Kreuzfahrtschiffe

Unterwegs in ein neues goldenes Zeitalter

Von Andreas Obst

Schöner: Die Taufe der “Queen Victoria“ in Southamton

Schöner: Die Taufe der "Queen Victoria" in Southamton

30. Dezember 2007 Schiffstaufen sind eine Routineangelegenheit geworden, seit die Kreuzfahrtindustrie weltweit mit immer neuen schwindelerregenden Zuwachsraten aufwarten kann. Langsam drohen den Reedereien die Sensationen auszugehen, um den Umstand, eine weitere schwimmende Kleinstadt ins Wasser zu setzen, so zu schmücken, dass die Welt davon überhaupt noch Kenntnis nimmt. Kaum eine Schauspielerin von Rang, die nicht schon eine Champagnerflasche am Bug eines neuen Schiffs zerschellen ließ, die höchsten Höhenfeuerwerke sind explodiert, die lautesten Popbands haben musiziert.

Der Blick nach England aber zeigt, wie der Dienstbeginn eines Kreuzfahrtschiffs tatsächlich zum Ereignis von geradezu staatstragender Bedeutung wird - so selbstbewusst-selbstbezogen inszeniert, als sei die Insel völlig losgelöst von den Läuften im zeitgemäßen Spaßgeschäft über den Wellen.

Heller: Feuerwerk über dem Hafen von Southampton

Heller: Feuerwerk über dem Hafen von Southampton

Die Taufe der „Queen Victoria“ vor zwei Wochen im regenkalten Southampton war ein Fest der „Britishness“, des ungebrochenen Selbstbewusstseins Britanniens als Herrscherin der Meere, denn Briten werden niemals Sklaven sein, wie es in der Hymne „Rule Britannia“ so stimulierend trotzig heißt. Sie klang an diesem Abend mehrfach: Zunächst bei den offiziellen Feierlichkeiten vor zweitausendfünfhundert geladenen Gästen in einem imperial roten Theaterzelt, das so vor dem Bug des Schiffes aufgestellt war, dass der Stahlkoloss den Bühnenhintergrund abgab, als sich der Vorhang zum Höhepunkt der Veranstaltung hob.

Die Flasche wollte nicht zerbrechen

Noch einmal klang „Rule Briannia“ zu später Stunde im Showprogramm an Bord, das an die bald hundertsiebzig Jahre währende Geschichte der englischen Reederei Cunard erinnerte, der Eigentümerin der „Queen Victoria“. Dass das Schiff im Grunde dem auf den Wogen der Welt schier allmächtigen amerikanischen Carnival-Konzern gehört, der Cunard 1998 übernahm, spielte dabei vordergründig keine Rolle. Im grandiosen pomp and circumstance wehender Union Jacks und blau-weiß-roten Konfettiregens von der Hallendecke ging überdies fast vollständig unter, dass die Champagnerflasche nicht zerbrach, als die Patin des königlichen Schiffs, Camilla Parker Bowles, Herzogin von Cornwall, den Knopf drückte, der den Taufvorgang auslöste.

Auch dass erstmals eine Cunard-Königin auf dem Wasser nicht von der regierenden Königin getauft wurde, war kaum mehr als eine Sottise im Überschwang des neu erwachten nationalen Maritimgefühls, das sich an Bord der „Queen Victoria“ auch in einer Devotionaliensammlung zur Cunard-Geschichte ausdrückt - der Winzigkeit des „Cunardia Museums“ auf Deck 2, immerhin des ersten Museums auf einem Schiff, wie die Reederei stolz betont.

Die „Queen Victoria“ ist nicht das größte Schiff für Cunard im Einsatz - das bleibt bis auf weiteres die vor vier Jahren in Dienst gestellte „Queen Mary2“. Doch auch die jüngste Königin kann als weiterer Beleg für das ehrgeizige Ziel der Reederei gelten, ein neues goldenes Zeitalter zur See zu schaffen. So hatte Larry Pimentel, seinerzeit Cunard-Präsident, nur zwei Monate nach der Übernahme seines Unternehmens durch Carnival, den Neubau der „QM2“ angekündigt.

