Von Ole Helmhausen
01. April 2007 Vielleicht ist es der schönste Moment des Reisens, ein Erlebnis mit nach Hause nehmen zu können, das man nie mehr vergißt. Wir hatten unseres gleich am zweiten Tag auf Devon Island in der Maxwell Bay. Was für eine Stille! Schon das Reiben von Gummi auf Stein war unvorstellbar laut gewesen, weil es in diesem Moment das einzige Geräusch auf der Welt war. Dann saß unser Schlauchboot mit der Nase sicher auf der Kiesbank, und beim Hinausklettern drängten sich weitere, zum ersten Mal bewusst gehörte Laute auf: beim Rutschen über die rauhen Außenwände das helle, schleifpapierähnliche Scheuern der Polyesterüberhosen; beim Sprung ins eiskalte Wasser das tiefe Gurgeln.
Niemand sprach während der Landung an diesem unwirklichen Gestade. Die Leere, überwältigend und zugleich bestürzend schön, hatte uns die Sprache verschlagen. Der Trupp Walrosse, derentwegen wir diesen Ausflug eigentlich unternommen hatten, genoss deshalb unsere Aufmerksamkeit nur am Anfang. Kaum waren die Speicherkarten der Fotoapparate mit dem kolossalen Bullen und seinem Harem am Ende der Kiesbank gefüllt, waren wir wieder uns selbst überlassen - und prompt nahm uns diese Verwirrung der Sinne wieder gefangen, die nicht sahen, wie sie gewohnt waren zu sehen, und die auch nicht hörten wie sonst.
Größer als Lettland, und keine Menschenseele
Erst nachdem der Blick hinab auf die eigenen Stiefel den orientierungslos irrlichternden Augen Halt gegeben hatte, gelang es, die Welt jenseits der Kiesbank zu ermessen. So floss hinter den Walrossen ein Fluss, der nach Osten zwischen zwei dunklen Gebirgsfalten verschwand. Und nach Norden versperrte eine mehrere hundert Meter hohe, schwarzgraue Felsenwand den Blick, die in der Wolkendecke verschwand und von Schmelzwasserrinnen gezeichnet war. Finster, bedrohlich, ja hypnotisch wirkte dieses Land aus Stein. Erst Brad Rhees' Schritte im losen Kies zerrten uns ins Hier und Jetzt zurück.
Willkommen auf der größten unbewohnten Insel der Welt, sagte der Expeditionsleiter, sechsundsechzigtausend Quadratkilometer, größer als Lettland, und keine Menschenseele. Im Innern, sagte er noch, kämen die Verhältnisse den Bedingungen auf dem Mars weltweit am nächsten, deshalb simuliere dort eine Handvoll Wissenschaftler das Überleben auf dem Roten Planeten. Ein paar Minuten standen wir schweigend da und dachten: Wir brauchen also nicht mehr auf den Mars. Wir waren schon dort.
Nichts gemein mit All-inclusive-Schiffen der Karibik
Und wir sahen noch mehr Außerirdisches in Nunavut, dem autonomen Inuit-Territorium in der kanadischen Arktis. Grünes Nordlicht etwa, das unser Schiff umschmeichelte wie Samt und Seide eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht; Eisbären nah genug, um uns an unseren untergeordneten Platz in der Nahrungskette zu erinnern; Lummenschwärme so groß, dass sie den Himmel verdunkelten; und grandiose Fjorde, in denen Eisberge ankerten wie strahlend weiße Kreuzfahrtschiffe vor exotischen Inseln.
Doch mit jenen All-inclusive-Schiffen, die Tausende Menschen durch die Karibik schaukeln, hatte unsere MS Ljubov Orlova nichts gemein. Hundert Meter lang, mehr als dreißig Jahre alt und nach einer zu Sowjetzeiten beliebten Aktrice benannt, wirkte die Einrichtung ihrer auf drei Decks verteilten Kabinen und Lounges wie von einem sibirischen Möbelhaus gestellt. Die russische Crew glich diesen Mangel an Weltläufigkeit mit aufmerksamem Service aus. Und die Küche, einfach, aber gut, präsentierte meist Produkte der Region wie Karibu oder Seesaibling.
