Wales

Nach drei Flaschen Wein hat man neue Freunde

Von Sven Weniger

Ein Blick für Genießer: Der Waliser Hafen von Caernarfon

Ein Blick für Genießer: Der Waliser Hafen von Caernarfon

09. Oktober 2007 Menschenleer ist die Straße, grau der Himmel, und grau sind auch die Häuschen. Eines sieht aus wie das andere. Hastige Sechziger-Jahre-Architektur, darüber Rauhputz. Ein überdachter Eingang, zwanzig Quadratmeter Garten hinter der Küche, das Auto vor der Tür. Die schlichte Vorstadtsiedlung entstand als Vision einer zukünftigen „Middle Class“ in Caernarfon. Mit zehntausend Einwohnern zählt das Städtchen zu den größeren Siedlungen im Norden von Wales. Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein lebte die Region von der Landwirtschaft und vom Schieferabbau, einem knochenharten Job in den Bergen Snowdonias, der Tausende Arbeiter mehr schlecht als recht ernährte und nun auch schon Geschichte ist.

Die Haustür steht offen, und Dilys Jones hat den Fremden auf der Straße bereits erspäht. Herzliche Umarmung auf der Türschwelle, hello, welcome, hereinspaziert. Die Jones sind die Gastgeber des heutigen Abends, sie werden ein Drei-Gänge-Menü auftischen, für das der Fremde im Voraus fünfundzwanzig englische Pfund bezahlt hat. Weder Gast noch Gastgeber haben einander vorher schon einmal gesehen. Das sind die Spielregeln beim „Home Hosted Dinner“, einer neuen Tourismusinitiative in Wales.

Ein Blick hinter die walisischen Fassaden

Dilys, ein sprudelnder Quell der Warmherzigkeit, erscheint auf Anhieb als walisische Mutter Beimer, die den schmerzlich vermissten Sohn in die Arme nimmt. Dafydd kommt dazu, ihr Mann. Der fünfundsechzigjährige Pensionär ist mit seiner weißen Mähne eine stattliche Erscheinung. Fünf Schritte sind es ins Wohnzimmer, da bleibt keine Zeit für peinliches Herumdrucksen. Das Sofa ist besetzt, Verwandte sind da und ein Nachbar, um den unbekannten Gast zu empfangen. Sherry wird gereicht, der Toast geht im Klirren der Gläser unter. Der Bann ist gebrochen, die Stimmung bald wie bei einem Wiedersehen alter Freunde.

Die Idee des „Home Hosted Dinner“ kommt aus Amerika. Der Besuch eines „zu Hause ausgerichteten Abendessens“ ist dort ein populärer Zeitvertreib im Urlaub. Ganze Reisegesellschaften werden im Ferienort in Gruppen von vier bis acht Personen aufgeteilt und für einen Abend in die Häuser von Einheimischen verfrachtet. Die Idee ist inzwischen auch auf Australien, Südafrika und Kanada übergesprungen. Donna Goodman, die in Caernarfon als Fremdenführerin arbeitet, fand es einen zwingenden Einfall, Touristen, die in den Städten von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hasten, im Hotel wohnen und bei ihrem zumeist kurzen Aufenthalt keine Ahnung davon gewinnen, wie die Menschen, deren Land sie gerade besuchen, leben, die Türen in Privathäuser zu öffnen. Einen Blick hinter die Fassaden zu werfen, wenn auch nur für einen Abend. Das „Blind Date“ zum Dinner, ein Experiment.

Der Abend wird zur Herausforderung

Festlich ist die ovale Tafel gedeckt, das Porzellan glänzt. Dilys und Karen, ihre Tochter, servieren Lauchsuppe, dann Lamm in Minzsoße - Klassiker der Waliser Küche. Lauch zählt zu den Nationalsymbolen im Land der Kelten. Und Schafe. Sie sind die eigentlichen Herren über Wiesen, Hügel und Täler. Stoisch knabbernd und stets pittoresk wie von Designerhand über die Matten verteilt, strukturieren sie als weiße Punkte die immergrüne Landschaft, im Snowdonia Nationalpark wie auch auf der Insel Anglesey. Sie stehen ebenso ungerührt im Dauerregen auf freiem Feld wie souverän mitten auf Nebenstraßen, die eng von Hecken eingefasst sind.

Der Abend nimmt seinen Gang, das Essen schmeckt. Doch um Speis und Trank geht es nicht allein. Der unvermittelte Vorstoß mitten hinein in den Alltag bis dahin unbekannter Menschen fordert die Aufmerksamkeit aller Sinne. Wer sitzt mir gegenüber, wie gehe ich mit ihm um, was soll ich von mir erzählen? Eine Herausforderung, für die Speed-Dating-Fähigkeiten hilfreich sind. Die Jones' sind darin erprobt. Themen des Abends sind: ihr Dauerjob als Statisten in einer bekannten Fernseh-Seifenoper; die Lebensgeschichte von Hund Gelert, der auch in der Serie mitspielt; das Glück, als sie ihr gemietetes Haus schließlich für nur siebentausend Pfund kaufen konnten - in der Schnittgeschwindigkeit eines Filmtrailers entfaltet sich das Leben einer Waliser Mittelschichtsfamilie.

