Trekking in Äthiopien

Soweit die Hufe tragen

Von Stefan Tomik

Die Tour beginnt in Changiti auf 2750 Metern

Die Tour beginnt in Changiti auf 2750 Metern

15. November 2006 Das kleine Büro liegt kurz hinter dem Ortseingang von Dodola, einem 20.000-Seelen-Ort in Südäthiopien, und als der Geländewagen nach zweistündiger Schotterpistenfahrt endlich zur Ruhe kommt, ist „Integrated Forest Management Project“ an der Türe zu lesen. Was das bedeutet, erklärt uns Hussein, den wir im Trekkingbüro nebenan kennenlernen und der uns in den nächsten drei Tagen durch die Berge führen wird: „Der Wald kann nur überleben“, sagt Hussein, „wenn sich mit ihm mindestens ebensoviel verdienen läßt wie ohne ihn.“ Hier, in Äthiopien, beginnt eine Trekkingtour mit einem ökologischen Grundsatz.

Der Staat vermietet den Wald und die Nutzungsrechte daran an seine Bewohner, die sich wiederum vertraglich dazu verpflichten, den Wald zu erhalten. So könnte man die Grundidee des „Integrated Forest Management Project“ bezeichnen. Die Bewohner betreiben ein wenig Landwirtschaft und Viehzucht und werden schon aus eigenem Interesse vermeiden, den Wald so sehr zu nutzen, daß der Bestand darunter leidet. Und das Geschäft mit den Öko-Touristen wird zu einer zusätzlichen Einnahmequelle. Eine Übernachtung in der Wanderhütte kostet 35 Birr, also knapp über drei Euro. Zwanzig Prozent der Einnahmen gehen an die Gemeindeverwaltung und helfen, soziale Einrichtungen wie die Dorfschulen instand zu halten. Touristen können auch Pferde mieten. Um die Einnahmen daraus auf möglichst viele Gemeinden zu verteilen, wechselt man die Pferde nach jeder Tagesetappe.

Übernachtung im Bambus-Bett

Hussein hat den Job, den viele wollten: Bergführer

Hussein hat den Job, den viele wollten: Bergführer

Nach noch einer halben Stunde im Geländewagen erreichen wir den Ausgangspunkt der Wanderung. Changiti heißt das Hochplateau auf 2750 Metern. Über saftig grüne Wiesen und durch lockeren Bergwald steigen wir in gut zwei Stunden zur Wahoro-Hütte auf 3300 Metern. Sie ist ähnlich wie alle Hütten einfach, aber mit liebevollen Details ausgestattet. Das Dach ist von innen mit Bambus verkleidet, und sogar die Etagenbetten sind vollständig aus natürlichen Materialien gefertigt.

Die Gäste kommen mittlerweile aus der ganzen Welt. Im Hüttenbuch finden sich Einträge von Japanern, Chinesen, Australiern, Amerikanern, viele sind „Expats“, die für internationale Organisationen in Addis Abeba arbeiten. Nur langsam kommt der Tourismus in Äthiopien in Gang, in einem Land, das in Europa noch immer vor allem mit Hunger und Dürrekatastrophen in Verbindung gebracht wird.

Mit Einbruch der Dunkelheit wird es empfindlich kalt. Die Temperatur sinkt von zwanzig Grad bis knapp über den Gefrierpunkt. Ein Eisenofen hat alle Mühe, die Hütte aufzuheizen. Und dennoch: Soviel „Luxus“ können sich viele Bergbauern selbst gar nicht leisten. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt in Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Welt, bei unter einem Dollar am Tag, und auf dem Lande erreicht man nicht einmal das. Vor allem mit der Viehzucht, dem Anbau von Gerste und Weizen sowie mit dem Verkauf von Frühlingszwiebeln, Holz und Honig auf dem Markt in Dodola halten sich die Bergbauern der Bale Mountains über Wasser. Da kommt das Geschäft mit den Touristen gerade recht.

Vom Kampf um die Jobs

„Sehr viele wollten Bergführer werden“, erinnert sich Yussef an die Anfänge. „Es gab einen regelrechten Kampf um die Stellen.“ Yussef hat es geschafft, auch wegen seiner guten Englischkenntnisse. Er träumt davon, die Universität in Addis Abeba zu besuchen und dort Politikwissenschaft zu studieren. Der Job als Fremdenführer soll ihm das finanzieren. 70 Birr, fast sieben Euro, bekommt er am Tag. Das ist kein schlechter Verdienst, wenn man bedenkt, daß eine Haushaltshilfe in der Hauptstadt etwa 200 Birr im Monat bekommt. Mit Yussefs Träumen gehen wir schließlich fröstelnd ins Hüttenbett.

Im Süden Äthiopiens soll sich allmählich so etwas wie Trekkingtourismus etablieren. Und dieser Traum wird langsam zur Realität: Die landesweit einzigen Wanderhütten locken immer mehr Touristen in den Bergwald der Bale Mountains - glücklicherweise. Denn der natürliche äthiopische Bergwald, oder besser, das, was von ihm übrigblieb, kann so geschützt werden. Und mit Unterstützung der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit entstanden in dem Gebiet fünf Lodges mit je acht Betten. Die Einnahmen des Modellprojekts kommen direkt der lokalen Bevölkerung zugute.