Abenteuerliche Schlauchbootfahrt durch die Wellen
So ungewöhnlich wie das Schiff ist der Veranstalter: Cruise North Expeditions wurde im Januar 2005 von der Inuit-Verwaltung in der Region Nunavik in Nordquébec gegründet. Im Kampf gegen Armut und Perspektivlosigkeit in den Inuit-Gebieten Kanadas setzt man jetzt die Hoffnung verstärkt auf den Tourismus. Mit an Bord der pro Jahr für ein Dutzend Kreuzfahrten durch die Arktis gecharterten Ljubov Orlova war auch hoffnungsvoller Inuit-Nachwuchs. Tagsüber wurden die jungen Leute zu Führern und Übersetzern ausgebildet. Abends dozierten sie über ihre Kultur und erzählten freimütig von Problemen wie Drogenmissbrauch und Arbeitslosigkeit und davon, wie fünfzig Jahre kanadischer Eingeborenenpolitik aus den meisten Bewohnern des hohen Nordens Wohlfahrtsempfänger gemacht haben.
Wir Passagiere wussten, worauf wir uns eingelassen hatten. In Resolute auf Cornwallis Island, wo die Reise begann, stiegen wir ohne Murren in einen zweiundvierzig Jahre alten, dreckverkrusteten Schulbus, der uns an der Spitze einer riesigen Staubwolke von der Landebahn zur Bucht brachte. Die beißende Sommerkälte - zwei Grad plus, gefühlte minus zwölf - ertrugen wir ebenso stoisch wie die abenteuerliche Schlauchbootfahrt durch meterhohe Wellen zur Ljubov Orlova, die in der Bucht auf uns wartete. Vom Deck unserer neuen Heimat sah Resolute fast niedlich aus: hundert bunte Häuschen auf gelbem Geröll, ein hübsches Stillleben, das über die Abwesenheit jeglicher Vegetation in dieser Kältewüste nahe des magnetischen Nordpols fast hinwegtröstete.
Team aus Biologen, Ornithologen und Historikern
Nach dem Dinner lichtete das Schiff den Anker. Während Brad Rhees in der Lounge sein Team aus Biologen, Ornithologen und Historikern vorstellte, drehte das Schiff den Bug in den Parry Channel. Dort, wo Generationen mutiger Seefahrer auf der Suche nach der Nordwestpassage einst westwärts gesegelt waren, sollten nun wir eine Woche lang in südlicher Richtung nach Kuujjuaq reisen, dem Zielhafen in Nunavik in der Provinz Québec.
Für den nach der Landung auf dem Mars fälligen reality check sorgte noch am selben Tag Nanisivik. Dort bunkerten wir Diesel und Wasser. Von der vor fünf Jahren geschlossenen Blei- und Zinkmine, in der einmal dreihundert Menschen gearbeitet hatten, sind nur noch ein paar vor sich hin rottende Lagerhallen und Häuser übrig. Eine von mehreren Dutzend verlassener Industrieanlagen in der Arktis, sagte Joseph Jonas zwischen skelettierten Hangars. Der erfahrene Inuit-Jäger sicherte auf unseren Landgängen das Terrain gegen Eisbären. Bevor Gesetze dagegen erlassen wurden, ließen die Hallunaq, die Weißen, ihren Müll einfach zurück.
Ich war überrascht, dass es außer uns noch wen gab
Eine Straße, die einzige zwischen zwei Orten im gesamten, zwei Millionen Quadratkilometer großen Nunavut, führt von hier aus ins einundzwanzig Kilometer entfernte Arctic Bay, das wir am nächsten Tag besuchten. Die Siedlung mit sechshundertfünfzig Einwohnern, nicht gerade oft besucht von Kreuzfahrtschiffen, liegt zu Füßen eines Amphitheaters aus rostroten Klippen. Ohne Hoffnung auf Geld und Arbeit durch die Mine sucht man auch hier sein Heil nun im Tourismus. Dabei mutierten die für uns arrangierten, kulturellen Aufführungen - am Strand demonstrierten junge Kerle mit Baseballmützen traditionelle Wettkämpfe, in der Schule zeigten Mädchen katajjaq, den uralten Kehlgesang - zu fröhlichen Veranstaltungen, an denen bald das ganze Dorf teilnahm.
