Von Andreas Obst
11. Februar 2007 Wer beim abschließenden Agententest wenigstens eine der Fragen zu Verkleidung, der Verwendung unsichtbarer Tinte oder den Möglichkeiten der Sprachmanipulation richtig beantwortet, erhält einen Punkt. Damit sei der Kandidat qualifiziert für den amerikanischen Geheimdienst CIA. So heißt es in der Auswertung des Bogens. Mindestens vierzig Punkte hingegen benötige, wer eine Laufbahn in der legendären finnischen Spionageabwehr Supo anstrebt, die angeblich 203 Mitarbeiter weltweit beschäftigt. Mehr ist über die Organisation nicht zu erfahren.
Der Agententest ist ein Scherz, gewiss. Man zahlt gern die vier Euro extra zum Eintrittspreis. Doch der Hintergrund der Übung ist ernst wie das richtige Leben. Das Spionagemuseum in Tampere, der ländlichen Großstadt im Südwesten Finnlands, ist das erste seiner Art weltweit. Auf diese Feststellung legt der Museumsführer wert. Jaarli Hoikka trägt ein schwarzes Hemd zum schwarzen Anzug, das blonde Haar ist millimeterkurz geschoren, und man würde sich nicht wundern, trüge er in den kalt neonbeleuchteten Museumsräumen eine Sonnenbrille. Tarnung, so begreift man unmittelbar, ist alles im Leben. Kaum ein Wort ist Hoikka über die privaten Betreiber des Museums zu entlocken, das einen winzigen Teil der elegant restaurierten Fabrikanlage des ehemaligen Baumwollimperiums Finlayson in der Stadtmitte von Tampere einnimmt. Vage spricht der Kustos über Männer im Hintergrund, die dort bleiben wollen. Aus dem Dunkel des Agentenalltags stammen sämtliche Exponate, die meisten habe der Direktor selbst beigetragen, sagt Hoikka mit unbewegter Miene.
Reizvolles Gerümpel
Die Schau ist ein Sammelsurium aus technischen Geräten, deren Bedeutung nur zu erahnen ist, Gerümpel, das aussieht, als habe es lange im Keller oder auf dem Dachboden gelegen, und Utensilien wie für einen Themenabend im Karnevalsverein. Ein Schreibtisch ist übersät mit Fälscherwerkzeug: Reisepässen, Stempeln, Federn, Tinte und Farbtuben. Daneben liegt eine Auswahl von Perücken für das Passfoto bereit. Einige Schritte weiter droht eine Schaufensterpuppe im schwarzen Habit japanischer Partisanenkämpfer. Doch weil man über die Tradition der Ninja wenig weiß, außer dass die Ursprünge der japanischen Spionage mehr als tausend Jahre zurückreichen, bleiben die Erklärungen karg.
Knapp gehalten sind auch die Biographien großer Spione. Ihre Gedenktafeln beanspruchen eine Ecke des Museums. Das Interessanteste daran ist, wem das Spionagemuseum diese Ehre erweist: Robert Baden-Powell, Gründer der Pfadfinderbewegung und Autor eines grundlegenden Schrift über "Nachrichtendienst und Kundschafterwesen" steht am Anfang, gefolgt von Feldmarschall Carl Gustav Emil Mannerheim, der die finnischen Truppen im Winterkrieg 1939/40 gegen die Sowjetunion führte. Und da sind auch die niederländische Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle, die als Mata Hari berüchtigt wurde, J. Edgar Hoover, der Begründer des modernen FBI, und Markus Wolf. Der Leiter des Auslandsnachrichtendienstes der DDR steht stellvertretend für Spionage im Kalten Krieg.
Hand- und Kopfwerk eines Spions
Die trotz aller Lakonie schillernden Biographien bilden den Kern des Museums, einigermaßen beliebig sind rundherum die Exponate verstreut, die das Hand- und Kopfwerk des Spions anschaulich machen sollen. Virtuos schlägt die Schau Bögen vom schmutzigen Geschäft der Agenten auf der Straße zu den Drahtziehern in den Planungsstäben. Während die einen etwa mit einer Schlagringpistole für Attentäter wie dem "Chicago Protector" von 1883 hantieren, dessen Lauf zwischen den Fingern einer Faust kaum zu erkennen ist, dem Zigarettenanzünder mit eingebautem Messer, wie ihn vielleicht die Attentäter des 11. September ins Flugzeug schmuggelten, oder einem Spazierstock mit Giftampulle, sitzen die anderen in ihren Büros hinter polierten Holzkästen wie jenem unauffälligen Gerät aus England, mit dem welcher Geheimdienst auch immer in den sechziger Jahren den Funkverkehr der U-Boote in der Ostsee belauschte. Das Gerät sei die jüngste Neuerwerbung des Museums, sagt Hoikka stolz. Dann weist er auf zwei handelsübliche Computer und nötigt die Besucher vor die Bildschirme. Nicht mehr als einige Tastenkombinationen benötige es, zeigt er, und man könne jede fremde E-Mail im Netz lesen.
Spy Museum, Satakunnankatu 18, 33101 Tampere, Finland, Telefon: 00358/3/2123007, im Internet: www.vakoilumuseo.fi, geöffnet werktags von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende von 11 bis 17 Uhr. Eintritt sieben Euro, der Agententest kostet vier Euro
Text: F.A.Z., 08.02.2007, Nr. 33 / Seite R4
Bildmaterial: AP