Die drei Königinnen verlassen New York

Die Jungfernfahrt der „Queen Victoria“, die für eine Stippvisite auch in das seit einigen Jahren geradezu kreuzfahrtstrunkene Hamburg führte, war lange zuvor ausverkauft, ebenso wie es die meisten Passagen der ersten Monate sind: Beweis nicht nur für Cunard, dass die klassische Kreuzfahrt auf einem klassischen Kreuzfahrtschiff als Nischenangebot weiterhin ihr Recht behauptet. Eine Klientel wird damit angesprochen, die träumerische Blicke bei der Ankündigung bekommt, dass am 13. Januar 2008 erstmals drei Cunard-Königinnen gleichzeitig den Hafen von New York verlassen werden: „Queen Elizabeth2“, die Ende kommenden Jahres ihre maritime Karriere als Hotelschiff vor Dubai beenden wird, „Queen Mary2“ und die neue „Queen Victoria“.

Nicht weniger pompös: Die Taufe der Aida

Nicht weniger pompös: Die Taufe der Aida

Cunard, daran lassen die Verantwortlichen keinen Zweifel, wird es nie nötig haben, mit dem Mantra des ständigen Größer, Neuer, Schöner aufzutrumpfen, das andere Schifffahrtsveranstalter in schrillste Signale umgemünzt haben, deren Echo eher erschreckt als begeistert. So war es gewiss kein Zufall, dass genau einen Tag nach der Taufe der „Queen Victoria“ Royal Caribbean International, der ewige Zweite im Großkonzert der Großkonzerne auf dem Wasser, mit dem Vollzug der Kiellegung des „Projekts Genesis“ an die Öffentlichkeit trat. Unter diesem Namen entsteht auf der Werft in Finnland das weltgrößte Kreuzfahrtschiff, das im Herbst 2009 zu Wasser gelassen werden soll.

„Projekt Genesis“

Es wird Platz für 5400 Gäste bieten und damit noch mehr Passagiere aufnehmen können als das derzeit größte Kreuzfahrtschiff der Welt, das auch schon für Royal Caribbean fährt. Demnächst sogar in dreifacher Ausgabe, denn für kommenden Mai ist die Premiere der „Independence of the Seas“ angekündigt, des jüngsten Schwesterschiffs der „Liberty of the Seas“ und der „Freedom of the Seas“ für jeweils mehr als 3600 Passagiere. Eher um Details der Ausstattung wird es bei der „Celebrity Solstice“ für Celebrity Cruises gehen, der Royal-Caribbean-Edelmarke. Dieses Schiff wird derzeit auf der Meyer-Werft in Papenburg gebaut und soll im kommenden Herbst erstmals in See stechen. An Bord wird es eine neue Kabinenklasse geben, die sich vor allem an anspruchsvolle Wellness-Urlauber richtet.

Die “Freedom of the Seas“ passierte 2006 die Hamburger Landungsbrücken

Die "Freedom of the Seas" passierte 2006 die Hamburger Landungsbrücken

Überhaupt sind die Spa-Einrichtungen ein neues Hauptthema für Schiffsdesigner, davon zeugen auch die angekündigten Neubauten der in zähem Ringen miteinander konkurrierenden italienischen Reedereien Costa und MSC, die als Brotpublikum klassische Strandurlauber ins Visier genommen haben. Das ist auch die Klientel der amerikanischen Gesellschaft NCL, die heute in den Konzern der asiatischen Star Cruises gehört. Sie hat ihren jüngsten Neubau, die „Norwegian Gem“, im Oktober getauft und renommiert nun, mit der jüngsten Flotte weltweit ins Jahr 2008 zu schwimmen.

Neun Aidas bis 2012

Mit Größe will im kommenden Jahr auch die Holland America Line auftrumpfen, die heute zu Carnival gehört. Mit der „Eurodam“ wird die Reederei, die seit 135 Jahren im Geschäft ist, ihr achtzigstes und größtes Schiff ins Wasser bringen, das neue Flotten-Flaggschiff soll vom Sommer an in der Karibik eingesetzt werden. Neues gibt es gleichsam in letzter Minute vor Jahresschluss auch von Aida Cruises. Der deutsche Carnival-Vertreter hat bei Meyer zwei weitere Schiffe bestellt und will damit im Jahre 2012 über insgesamt neun „Aidas“ für den deutschen Clubschiff-Markt auf den Meeren verfügen.

Text: F.A.Z., 27.12.2007, Nr. 300 / Seite R2
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, REUTERS

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