23. Juni 2005 Am Wochenende gingen wir über Hamburg hinaus und fuhren geradewegs an die Nordsee. Wir kamen nach Husum, denn wir wollten die Matjestage mitfeiern. Die Matjestage gehen drei Tage lang, von Freitag bis Sonntag, und dann ist Schluß. Im August werden sich die Husumer Hafentage anschließen. Vielleicht wird dann die Sonne scheinen.
Als es losging, war es aber so: Der Wind blies kalt, und Wolken zogen am hohen blauen Himmel dahin, wie es sich für einen April gehört hätte. Husum ist eine kleine, an manchen Ecken beschauliche und verwinkelte Stadt, und hier steht auch das Haus, in dem der Dichter Theodor Storm gewohnt hat, den wir alle noch aus der Schule kennen, in der wir einmal den "Schimmelreiter" lasen.
Das vom Alltag befreiende Meer
Wir fuhren nach Husum mit der Eisenbahn. Die Waggons waren voll. Sehr viele alte Menschen hatten sich auf den Weg in den Norden gemacht, vor allem nach Sylt. Es war kurz nach neun Uhr vormittags. Wir nahmen Platz im Speisewagen, ließen unsere Blicke über die grünen Wiesen, auf denen Kühe und Schafe lagerten, in die Weiten des zerklüfteten Himmels ziehen, atmeten schon einmal innerlich die herbe frische Meeresluft ein und aus und vertieften uns aus soziologischem Erkenntnisdrang in die Heiratsanzeigen dieser Gegend.
Um halb zehn liefen vier Rheinländer im Rentenalter in den Speisewagen ein, setzten sich zu einer Runde zusammen und genossen die auch schon in ihren Augen aufblitzende Vorfreude auf den langen Strand in Sylt und das vom Alltag befreiende Meer mit jeweils fünf kühlen Bieren, die sie in kleinen kontinuierlichen Zügen und bei Gesprächen, die auch den Zustand Europas nach den Wahlen zur Verfassung streiften, erledigten. Aufrecht und in einer Reihe verließen sie nach anderthalb Stunden den Speisewagen.
Dem Ruf des Matjes gefolgt
Dann hieß es durch den Lautsprecher: Husum, und wir verabschiedeten uns vom Heiratsmarkt, stiegen aus, sahen den Bahnsteig auf und ab und folgten guter Dinge dem Ruf des Matjes. Wir liefen in die Innenstadt und zum Hafen, an dem das Fest stattfinden sollte, dem wir jetzt schon hätten dankbar sein können, weil es uns die Begegnung mit den vier Rheinländern geschenkt hatte. Auf dem Weg zu den Buden lasen wir in einem Glaskasten vor einer Hauswand: "Husumer Stadtwerke - Storm ist Leben". Alle Achtung, dachten wir und lobten den originellen Einsatz der Husumer Stadtwerke für den Husumer Dichter. Wir mußten diesen vorteilhaften Eindruck, den die Stadtwerke auf uns damit gemacht hatten, aber schon nach wenigen Schritten korrigieren, denn als wir näher an den Glaskasten kamen, sahen wir, daß da stand: "Strom ist Leben". Wen wollten wir nun schelten?
Doch da hörten wir schon die Musik vom beschaulichen Hafen. Eines dieser einfallslosen, bunt ins Leere blinkenden Kinderkarussells hatte sich in Bewegung gesetzt, und irgendeine einfallslose Musik plärrte dazu. Der Strom des Lebens, dachten wir und schauten über die Buden, die aussahen, wie heute überall die sogenannten Buden aussehen. Sie zogen sich am Hafen über hundert Meter weit über das Kopfsteinpflaster hin. Im Wasser schaukelten stumm einige kleine Boote. Vor Restaurants standen Tische und Stühle, auch ein, zwei Strandkörbe waren darunter. Sand hatte man nicht aufgeschüttet.
Matjes in allen Varianten
Wir können die Vielfalt der sogenannten Buden nicht mehr im einzelnen aufzählen. Es gab hier Matjes in allen Varianten zu essen, dort Pommes, hier Reibekuchen mit Apfelmus, dort Pizza, hier Bratwürste, dort Steaks vom Nacken, hier fritierten Fisch auf einem Brötchen, dort Eis. Zwei dunkle Gehäuse dienten kleinen musikalischen Darbietungen. An einem Stand wehten blau-weiß gestreifte Hemden im Wind, und dazu flatterten munter rote Halstücher. Wer Geld übrig hatte, der konnte sich ein Kilo Kirschen für 4 Euro 90 - das sind ja fast zehn Mark, wie ein verdutzter Husumer noch rechtzeitig und korrekt bemerkte - kaufen, was die wenigsten taten. Drei Trampoline warteten auf Kinder. An einem Stand konnte man sich eine Ecke Käse aus einem Käserad schneiden lassen und nach Hause tragen. An einem anderen Stand gab es Holzteller und Holzbrettchen mit irgendwelchen Schnörkeleien drauf.
Es war halb zwölf und noch nicht viel los. Die meisten Menschen, die unterwegs waren, liefen über den Flohmarkt, der sich weit in der Innenstadt ausbreitete. Wir nutzten die Zeit und rekapitulierten: Der Matjes ist ein Salzhering, der Salzhering ist ein Hering, der, kaum ist er gefangen und an Bord gebracht, zerlegt, ausgenommen und in Salz gelagert wird. Der Matjeskenner weiß, daß er den Matjes sofort oder wenigstens noch an dem Tag essen sollte, an dem er den toten Fisch für ein Mahl daheim gekauft hat. Wer den Matjes loben möchte, sollte sich unterstehen, den Matjes auf ein echtes Silbertablett zu legen. Besser ist es immer, den sehr roh aussehenden Fisch in grüne Salatblätter zu betten.
