Bahn, Bus oder Flugzeug

Billiger reisen in Deutschland

Von Christian Siedenbiedel

Reisen kann so schön sein: am Bahnhof in Karlsruhe

Reisen kann so schön sein: am Bahnhof in Karlsruhe

20. November 2009 Es ist eine kleine Revolution. Über Jahrzehnte hatte die Lufthansa Flugverbindungen innerhalb Deutschlands zugunsten der Bahn gestrichen. Schließlich lohnten sich Flüge immer weniger, je schneller man auch mit dem ICE von Großstadt zu Großstadt kam. Zugleich argumentierte die Lufthansa mit der Umwelt: Wenn man innerhalb Deutschlands auch mit dem Zug schnell vorankommt, warum muss man dann fliegen? Am Frankfurter Flughafen wurde eigens ein Terminal gebaut, mit dem man das Gepäck vom Flugzeug auf den Zug umladen kann. Auf Strecken wie Frankfurt-Köln wurde der ICE sogar Teil des Lufthansa-Buchungssystems: Wer einen Flug von Amerika nach Köln über Frankfurt buchte, der konnte auf einmal für das letzte Stück den Hochgeschwindigkeitszug benutzen - ohne eigens eine Fahrkarte kaufen zu müssen.

Diese Entwicklung scheint sich jetzt umzukehren. Den Fluggesellschaften bleiben die Passagiere aus. Sie müssen ihre Flugzeuge aber auslasten. Und so entdecken sie die innerdeutschen Strecken wieder als interessante Geschäftsgebiete. Besonders gut zu beobachten an der Strecke Frankfurt-Hamburg: Dort hat vor drei Wochen Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin den Flugbetrieb aufgenommen. An Werktagen fliegt die Berliner Firma jetzt bis zu sechsmal in beide Richtungen - auch zu den sogenannten Tagesrandverbindungen morgens und abends, die für Geschäftsreisende besonders attraktiv sind. Die Lufthansa sprach von einem "Frontalangriff". Sie hat ihrerseits die Zahl der Flugverbindungen zwischen beiden Städten aufgestockt - um immerhin elf auf 100 pro Woche.

Das zeigt: Die Angebote für Reisen in Deutschland verändern sich gerade erheblich. In einen verschnarchten Markt kommt Bewegung. Vor allem die Deutsche Bahn bekommt zunehmend Konkurrenz. So will das Berliner Bahnunternehmen Locomore im nächsten Jahr ein ähnliches Billigangebot für die Schiene aufbauen, wie es Ryanair in der Luft macht. Losgehen soll es mit einer Verbindung Hamburg-Köln am 15. August. Und die französische Bahn SNCF will von 2011 an von Frankreich bis nach Berlin und Hamburg fahren - und auch zwischen beiden Städten pendeln.

Neue Angebote planen auch die Busgesellschaften. Bislang galten für Fernbuslinien innerhalb Deutschlands sehr strenge Auflagen. Mit dem Ergebnis, dass es solche Verbindungen vorwiegend nach Berlin gibt - eine Ausnahmeregelung noch aus den Zeiten der deutschen Teilung. Jetzt aber will die neue Bundesregierung neue Fernbuslinien zulassen. Die Busgesellschaft Deutsche Touring kündigte schon an, Pläne für Verbindungen von Frankfurt nach München und von Frankfurt nach Stuttgart in der Schublade zu haben und nur darauf zu warten, dass es endlich losgeht.

Schon jetzt aber ist Reisen innerhalb Deutschlands nicht mehr wie früher, das zeigt schon das Beispiel der Strecke Frankfurt-Hamburg: Da wirbt Air Berlin mit Tickets für die einfache Strecke ab 29 Euro, die Lufthansa ab 59 Euro. Das sind zwar sogenannte Frühbucher-Schnäppchen, Lockangebote, die man nur bekommt, wenn man sehr früh bucht und sehr flexibel ist. Tests in den Buchungssystemen zeigen aber, dass Flugpreise zwischen 100 und 200 Euro auf der Verbindung mittlerweile realistisch sind. Nur wer vollkommen frei die Abflugszeiten wählen will oder erst kurz vor Abflug bucht, muss weiter mehrere hundert Euro zahlen.

