Von Andreas Obst
29. Juli 2005 Als Christoph Kolumbus im Jahre 1494 vor Jamaika ankerte, schwärmte er von der schönsten Insel, die er je gesehen habe. Vierhundertfünfzig Jahre später wähnte sich der amerikanische Filmschauspieler Errol Flynn dort im Paradies, das er reizvoller fand als jede Frau. Dazwischen lag eine düstere Wirklichkeit der Sonneninsel im Bogen der Großen Antillen.
Mitte des siebzehnten Jahrhunderts kulminierten mit der englischen Eroberung Gier und Gewalt. Den englischen Kolonialisten stellten sich die Maroons entgegen, ehemalige Sklaven, die von den Spaniern aus Westafrika in die Karibik gebracht worden waren. Viele von ihnen stammten aus Stämmen, die dafür berüchtigt waren, besonders grausames Kriegshandwerk als Tradition zu pflegen. Die Spanier ließen sie auf Jamaika unter der Bedingung frei, daß sie gegen die Engländer kämpften. Es war ein für beide Seiten verlustreiches Ringen über viele Jahre, ein Kleinkrieg der Überfälle und Gegenüberfälle aus dem Hinterhalt.
Hohe Berge und unzugängliche Urwälder
Die Topographie der Insel bietet dafür beste Voraussetzungen: hohe Berge, unzugängliche Urwälder und weite Hochflächen mit versteckten Tälern, mäandernden Flüssen und verzweigten Höhlenlabyrinthen. Noch heute erinnern die Namen jamaikanischer Verwaltungsbezirke an das Schlachten von damals: "Look Behind" oder, noch sprechender: "Me No Send Yuh No Come" - Ich habe dich nicht gerufen, also komme auch nicht.
Bastionen in diesen wüsten Zeiten waren die Herrenhäuser der Zuckerrohrpflanzer. Das schönste von ihnen ist Rose Hall Great House, auf einem Hügel nahe der Küste von Montego Bay. Vor vierzig Jahren kaufte der amerikanische Ostküsten-Großindustrielle John W. Rollins die Ruine und alles umliegende Land. Am Strand errichtete er drei Hotels, auf den Hügeln einen spektakulären Golfplatz. In Erinnerung an die ehemalige Herrin von Rose Hall trägt die Anlage den Namen "White Witch Golf Course".
Der Tod im Schlafzimmer
Annee Palmer, die weiße Hexe, stammte ursprünglich aus Haiti. Elf Jahre lang herrschte sie über Rose Hall, 1831 wurde sie tot in ihrem Schlafzimmer aufgefunden. In dieser Zeit kamen in dem trutzigen Herrenhaus ihre drei Ehemänner ums Leben. Der erste, so gab Annee an, trank sich um den Verstand, der zweite verlor ihn auch ohne Alkohol, und der dritte habe sie nur ihres Geldes wegen geheiratet. Jeder starb in einem anderen Raum. Stets wurde das entsprechende Zimmer verschlossen und danach nie wieder geöffnet. Unter den Zeitgenossen kursierten die phantastischsten Geschichten über Annees Lebenswandel. Daß sie mit den Mächten der Finsternis im Bunde sei, jeden ihrer Ehemänner eigenhändig umgebracht habe, den ersten vergiftet, den zweiten erstochen und den dritten erwürgt, und wie sie nachts im wilden Galopp über die Plantage gejagt sei und die Peitsche knallen ließ über dem Rücken jedes Sklaven, den sie draußen antraf - ein Leben wie aus einem Schauerroman. Tatsächlich verdankt die Nachwelt dem Reißer "The White Witch of Rose Hall", den Herbert G. deLisser 1929 veröffentlichte, die genüßlichsten Beschreibungen ihrer angeblich notorischen Grausamkeit. Diese Geschichten sind heute die Hauptattraktion der Besichtigungstour durch Rose Hall.
Ein Kerker unter der Treppe
Nach Annees gewaltsamem Tod, dessen Umstände im dunkeln blieben, verfiel das Herrenhaus. John W. Rollins ließ es für zweieinhalb Millionen Dollar restaurieren. Seit 1971 erhebt sich Rose Hall Great House über akkurat kupiertem Rasen als Vorstellungskulisse seiner Besucher über den Grusel ferner Zeiten. Die Zimmer sind eingerichtet, wie deLisser sie in seinem Roman beschrieb, kein Lufthauch bewegt die schweren Vorhänge. Auf dem Tisch im Speisesaal ist in der sengenden Hitze ein Festmahl bereitet: Fisch und Fleisch in riesigen Portionen, Gemüse und Brot. Man möchte sich gleich den Teller beladen. Doch alles ist aus Plastik. Im ehemaligen Kerker unter der Treppe, die durch das Haus zu schweben scheint, ist der Andenkenladen eingerichtet. Dort werden Voodoo-Puppen angeboten, Annees Lieblingsspielzeuge, wie es heißt, Schnitzereien, Postkarten, Kaffee und Rum von der Insel. Unvermittelt hebt die junge Führerin mit einem Lied über Rose Hall an. Johnny Cash, der in der Nachbarschaft viele Jahre lang ein Ferienhaus besaß, habe es komponiert, doch selbst nie öffentlich gesungen. Schaurig hallt die Melodie durch den modrigheißen Kellerraum.
Informationen: Geführte Touren durch Rose Hall werden täglich zwischen 9 und 18 Uhr angeboten. Der Eintritt kostet 15 Dollar, für Gäste des nahen Hotels Ritz-Carlton Rose Hall 10 Dollar. Informationen unter der Telefonnummer: 001/876/953/2456.
Text: F.A.Z., 28.07.2005, Nr. 173 / Seite R4
Bildmaterial: F.A.Z. - Andreas Obst