzen vorbei, neben denen sich die Wolken stauen. Da ist Gomera, vollkommen verhüllt.
Nichts ist gerade
Wenn ein Kanare gefragt wird, wie Gomera sei, knüllt er ein Blatt Papier zusammen und wirft es schwungvoll auf den Tisch - so wie Hernan Cortes es tat, als man ihn fragte, wie Mexiko sei. Tolle Pose, hätte er sich registrieren lassen sollen wie Kolumbus sein Ei. Kolumbus wäre beinahe nicht über La Gomera hinausgekommen, sondern in den Armen der schönen Witwe des Inselherrn, Beatriz de Bobadilla, hängengeblieben; dann hätte sich das Ei des Kolumbus nicht ins kollektive Gedächtnis eingenistet. Aber schließlich befreite er sich aus den Schlingen der Verführung und den Fesseln der Schwäche und die Menschheit vom Aberglauben und taufte Amerika mit dem Wasser von Gomera, das er hier bunkerte. Man muß das Papier richtig zu einem Ball zusammenknüllen: So rund und zerknittert ist La Gomera.
Seit zwei Millionen Jahren hat die Insel keinen Vulkanausbruch mehr erlebt, das hat der Erosion genug Zeit gelassen, dieses schroffe, zerklüftete Gelände zu formen. Gomera mißt maximal fünfundzwanzig Kilometer im Durchmesser, türmt sich aber bis knapp fünfzehnhundert Meter auf. Die Insel besteht nur aus Steigung, Gefälle und Kurven, die Straßen wissen nicht, was eine Gerade ist, und so hat das Gelände die Moderne gebremst. Die Gomeros, insbesondere die Hirten, pflegten sich jahrhundertelang mit Stäben fortzubewegen, mit deren Hilfe sie Unebenheiten des Geländes überbrückten, praktizierten sozusagen einen Stabweitsprung und verständigten sich über Schluchten und Kilometer hinweg in ihrer rudimentären Pfeifsprache mit Phonemen aus Pfiffen in unterschiedlichen Längen und Tönen.
Ein Flughafen wie eine Kirche
Der Flughafen war bis vor wenigen Jahren eine Utopie, es gab keine zwei Handbreit ebenen Bodens an einem Stück, auf denen ein Flugzeug hätte landen können. Erst 1999 wurde der Flughafen eröffnet, dafür ist er aber auch vom Feinsten, obgleich täglich nur vier Maschinen starten, zwei nach Teneriffa und zwei nach Gran Canaria. Ein schönes, großzügiges Gebäude dank Brüsseler Großzügigkeit, eine Kathedrale mit Säulen und einer Rosette am Portal aus rotem Stein und mit aufwendigen Holzdecken und Holzbalkonen im Kirchenschiff der Halle.
Die Gomeros haben sich mit der eigenwilligen Topographie ihrer Insel arrangiert und überall Terrassenfelder angelegt. Und überall sieht man Palmen, nicht Kokos-, sondern Dattel- und kanarische Palmen. Man hat sie gezählt: Mehr als hunderttausend sind über die Insel verteilt, auf jedem Quadratkilometer stehen im Schnitt etwa dreihundert, man verliert sie kaum aus dem Blick. In Tälern wie dem Valle de Hermigua oder dem Valle Gran Rey, in denen sich die Bauern in Ingenieure und Landschaftskünstler verwandelt und den Schluchten Ackerland abgetrotzt haben, indem sie Trockensteinmauern errichteten und so die Terrassen schufen, auf denen sie außer Bananen auch Süßkartoffeln, Mais, Wein anbauen und ihre verstreuten, farbig gestrichenen Häuser mit Bougainvilleas, Feigenkakteen, Hibisken umgeben, in solchen paradiesischen Tälern sind die königlichen Palmen das I-Tüpfelchen der Schöpfung, das zu setzen man dem großen Naturgeist überließ.
Das Relikt des Dschungels
In einer halben Stunde ist man wieder jenseits der Zivilisation. Die "laurisilva" im zentralen Hochland Gomeras ist ein Urwald nicht nur im metaphorischen, sondern auch im streng erdgeschichtlichen Sinne, ein Ur-Wald aus dem Tertiär, wie er damals im gesamten Mittelmeerraum verbreitet war und in der Eiszeit zum allergrößten Teil verschwand. Reste haben sich auf Madeira, den Azoren, Kapverden und den westlichen Kanaren gehalten. Der Nationalpark Garagonay, der ein Zehntel der Fläche Gomeras einnimmt, beherbergt das prächtigste Relikt dieses Dschungels.
Kreuz und quer, vertikal und horizontal und ineinander verschlungen wachsen die moosbedeckten und flechtenbehangenen Stämme und Äste der Lorbeer-, Erdbeer-, Holunder-, Heidebäume. Riesenfarne strecken ihre Fangarme aus, Efeu klammert sich an alles Greifbare, Lianen schlingen sich durch die Luft, diese warme, feuchte Luft, diesen dichten Dunst, Wasserdampf, der alles überzieht und durchdringt. Wären nicht Wanderwege angelegt, man würde sich verlieren im verwunschenen Märchenwald und im Nebel. Von Abermillionen Blättern tropft es unaufhörlich zu Boden, die Bäume melken die Nebelwolken und versorgen so die Insel mit Wasser, das in die Schluchten fließt und in kleinen Talsperren aufgefangen und auf die Bananenplantagen und Terrassenfelder geleitet wird.
Eine Insel im Regen
Dann wird es wirklich tropisch. Düstere Wolken legen sich über La Gomera und öffnen ihre Schleusen, ein Monsunregen geht auf die Insel nieder und kapselt sie eine Zeitlang von der Außenwelt ab. Mit mehrstündiger Verspätung landet das Flugzeug während einer Regenpause, dann kann es nicht starten, weil es wieder stürmt und schüttet. Schließlich wagt es der Pilot, der Flug ist kurz und heftig, der Magen hebt sich zum Hals und spielt Vulkan. In Tenerife-Norte herrscht das Chaos, weil alle westkanarischen Inseln vom Unwetter betroffen sind. Nach Stunden des Wartens heißt es plötzlich, in einer Maschine zum Festland sei noch Platz, da sehe man dann weiter, aber man müsse sich beeilen, der Flug gehe sofort. "Und das Gepäck?" - "Wird nachgeschickt." Ob es nicht ratsamer sei, noch ein wenig mehr zu warten, um direkt und mit Gepäck zu fliegen? "Leave the island", sagt nachdrücklich der autochthone Insulaner, und es klingt, als würde die Insel gleich überschwemmt. Verlassen Sie die Tropen über die Notrutsche!
Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Telefon: 069/725033 oder 06123/99134, E-mail: frankfurt@tourspain.es, Internet: www.spain.info.
Text: F.A.Z., 23.02.2006, Nr. 46 / Seite R5