Wer mit dem eigenen Auto fährt, der nimmt auf dieser nicht eben kurzen Strecke (Fahrtzeit: rund viereinhalb Stunden) nicht nur eine gewisse Mühe in Kauf. Er fährt meist auch nicht gerade billig. Rechnet man mit einem Benzinverbrauch von neun Litern auf 100 Kilometer sowie 10 Cent je Kilometer für Verschleiß, Öl und Wartung, so kommt man für Frankfurt-Hamburg auf etwa 103 Euro - ohne Kaffee an der Raststätte.

Die Preise hängen auch vom Wochentag ab

Die Bahn verlangt zwischen Frankfurt und Hamburg für die einfache Fahrt im ICE 106 Euro (Normalpreis ohne Bahncard). Um mit den Flugverbindungen mitzuhalten, bietet sie allerdings mehr Billig-Tickets an als früher (siehe Kasten unten). Mit dem "Dauer-Spezial" kommt man auch für 29 oder 39 Euro von Frankfurt nach Hamburg - vorausgesetzt allerdings, man bekommt überhaupt eine dieser begehrten Fahrkarten.

"Welches Verkehrsmittel das günstigste ist, hängt nicht nur von der Strecke ab und davon, wie lange man vorher bucht, sondern auch vom Wochentag", sagt Johannes Grassmann, einer der Geschäftsführer des Internetportals Verkehrsmittelvergleich. Unter der Adresse "www.verkehrsmittelvergleich.de" bietet das Unternehmen im Netz einen kostenlosen Vergleich von Reisezeiten und Reisekosten an.

Vergleiche dort zeigen: Irgendwo zwischen 350 und 400 Kilometern liegt die Grenze, ab der man mit dem Flugzeug schneller ist als mit der Bahn. Zwischen Frankfurt und München etwa ist man mit dem Flugzeug noch schneller. Schon zwischen Stuttgart und Düsseldorf aber gewinnt die Bahn.

Für den Preis ist bei beiden Verkehrsmitteln die Frage entscheidend, wie flexibel man hinsichtlich des Reisetages und der Reisezeit ist. "Es ist zum Beispiel bei der Bahn besonders schwer, für die Hauptreisetage Freitag und Sonntag an vergünstigte Fahrkarten zu kommen", sagt Verkehrsmittel-Vergleicher Grassmann. Oft ist die Entscheidung für das richtige Verkehrsmittel aber auch eine Abwägung aus Reisezeit und Reisekosten:

Von Hamburg nach München etwa schlägt bei der Reisezeit das Flugzeug (3:27 h) die Bahn (5:35 h) zwar locker - ist in der Regel mit 130 bis 380 Euro aber auch teurer als die Bahn mit 127 Euro.

Mitfahrzentralen sind meist die günstigste Möglichkeit

Zwischen Berlin und Frankfurt hängt es sehr davon ab, wann man fährt. Mit dem schnellen ICE "Sprinter" morgens um Viertel nach sechs ist man für 122 Euro in dreieinhalb Stunden in Berlin. Einschließlich Anreise zum Flughafen, Einchecken und der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt kann man mit dem Flugzeug ähnlich lange brauchen - je nachdem, wohin man in Berlin will. Fährt man jedoch zwei Stunden später mit einem weniger schnellen Zug, kommt man auf mehr als vier Stunden Reisezeit - da gewinnt der Flieger. Ganz anders ist es bei der Strecke Frankfurt-Köln: Hier ist die Bahn seit dem Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke beim Preis (63 Euro statt 150 bis 300 Euro) und bei der Reisezeit von einer guten Stunde schwer zu schlagen - zumindest wenn man beim Flugzeug Anreise und Wartezeit mit einberechnet. Ganz abgesehen davon, dass die Bahnfahrt ohne Einchecken und Warten auf dieser Strecke bequemer ist.