Ich war überrascht, als ich hörte, dass es außer uns noch andere Menschen auf der Welt gab, erinnerte sich die greise Leona Aglukark, als sie von damals erzählte, als es noch keine festen Siedlungen gab in Nunavut und sie zwischen dem Sommer- und Winterlager ihrer Familie hin und her zog. Ihr Vater und seine Brüder jagten Robben und Narwale, die Frauen gerbten Häute. Heute gucken unsere Jugendlichen Satellitenfernsehen.
Und die ganze Bucht war voller Eisberge
Am nächsten Tag, dem vierten, hing die Wolkendecke so tief, dass wir von der Brücke aus mit Paddeln in ihr hätten rühren können. Vormittags setzten uns die Schlauchboote unterhalb des Sirmilik-Gletschers auf Bylot Island ab. Durch die Bet-Fortsetzung auf der folgenden Seite ten breiter Schmelzwasserkanäle und vorbei an fünfstöckigen Geröllhalden marschierten wir durch ein gewalttätiges Stillleben aus Weiß, Grau und Schwarz zur Zunge des Gletschers, der dem jüngsten Nationalpark Kanadas seinen Namen gab. Vielleicht zwanzig Meter hoch und den Rest im Nebel verbergend, erzählte Sirmilik seine Geschichte mit schwarzweiß marmoriertem Eis, die schwarzen Linien organische Debris, die rechtwinkligen und runden Muster Hinweise auf die Geschwindigkeit, mit der auch dieser Gletscher unwiderruflich schmilzt. Als ich vor drei Jahren hier war, reichte er noch bis dort, sagte Joseph und zeigte auf eine Stelle zehn Meter hinter uns. Und die Bucht war voller Eisberge.
Die Auswirkungen der Erderwärmung sahen wir nachmittags auch in Pond Inlet auf Baffin Island. Mit 1300 Seelen die größte Siedlung oberhalb des zweiundsiebzigsten Breitengrades und dank ihres Blicks auf schneebedeckte Gipfel und Gletscher auch die schönste, muss hier mancher sein zu nah an der Uferböschung gebautes Haus mit Pfeilern gegen das Abrutschen auf den Strand sichern - der Untergrund, bislang ganzjährig gefroren, ist zu weich geworden. Wir besuchten die für ihre Specksteinschnitzereien berühmten Kooperativen von Pond Inlet und eine Ausgrabungsstätte der Thule-Kultur, doch das Thema Wärme ließ uns nicht mehr los. Drüben in Alaska haben sie neulich einen komischen Bären geschossen, sagte Joseph abends. Er war weiß wie ein Eisbär, hatte aber den Buckel eines Grizzlys und braune Augenringe. Eisbären paaren sich mit Grizzlybären: was in den Zoos im Süden schon vorgekommen ist, macht die Verschiebung der Lebensräume nun auch in freier Wildbahn möglich.
Von dichtem Nebel gedämpftes Sonnenlicht
Der fünfte Tag an Bord war ein reiner Reisetag. Minimale Sicht, Waschküchenwetter. Ein eisiger Ostwind erforderte vor jedem Gang an Deck eine gewissenhafte Anziehprozedur. Hin und wieder riss die Wolkendecke auf und legte die wilde Steilküste von Baffin Island frei. Auf diesem Iceberg Alley genannten Abschnitt zwischen Baffin Bay und Davis Strait passierten wir die ebenfalls gen Süden ziehenden Boten der Gletscher Grönlands. Manche der Eisberge dienten Schwärmen von Trottellummen als Mitfahrgelegenheit. Küstenseeschwalben, Silber- und Eismöwen und hin und wieder die eleganten Eissturmvögel legten publikumswirksame Vorbeiflüge hin. Irgendwo gegenüber lag die Diskobucht, lag Grönland, und die Vorstellung, dass die Wikinger vor tausend Jahren diese Gewässer in offenen Nussschalen besegelt hatten, ließ uns erschaudern.
