Kreuzfahrt

Raum zum Atmen, Platz zum Genießen

Von Brigitte Scherer

26. August 2005 Es ist ein Logenplatz, der den Atem raubt, elf Stockwerke hoch über dem Meer auf dem großen weißen Schiff im Golf von Neapel, und vor uns, direkt hinter dem Frühstückstisch auf Augenhöhe, dieser mediterrane Bilderbogen, die vielbesungene Steilküste und obendrauf das üppig von subtropischer Flora umhüllte Sorrent. Unten im Wasser wuseln auf sich leise kräuselnden Wellen kleine Schiffe, das Lotsenboot, der orangefarben auf den Wogen schaukelnde Tender. Gegenüber an Land schäumt die Bougainvillea cyclamfarben über Steilklippen und ziselierte Palazzi. Ist das ockerfarbene Gebäude da, das mit den vogelnestartigen Balkons, nicht das Hotel, in dem wir vor einiger Zeit wohnten? Wie zum Greifen nahe und doch im Morgendunst zauberisch ferne wie eine Fata Morgana wirkt dies vertraute Stück Italien aus der erhabenen Perspektive vom Meer aus und turmhoch über ihm.

Wir liegen mit der "Crystal Serenity", unserem mächtigen, dreizehn Stockwerke hohen Schiff, und siebenhundert Amerikanern auf Europatour vor Sorrent auf Reede, und fühlen uns wie die Astronauten der Raumstation ISS: weit weg von allem und doch dem Ziel der Sehnsucht ganz nah. Alles, was wir zum Leben brauchen, haben wir an Bord dabei. Und wenn wir das Schiff verlassen, bleiben wir, den Astronauten der Raumstation gleich, bei jedem Ausflug wie mit einer Nabelschnur - die uns moderne Eroberer vor den Unbilden der Außenwelt bewahrt, so weit es menschenmöglich ist - mit dem Mutterschiff verbunden. An jedem Hafen ist eine Außenstation für die Passagiere errichtet, mit Shuttleservice ins Zentrum, Sitzgelegenheiten unter einem schattigen Dach fürs Warten auf Kleinbus oder Boot, eisgekühltem Mineralwasser und Gratistelefon. Auch ein Empfangskomitee ist da, auf dem Tisch mit Stadtplänen fehlt nicht einmal der Blumenstrauß.

Wo die Wirklichkeit tobt

Ein Lügner, der nicht zugäbe, daß dies äußerst angenehm ist. Ohne Navigations- und Parkplatzprobleme wie bei früheren Besuchen mit dem Auto, klettert man jetzt als Schiffswohnungseigner in aller Ruhe in das Tenderboot zum Hafen. Dort muß man kein Taxi suchen, der nächste Shuttle, ein Kleinbus, wartet, und hinauf geht's die steile Anhöhe hoch zur Piazza Tasso, wo die Wirklichkeit tobt: Hupkonzerte, aufheulende Motorräder, der lautstarke Cabrio-Korso einer Hochzeitsgesellschaft, vorneweg das Auto mit der Braut, in der hoch auffliegenden Wolke ihrer Schleier. Alles steht, alles hupt, wir sitzen entspannt in einer Bar und schauen den Tauben zu, wie sie Erdnüsse vom Nachbartisch picken.

Ist es nicht schön, unser bella Italia? Wie muß es unsere amerikanischen Mitkreuzfahrer entzücken, denken wir mit Europäerstolz. Dieses Leben in den bunten Gäßchen, diese schönen Mädchen in all ihrer Allüre, diese phantasievollen Designerlädchen und einladenden Trattorien. Wo sonst gibt es so dekorativ verwaschene, in Trompe-l'oeil-Technik bemalte Fassaden, wo sonst ist man umgeben von so melodischem Geplapper? In gehobener Stimmung übersehen wir sogar den beginnenden Niedergang guter italienischer Sitten, wie er sich an diesem Touristenbrennpunkt auf den Nachbartischen in Form von Wattesandwichs offenbart. Unser Schiff wartet vertrauenerweckend unten im Meer, und dort ist alles genauso, wie es die Reederei ihren Passagieren schon in Amerika versprach: tagsüber in den "historic villages" und "sophisticated cities" umherstreifen und abends zurück in die Suite auf dem Schiff, deren Eleganz "Frette-Bademäntel" (Prestigefaktor bei Frottee wie Prada bei Kleidern), "Kopfkissenmenü" und Bettwäsche aus "hundertprozentiger ägyptischer Baumwolle" komplettieren, nicht zu vergessen Jacuzzi-Badewanne und Fernglas.