Vor allem für junge Leute bietet sich noch ein ganz anderes Verkehrsmittel an: "Wer kurzfristig reisen möchte und sehr flexibel ist, für den kann auch ein Anruf bei der Mitfahrzentrale interessant sein", sagt Grassmann. Die Mitfahrzentralen können zwar oft erst wenige Tage vor dem Reisetermin eine Mitfahrgelegenheit organisieren. Dafür sind sie in der Regel die günstigste Möglichkeit. Für 19 Euro beispielsweise kann man von Hamburg nach Berlin kommen, für 35 Euro von Frankfurt nach Hamburg.

Will man in erster Linie billig verreisen und achtet daher nicht so genau auf die Reisedauer, ist auch die Fahrt mit dem Fernbus eine Alternative. "Zurzeit haben Fernbusse allerdings noch den Nachteil, dass sie nur zu speziellen Zeiten auf speziellen Strecken unterwegs sind", sagt Grassmann. "Das Netz ist noch klein." Und umfasst vor allem Strecken von und nach Berlin. Reisende, die aber bereit sind, auch nachts zu fahren, kommen auch in andere Städte: von Frankfurt nach Hamburg zum Beispiel laut Deutsche Touring schon "ab 9 Euro".

Das dauert dann allerdings viel länger, genauer gesagt stolze sieben Stunden: Los geht es nachts um zwanzig nach zwölf in Frankfurt in der Nähe des Bahnhofs - und morgens um Viertel nach sieben ist man in Hamburg.

Die verrücktesten Angebote der Bahn

Milchschnitte-Tickets: Es mag zwar nicht jedem einleuchten, warum regelmäßige Verzehrer des Nahrungsmittels „Milchschnitte“ beim Bahnfahren eine Vergünstigung bekommen - aber so ist es. Wer die Süßigkeit kauft, findet darauf Punkte zum Sammeln; je zwei Punkte auf einer Fünfer-Packung für rund 1,10 Euro. Mit fünf Punkten lässt sich ein sogenannter Mitfahrergutschein bestellen. Damit können ein Erwachsener sowie bis zu drei Kinder bei einem Bahnfahrer kostenlos mitfahren. Das Angebot gilt noch bis zum 15. Januar.

Dauer-Spezial: Quer durch Deutschland für 29 Euro - so wirbt die Deutsche Bahn für dieses Ticket. Gebucht werden kann es derzeit bis zum 28. Dezember, die Fahrt muss dann bis Jahresende angetreten sein. Es ist allerdings gar nicht so einfach, an diese Vergünstigungen auch tatsächlich zu kommen, wie die Stiftung Warentest in einem Testbericht feststellt: Es gibt diese Tickets - aber man muss früh buchen und ausgesprochen flexibel bei den Abfahrtszeiten sein.

Lidl, Tchibo und Ebay: Immer mal wieder wirft die Bahn vergünstigte Tickets über Discounter oder das Internet auf den Markt - meist allerdings zeitlich befristet. „Wir werden das auch im nächsten Jahr wieder machen“, kündigt sie an.

Chiquita- und Keks-Rabatt: Mit der Bananen-Firma Chiquita und der Keksfirma Leibniz hatte die Bahn in diesem Jahr einen Rabattvertrag geschlossen: Wer Produkte der Firmen kaufte, konnte Rabatt (zehn Euro beziehungsweise 25 Prozent) bekommen. Beide Programme laufen jedoch aus.

Mauerfall-Spezial-Ticket: Quer durch Deutschland wollte die Bahn ihre Kunden pünktlich zum Jahrestag des Mauerfalls schicken, für nur 20 Euro. Wer eine der begehrten Mauerfall-Karten bekommen hat, kann sie noch bis zum 1. Dezember für eine Fahrt einsetzen. Es gibt aber keine neuen Tickets mehr zu kaufen. sibi.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.

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