Dankbar, wie es wohl auch die Nordmänner nach langer, gefährlicher Überfahrt waren, betraten wir tags darauf im Auyuittuq National Park im Süden von Baffin Island festen Boden. Wieder fühlten wir uns wie in einer fremden Welt gelandete Astronauten. Doch diesmal waren wir nicht allein. Von dichtem Nebel gedämpftes Sonnenlicht badete die mit arktischen Wildblumen übersäte Tundra in einer Orgie aus Gelb- und Grüntönen. Joseph machte frische Eisbärspuren aus und begleitete uns, Fernglas und Gewehr griffbereit, auf einer parallel verlaufenden Anhöhe. Dann zogen Windböen den Nebelvorhang auf, und wir fanden uns vor einer Kulisse wild gezackter Bergriesen wieder, zwischen denen Gletscherzungen leckten. Nach fünf baumlosen Tagen begegneten wir hier unserem ersten Baum: einem kniehohen Gewächs, das hundert Jahre gebraucht hatte, um so groß zu werden.
Hallo Leute, wie war's am Ende der Welt?
Die lang ersehnte Begegnung mit den Königen der Arktis erlebten wir am Ende unserer Reise im tiefen Süden Nunavuts, auf Akpatok Island in der Ungava Bay. Die unbewohnte Insel, ein neunhundert Quadratkilometer großer Kreideklotz mit zweihundertfünfzig Meter hohen Klippen und schmalem Kieselstrand, ist die Heimat der größten Lummenkolonien der Welt. Mindestens eine Million dieser schwarzweißen Alkenvögel, schätzte Brad Rhees, nistete in den Wänden vor uns oder schoss hoch über unseren Köpfen hin und her. Viele Eier und Küken stürzten von den schmalen Felsvorsprüngen in die Tiefe - direkt in die Rachen der am Strand patrouillierenden Eisbären. Brad Rhees brauchte nicht lange, um eine Bärin und ihre zwei Sprösslinge auszumachen. Bis auf fünfzig Meter glitt unser Schlauchboot mit abgestelltem Motor an das im Geröll herumsuchende Trio heran. Dann hob die Bärin ihren mächtigen Kopf, steckte die feuchte Nase in den Wind, starrte uns aus schwarzen Augen eine Weile an und wandte sich desinteressiert wieder ab. Wir waren keine Gefahr und auch keine Mahlzeit.
Am nächsten Tag, dem letzten, saßen wir wieder in einem Schulbus. Dieser war ein Bote der Welt, aus der wir kamen: Nagelneu und blitzsauber war er, und sein Fahrer ein junger dynamischer Inuit mit Oakley-Sonnenbrille und Parasuco-Jeans. Hallo Leute, strahlte er und zeigte zwei Reihen strahlend weißer Zähne, wie war's am Ende der Welt? Wir waren wieder zu Hause, auch wenn es noch zweitausend Kilometer bis zum Land der Hallunaq waren. Es war eine überraschend beklemmende Erkenntnis.
Kreuzfahrten: Das Unternehmen Cruise North Expeditions (www.cruisenorthexpeditions.com) bietet von Anfang Juni bis Anfang September sieben- bis neuntägige Kreuzfahrten in der Arktis an. Sie sind bei verschiedenen deutschen Spezialveranstaltern zu buchen, darunter Karawane Reisen (www.karawane.de) und Windrose Fernreisen (www.windrose.de).
Ausrüstung: Schneestürme im arktischen Sommer sind keine Seltenheit. Warme Kopfbedeckung, Handschuhe und bequeme, wasserdichte Wanderschuhe sind unverzichtbar. Gefütterte Gummistiefel für die Landgänge werden gestellt. An Bord des Schiffs herrscht Expeditionsatmosphäre. Bequeme Freizeitkleidung ist daher ausreichend.
Text: F.A.Z., 29.03.2007, Nr. 75 / Seite R10
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