Alles für den Passagier

Keck stellt die Reederei in ihrer Werbung Vergleiche mit auf der Kreuzfahrtroute liegenden Luxushotels an, etwa dem legendären Cipriani in Venedig, und dabei stell sich immer heraus: Die Konkurrenz an Land ist teurer und kann mit dem umfassenden Service unserer "Crystal Serenity" nicht mithalten. Das ist wahr. Ihr norwegischer Kapitän Glenn Edvardsen hatte nach dem Ablegen in Civitavecchia sogar die Zeit gedehnt beim ersten Abschnitt der Schiffsreise von Rom nach Sorrent, auf eine Nacht, einen Tag und noch eine Nacht. Das ist eine Strecke, die an Land mit dem Auto wenige Stunden dauert. Der Kapitän tat dies nicht, um einem Sturm auszuweichen, er tat es für die Passagiere, damit sie sich nach ihrem Überseeflug ohne Hast einfänden in ihrer Zeitheimat auf dem Mittelmeer.

Der Beste zu sein im gesamten Luxus-Dienstleistungsgeschäft, besser sogar als Luxushotels, hieß die Vorgabe der japanischen Crystal-Cruise-Muttergesellschaft NYK, einem globalen Logistikunternehmen und mit mehr als achthundert Containerschiffen die Nummer eins in der Welt, als sie 1988 die Kreuzfahrtfirma für den amerikanischen Markt gründete. Zwei Jahre später lief das erste der heute drei Schwesterschiffe, die "Crystal Harmony", zu ihrer Jungfernfahrt aus, weitere sechs Jahre später war der Spitzenplatz erreicht. Seitdem gelten die Crystal-Schwestern, in jedem Jahr von Conde Nast Traveler und Travel and Leisure neu dazu gewählt, unter den großen Luxusschiffen in der Neuen Welt als die besten. Die zwei Jahre alte "Crystal Serenity" ist die jüngste und mit 68 000 BRT größte der Kreuzfahrtflotte, es gibt noch mehr Platz in den Kabinen - fast alle mit Balkon - für die höchstens tausendundachtzig Passagiere, doppelt so viele bringt die Konkurrenz normalerweise auf einem Schiff dieser Größe unter.

Kirschblüten für Washington

Der kometenhafte Aufstieg des Neulings Crystal Cruises im Haifischbecken des amerikanischen Kreuzfahrtmarktes wirkt angesichts der Geschichte der Muttergesellschaft nicht völlig überraschend. Denn die Crystal-Cruise-Schwestern könnten sich ebensogut wie Cunards "Queen Mary 2" mit dem Glanz der Geschichte schmücken. NYK, Nippon Yusen Kaisha, ist nicht nur ein reiches, sondern auch ein traditionsreiches und feines Unternehmen und sein Firmenschicksal von Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg an Dramatik nicht ärmer als die Atlantikschiffahrt, die unsere Herzen bis heute bewegt. Im Jahr 1885, also in Pionierzeiten gegründet, wurde Nippon Yusen Kaisha Japans nationale Schiffahrtsgesellschaft. 1886 eröffnete sie den ersten japanisch-amerikanischen Liniendienst nach Seattle, das Schiff wurde dort mit einem Salut von einundzwanzig Kanonenschüssen begrüßt. 1911 brachte ein Frachter die ersten Kirschbaumblütensetzlinge von Tokio nach Washington, die bis heute die Ufer des Potomac säumen. Ende der zwanziger Jahre liefen aus der japanischen Mitsubishi-Werft die drei luxuriösesten Oceanliner aus, die je den Pazifik befuhren, mit Passagieren wie Charlie Chaplin und Albert Einstein an Bord.