Einer wollte das Projekt „hijacken“

Hussein weiß, wie die Bergbauen Pflanzen nutzen und als Medizin einsetzen

Hussein weiß, wie die Bergbauen Pflanzen nutzen und als Medizin einsetzen

Dabei standen viele Einheimische dem Tourismus zunächst mißtrauisch gegenüber, erzählt GTZ-Experte Martin Neumann. Pferde gegen Geld zu verleihen war in der Kultur der Oromo unbekannt, schließlich hatte jeder welche. Andere überschätzten die Einnahmen, die mit den Besuchern zu erzielen sind. „Manche glaubten wohl, der Tourismus könnte alle wirtschaftlichen Probleme der Region lösen“, sagt Neumann. Und schließlich riefen jährlich steigende Besucherzahlen auch Neider auf den Plan. Der Besitzer des Bale Mountains Motels in Dodola etwa wollte das Projekt „hijacken“. Die zehn Bergführer sollten fortan unter seiner Kontrolle arbeiten. Aber so war das Projekt nie angelegt, die Einnahmen sollten breit gestreut werden. Heute profitieren etwa hundert Menschen von den Öko-Touristen: Guides, Hüttenwarte und Pferdeführer.

Der zweite Wandertag führt uns bis auf 3700 Meter und die Vielfalt des äthiopischen Bergwalds vor Augen. Einst war das Land zu vierzig Prozent bewaldet, heute sind gerade noch drei Prozent übrig. In den Bale Mountains sind zahlreiche endemische Pflanzenarten heimisch, und es hat den Anschein, daß unser Führer sie alle kennt. Hussein weiß auch, wie die Bergbauern sie nutzen und etwa ihre Extrakte als Medizin einsetzen. Immer wieder erkundigt er sich höflich, ob diese oder jene Pflanze auch in Deutschland wächst und wann bei uns die Regenzeit einsetzt. Affen können wir jeden Tag irgendwo klettern sehen, mit etwas Glück lassen sich Warzenschweine, Bergnayalas und Schirrantilopen blicken. Wer aber den äthiopischen Wolf und andere Wildtiere beobachten möchte, kann dies mit größerer Wahrscheinlichkeit im benachbarten Bale Mountains National Park tun. Dort gibt es aber nur eine Lodge, übernachtet wird ansonsten im Zelt.

„Ferenjis“ werden mit Handschlag begrüßt

Auf dem Weg zur Schule

Auf dem Weg zur Schule

In der Adele-Hütte probieren wir die tägliche Kost der Waldbewohner: ein flaches, ungesäuertes Gerstenbrot, Porridge aus Mais und Gerste mit dem Aroma ranziger Butter und eine Paste, die sie hier „ensete“ nennen und die aus den Blättern der Zierbanane hergestellt wird. Trotz Kohl und Frühlingszwiebeln bleibt der Speisenplan der Einheimischen begrenzt. Wir träumen von einem Omelett, müssen aber erfahren, daß es in dieser Höhe einfach zu kalt ist, um Hühner zu halten.

Das Besondere an diesem nördlichen Teil der Bale Mountains ist die Verbindung von Natur und Kultur. Dieser Wald lebt, und in ihm und von ihm leben vor allem Hunderte Kinder. Oft barfuß unterwegs, leben sie ein einfaches, hartes Leben. Die meisten leiden unüberhörbar unter einer chronischen Bronchitis. Doch diese Kinder lachen viel, sie winken unablässig. Als am letzten Morgen der Wanderung eine Gruppe von dreißig Schülern unseren Weg kreuzt, werden wir „ferenjis“ von jedem mit Handschlag begrüßt. In den Bale Mountains dürfen sich Hüttenwanderer ohne weiteres wie Exklusivgäste fühlen.

Der Weg in die Bale Mountains

Anreise Flugverbindungen ab Frankfurt und München nach Addis Abeba haben unter anderem die Lufthansa, Emirates und Ethiopian Airlines. Mehr unter www.lufthansa.de, www.emirates.com und www.flyethiopian.com.

Trekking Seit 1998 werden Trekkingtouren in den Bale Mountains angeboten. Ausgangspunkte für Wanderungen im Bergwald sind Dodola oder Adaba. Beide Kleinstädte sind von der Hauptstadt Addis Abeba per Geländewagen in etwa fünf Stunden erreichbar. Zudem gibt es eine tägliche Busverbindung. Vier Hüttencamps eignen sich zur Übernachtung. Sie befinden sich zwischen 3080 und 3460 Meter Höhe und sind fünf bis achtzehn Kilometer von Dodola entfernt. Weitere Informationen und Buchung (die Touren sollte man im voraus buchen) unter: Dodola Tour Guides Association Office, P. O. Box 80, Dodola, Ethiopia, oder im Netz unter www.baletrek.com.

Literatur Im Conrad-Stein-Verlag ist der Reiseführer Äthiopien (22,90 Euro) erschienen, der auch die acht Nationalparks beschreibt. Der Reise-Know-How-Äthiopien-Führer (23,50 Euro) geht dagegen mehr auf Kultur und Geschichte des Landes ein. (asl)

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite V3
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Tomik

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