Aufschwung der blutroten Drachen

Wo sonst, wenn nicht in diesem Kleinstadtidyll, erführe der Besucher, dass, anders als im Speckgürtel um die in Südwales gelegene Industriestadt Cardiff, im traditionell und ländlich geprägten Nordwesten des Landes viele noch immer nur ausnahmsweise Englisch sprechen. Der hagere Peter, Karens Mann, erweist sich als auffällig eloquent, was sich dadurch erklärt, dass er im Stadtrat arbeitet. Aber Dilys mit ihrem harten walisischen Akzent sucht gelegentlich schon mal nach Worten.

Dabei gibt es in dem über Jahrhunderte von England beherrschten Land erst seit 1993 wieder einen Anspruch auf Zweisprachigkeit. Seitdem erfährt das Walisische einen Aufschwung. So überzieht das für den Fremden hoffnungslos mit Konsonanten überfrachtete Idiom konsequent alle Straßenschilder mit kaum entzifferbaren Buchstabenfolgen. Und die grün-weiße walisische Fahne mit dem blutroten Drachen weht auf jeder der ungezählten Burgen, wird stolz aus den Fenstern gehängt und in Pubs über den Tresen.

Eine ausgestorbene Sprache

Wer durch die herausgeputzten Altstädte von Conwy, Llandudno oder Caernarfon streift, sieht und spürt auf Anhieb, mit welcher Andacht dort viktorianische Promenaden und edwardianische Stadtmauern gepflegt werden. Neidisch blicken die Waliser hinüber zur irischen Nachbarinsel, denn die Touristenströme, die dort fließen, hätten sie auch gerne. Dafür feilen sie beständig an ihrer Identität. In den Schulen lernen die Kinder wieder die Sprache ihrer Vorfahren. Donnas Tochter Eve und deren Bruder Billy sprechen gern und fließend Walisisch, obwohl englische Freunde sie gelegentlich verständnislos fragen, warum sie eine tote Sprache lernen.

Auch Donna und ihr Mann Phil bewirten Fremde bei sich. Beim Gin Tonic schweift der Blick über die Menai Strait, die das Festland von der Insel Anglesey trennt. Unter der tiefstehenden Sonne fließt das Wasser rasant in die Irische See ab. Fünfzehn Dinner-Gastgeber zwischen Caernarfon und der Kreisstadt Bangor nehmen inzwischen am „Home Hosted Dinner“ teil. Donna hat sie alle selbst ausgesucht und auf Vielfalt geachtet. Für die Gäste ist nur Voraussetzung, dass das eigene Englisch für eine Konversation mit den Gastgebern reicht. Dann öffnen sich ihnen viele Türen, sei es zu Stadtwohnungen oder einer Farm, zu einer Familie oder dem Festsaal der distinguierten Dame, deren befestigtes Herrenhaus sonst nur Tagesbesuchern zur Besichtigung offensteht.

Ganz private Geschichtsstunden

Noch steckt im Ganzen viel Improvisation. Donna könnte sich ebensogut vorstellen, außer zum Abendessen auch zur Teatime zu bitten, zum Cocktail im Garten. Unlängst wollte eine Gruppe Japaner unbedingt ein walisisches Haus von innen besichtigen. Phil sammelte Teetassen in der Nachbarschaft, und fünfundzwanzig kameraschwingende Asiaten schossen begeistert Fotos von alter Wäsche, ungemachten Betten und der Hauskatze, die sich im Sessel räkelte. Bei Dilys und Dafydd wird mittlerweile der Nachtisch gereicht. Zu Bara Brith, dem kernigen hausgemachten Früchtekuchen, gibt es den Auftritt des Nachbarn Allen. Der Hobbyfotograf war vor fünfundzwanzig Jahren zur Stelle, als Lady Diana Caernarfon besuchte. Seine Schnappschüsse, mit Liebe ins Album geklebt, zeigen eine blühend junge Königin der Herzen, die auch in Wales äußerst beliebt war.

Amerikaner seien stets hingerissen, wenn sie die Bilder sehen, versichert Dilys, alle am Tisch nicken. Prince Charles hat es da schwerer, immer noch. Obwohl er seine damalige Ehefrau begleitete, gelang es Allen, den ewigen Thronfolger mit klinisch präzisen Schnitten von den meisten Fotos fernzuhalten. Und unvergessen ist hier auch der Anschlag zweier Nationalisten auf den Zug von Charles, als der 1969 in Caernarfon zum Prince of Wales gekrönt wurde, doch der Gewalttat fielen nur die Attentäter selbst zum Opfer. Alte Geschichten, versichern die gutgelaunten Gastgeber nach drei Flaschen Wein am Ende des Abends. Schließlich seien wir alle doch jetzt vor allem Europäer. Dann wird der Dinnergast herzlich verabschiedet. Hinaus in ein Land, das ihm plötzlich viel näher gerückt ist.

Abendessen

Walisische Familien laden zum Dinner, an denen vier bis acht Personen teilnehmen können, vermittelt für 25 englische Pfund pro Person Donna Goodman, Turnstone, Caernarfon, Wales, E-Mail: info@turnstone-tours.co.uk. Allgemeine Informationen zu Wales im Internet: www.visitwales.com

Text: F.A.Z., 04.10.2007, Nr. 230 / Seite R9
Bildmaterial: F.A.Z., Wikipedia/ Manfred Heyde

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