Mit dem Zweiten Weltkrieg war alles vorbei. Nippon Yusen Kaisha verlor 172 Schiffe im Pazifik, fast die gesamte Flotte. Erst knapp ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg, 1991, legte mit der "Crystal Harmony" wieder ein Kreuzfahrtschiff der japanischen Schiffahrtsgesellschaft im Hafen von New York an, gebaut von der Mitsubishi-Werft in Nagasaki und getauft in Los Angeles.

Statt Glitz und Glamour herrscht Understatement

Nun eignen sich Erinnerungen an Pearl Harbour und Nagasaki nicht dazu, auf dem amerikanischen Markt einen Mythos nach Art der Cunard-Schiffe "Queen Mary 2" und "Queen Elisabeth 2" zu begründen. So trifft man auf der "Crystal Serenity" auch nicht Mitpassagiere wie jenen romantisch schwarzgelockten Ken aus New York auf der Transatlantiküberquerung mit der "Queen Mary 2". Ken reiste als Hommage an die Geschichte der Atlantikliner. Bevor er sich zu der Transatlantikreise einschiffte, war er, zum Preis von fünfunddreißigtausend Dollar, sogar in der Tauchglocke in die Tiefen des Ozeans hinabgeglitten, um das Wrack der "Titanic" zu sehen. Die Passagiere der "Crystal Serenity" leben dagegen gänzlich im Hier und Jetzt, wie die so fröhliche wie elegante Großfamilie aus Kalifornien, fast alles Ärzte und alle aus dem Iran emigriert.

Die überwältigende Mehrzahl der Mitreisenden an Bord stammt aus Nordamerika, meist aus den Sonnenstaaten Florida, Kalifornien, Arizona, wo es jetzt im Sommer glühend heiß ist. Ein paar Engländer, Südamerikaner, Deutsche, Hongkongchinesen und natürlich Japaner sind ebenfalls an Bord. Auch Hochzeitspaare wie der gutaussehende junge Mann aus Tokio mit seiner feenhaften Braut, die noch in der eisigsten Klimaanlage mit hauchzarten, perlenbestickten Abendroben aus Chiffon den Beweis antritt, dies sei das Schiff mit den "bestangezogenen Mitpassagieren, die ich je an Bord traf", wie ein zufriedener Kunde der Reederei schrieb. Tatsächlich brechen die Kreuzfahrer nicht in Touristenkluft mit Shorts, Turnschuh und T-Shirt zum Einkaufsbummel auf dem Corso Umberto in Taormina auf, sondern in Leinen und Lederslippern. Und immer herrscht jene freundlich entspannte Atmosphäre, die dem gehobenen amerikanischen Lebenszuschnitt entspricht. Das bedeutet: nicht Glitz und Glamour wie bei "Dallas" und "Denver", sondern Understatement. Denn weder bietet die "Serenity" eine Bühne für Selbstdarsteller noch Funship-Attraktionen für passive Konsumenten. Zum Frühstück und tagsüber in den Bistros steht der Luxuskreuzfahrer ganz selbstverständlich mit Plastiktablett an - das ihm allerdings sofort von einem dienstbaren Geist aus der Hand gerissen wird - , bevor er sich abends in Schale wirft und sich an die mit Riedel-Gläsern gedeckte Tafel setzt.

Nicht einmal eine Bordansage stört

Bei der Innenarchitektur hat niemand ein Statement versucht, keiner will mit gemalten Marmorsäulen, Plastikstuck oder goldenen Wasserhähnen Palasthotel-Herrlichkeit zurückinszenieren. Dem skandinavischen Architekten ging es um soliden Komfort. Nirgends stört Lärm, es gibt nicht einmal eine Bordansage, die stören würde. Auf architektonische Gags wurde verzichtet. Dafür sind Daunendecken obligatorisch, ebenso teure Badkosmetika. Die Suiten haben begehbare Kleiderkammern, gratis wird alles aufgebügelt. Am schönsten ist das Hauptrestaurant mit seinen Lüstern über dunkel vertäfelten Wänden, als spektakulärstes Architekturdetail fällt das Promenadendeck ohne die sonst über dem Kopf dräuenden Rettungsboote auf, diese sind in einem Mannschaftsdeck versteckt. Und als einziges Kreuzfahrtschiff hat die "Crystal Serenity" ein richtiges Kino an Bord, zur Sonntagsmatinee steht warmes Popcorn am Eingang.

