Von Jakob Strobel y Serra
07. September 2007 Wer behauptet, die Wiedervereinigung habe nur Unglück über die Deutschen gebracht, fährt offensichtlich nicht gerne mit dem Auto unter schattenspendenden Bäumen gemütliche Landstraßen entlang. Dabei nämlich begreift man, was der Mauerfall den Deutschen Tolles geschenkt hat: die Rettung und Renaissance der Alleen.
Im Westen wurden sie einst abgeholzt wegen der freien Fahrt für freie Bürger, im Osten ließ man die Bäume stehen wegen des Mangels an freien Bürgern und geeigneten Fahrzeugen für die freie Fahrt. Nach der Wiedervereinigung entdeckten die Menschen den Charme der Alleen, stellten viele von ihnen unter Naturschutz und pflanzten sogar wieder Bäume. Nur im Internet ist von der neuen Liebe zur Baumstraße nichts zu spüren.
Ein Häubchen Werbeprospektlyrik
Die Homepage der Deutschen Alleenstraße, der längsten touristischen Route Deutschlands, die auf der Insel Rügen beginnt und nach zweieinhalbtausend Kilometern auf der Insel Reichenau im Bodensee endet, ist eine einzige, unerfreuliche Baustelle. Ständig verweist sie auf ihre Vorgängerseite, die auch nichts taugt: Die Übersichtskarte gibt es nur mit einem Software-Download, praktische Informationen für die Urlaubsplanung bekommt man gar nicht, und die Linkliste ist ein Witz.
Etwas besser ist die Site des Bundesumweltministeriums (www.alleen-fan.de). Hier findet man eine kurze Einführung in das Ökosystem Allee, ein Faltblatt zum Herunterladen und ein paar warme Worte zum Klimaschutz - gut zu wissen, dass eine einzige Buche während eines Sonnentages so viel Sauerstoff produziert, wie zehn Menschen pro Jahr benötigen.
Der Bund für Umwelt- und Naturschutz beschränkt sich auf eine Handvoll grundsätzlicher Auskünfte zum Alleenschutz, der ADAC beschreibt die Alleenstraße immerhin kurz und knapp, und die Deutsche Zentrale für Tourismus serviert nur fade Appetithappen mit einem Häubchen Werbeprospektlyrik. Es ist wie ein Rausch, durch die grünen Tunnel zu fahren, schwärmt sie, um dann zu fragen: Gibt es ein beschaulicheres Fahrerlebnis, als durch eine stattliche Allee zu chauffieren? Es gibt nur eines: den beschaulichen Rausch ausprobieren!
Text: F.A.Z., 06.09.2007, Nr. 207 / Seite R4
Bildmaterial: ZB