Von einer Kieme zur anderen
Der Matjes wurde, so steht es in den Annalen des Fischfangs, von Wilhelm Beukelzoon aus Biervliet entdeckt, und zwar im Jahr 1395. Wilhelm Beukelzoon befand sich in diesem entscheidenden Jahr wieder einmal auf hoher See. Als der Fang an Bord gehievt wurde, nahm Wilhelm den Hering in die eine Hand und führte mit seiner anderen Hand das scharfe Messer - zarte Gemüter mögen jetzt weghören - unter dem staunenden Maul des Herings von einer Kieme zur anderen. Wilhelm nahm darauf die Eingeweide aus dem Fisch, ließ aber, so heißt es, die Bauchspeicheldrüse drin. Danach warf er den Hering in einem hohen Bogen in die dafür vorgesehene Tonne, in die nun auch Salz geschüttet wurde - das war's.
Auf den Schiffen wird das heute noch so gemacht, wenn auch das sogenannte Kehlen häufig von Maschinen übernommen wird. Der Matjeskenner weiß, daß man den fetten Hering nicht hart in die Hand nehmen und pressen darf, wenn es dem Fisch an den Kragen geht. Am ersten Tag des Matjesfestes in Husum hatte ein Fischhändler am praktischen Beispiel eines toten Herings der Frau Bürgervorsteherin gezeigt, wie man am besten Matjes filetiert.
Aus den Brötchen wedelt der Fisch zum Abschied
Jetzt war es halb eins. Auf der Hafenmeile liefen und standen nun vor allem alte Menschen in blauen und hellbraunen Windjacken, sie tranken ein Bier, es durfte auch ein Wein sein, und bissen in den kalten Matjesleib. Hier und da wedelte aus den Brötchen eines der rosaroten Enden des Fisches heraus, und es sah so aus, als würde der Fisch mit seinem wedelnden kalten Ende ein letztes Mal von der Welt Abschied nehmen, bevor er in irgendeinem Mund auf Nimmerwiedersehen verschwand.
In einem der Gehäuse versammelten sich nun auch zwanzig ältere Freunde der Nordsee. Sie trugen, der Lebensart auf und am Meer entsprechend, helle Hosen und dunkelblaue Jacken, auch weiße Bärte und Schiffermützen waren darunter, und sie sangen zu den Tönen eines Schifferklaviers ohne Angst vor einem innerlichen Sturm ihre Seemannslieder in der ihnen geläufigen Weise ins Mikrofon. Wer gerade Lust empfand, konnte davor stehenbleiben und die Brise des Nordens genießen. Der Matjes lief ja nicht weg.
Lichtet die Anker, setzt die Segel
So ging die Zeit dahin, und wir standen da und schauten und wurden dabei müder und älter, bis wir das Alter derer erreicht hatten, die unverdrossen durch die Buden liefen und sich an den Tischen zum Essen niederließen und ihre braungebrannten, unternehmungslustigen oder ihre bleichen, müden Gesichter in den Wind hielten, während die alten singenden Freunde der Nordsee zum aberhundertsten Male in der Geschichte des maritimen Liedguts darauf bestanden, daß dies und jenes einen Seemann nicht umwerfe. Uns schon.
Und wenn nun Karneval wäre? Wenn das nun nicht alles wahr, sondern nur ein kleiner Umzug wäre, aus dem bald ein "Matjes helau!" heraustönen würde, worauf sich alle zerstreuen würden? So aber war es eben nicht. Denn dieser Zug der blauen und hellbraunen Windjacken reichte ja schon bis Sylt hinauf, hatte wahrscheinlich die ganze Küste und dort auch alle Strandkörbe und all die Inseln und all die Schiffe besetzt und erhielt aus dem weiten Land tagtäglich von der Urlaubsstimmung aufgeweckten und in die übliche Freizeitkleidung warm eingepackten Nachschub. Da sackten wir für einige Momente innerlich zusammen, und wir meinten noch zu hören, daß aus dem Zug des reifen Lebensalters die Aufforderung an uns erging, uns doch schon einmal ganz hinten einzureihen. Wir waren, wir gestehen es, nahe dran, nachzugeben und uns eine blaue Windjacke zu kaufen. Da fiel ein Sonnenstrahl hernieder und weckte uns aus unseren Matjesträumereien, und wir dachten: Lichtet die Anker, setzt die Segel.
Das Husumer Treiben völlig ausgekostet
So kam es, daß wir nach einigen Stunden das Gefühl hatten, das Husumer Treiben zwischen den Buden völlig ausgekostet zu haben, und wir wandten uns der Heimreise zu. Diesmal ließen wir uns von der Anzeige der Husumer Stadtwerke nicht auf eine falsche Fährte locken.
Im Zug saßen wir wieder im Speisewagen und gedachten der vier Rheinländer, die einfach durch Husum hindurchgefahren waren und von den Matjestagen keinen kalten Bissen mitgenommen hatten und wahrscheinlich nun am Strand in Sylt selig beim zehnten Bier angelangt waren und sich vor dem Rauschen des Meeres noch viel Wissenswertes aus ihrem Seniorenstudium zu berichten wußten. Wir aber werden zu den nächsten Matjestagen nur dann wieder fahren, wenn wir sicher sind, daß dort auch wieder Flohmarkt ist.
Text: F.A.Z. Reiseblatt / Juni 2005/ R14
Bildmaterial: F.A.Z./Hode Schneider, F.A.Z./Holde Schneider, Holde Schneider