Was die Besonderheit unseres schwimmenden Resorthotels ausmacht, erschließt sich erst nach einiger Zeit. Es ist die Summe der Einzelheiten. Credo ist das Wohlbefinden des Passagiers. Dazu braucht er nichts anders als Service, Platz, Qualität, die Freiheit der Wahl, zum Beispiel, sein Dinner auf dem eigenen Balkon zu genießen, Gang nach Gang serviert wie in den Restaurants. Und wo der fürsorgliche Arm des Mutterschiffs nicht hinreicht, helfen schriftliche Ratgeber. Minutiös sind für jede noch so kleine Exkursion die Zahl der Treppenstufen, der Grad der Anstrengung, die Qualität des Busses aufgeführt.

Ein Schiff, zum Staunen geboren

Dem Passagier bleibt nur die Qual der Wahl: Soll er Pompeji, Neapel, Capri oder Ischia einen Besuch abstatten? Soll er im Hinterland beim Zubereiten von Gnocchi und Limoncello, dem süffigen Zitronenlikör, dabeisein? Ist das antik-mediterrane Biotop am besten mit Limousine, Bus oder Luftkissenboot zu erobern? Man könnte tauchen gehen, man könnte sogar die ganze Amalfiküste mit dem Hubschrauber erkunden, Positano, Neapel und Capri, das Mittagessen im berühmten Hotel Quisisana inbegriffen. In Taormina entscheidet sich der Passagier, im ehrwürdigen Hotel Timeo zu essen, in Palermo macht er einen Ausflug zu den Katakomben mit, in Mykonos bleibt er im schönsten und unverschämtesten Aussichtslokal hängen. Er könnte auch angeln gehen und den Fang zur Zubereitung in der Küche abgeben, er könnte Wein einkaufen und ihn abends in einem der Schiffsrestaurants trinken, für zehn Dollar Korkgeld. Er kann aber auch zu Hause auf dem Schiff bleiben, einfach auf dem eigenen Balkon sitzen, aufs Wasser sehen und nichts tun als zu schauen.

In diesen Punkten ist die "Crystal Serenity" dann doch ein Schiff, zum Staunen geboren. Statt Mythos verkauft sie Wohlgefühl: Raum zum Atmen, Platz zum Entfalten individueller Vorlieben. Ohne Vorgaben kann jeder in einem unaufdringlich angenehmen Ambiente nach seiner Facon selig werden. Das ist, im industriellen Tourismus zumal, Luxus.

Die Crystal Serenity ist die jüngste und mit ihren dreizehn Decks und 68 000 BRT das größte Schiff der Crystal-Cruises-Flotte. Die Schiffe fahren bei 63 unterschiedlichen Reisen weltweit zu 168 Häfen in 79 Ländern, im Winter in der Karibik, in Südamerika und Asien, im Sommer in Europa. Reisen im Mittelmeer kosten in der kleinsten Kabine ab 200 Euro pro Person und Tag, in einer Penthauskabine ab 400 Euro. Asien- und Karibikreisen sind etwas günstiger. Im Preis enthalten sind alle Mahlzeiten sowie nichtalkoholische Getränke, außerdem Shuttle zu den Stadtzentren.

Auskunft: Aviation & Tourism International, Wasserloser Straße 3a, 63755 Alzenau, Telefon: 06023/ 917150, Fax 917169, E-Mail: info@atiworld.de, Internet: www.atiworld.de



Text: F.A.Z., 25.08.2005, Nr. 197 / Seite R1
Bildmaterial: Crystal Cruises, F.A.Z.

 
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