Paris

Kino in den Katakomben

07. September 2004 Einen vollständig ausgestatteten Kinosaal entdeckten Polizisten im Pariser Untergrund. Es ist der bislang spektakulärste Coup der Kataphilen, die sich seit Jahrzehnten heimlich in den Pariser Katakomben herumtreiben. Knapp 20 Meter unter dem Chaillot-Palast, gerade gegenüber vom Eiffelturm, fand die Polizei in dem 400-Quadratmeter-Saal nicht nur Filmrollen mit Krimis aus den 50er und 60er Jahren, sondern auch eine Art Bar mit Whiskyflaschen. Die Unbekannten machten noch eine letzte Stippvisite in ihrem unterirdischen Kino und hinterließen die spöttische Botschaft „Sucht uns nicht“.

Bevor die Polizisten in den Saal mit dem Filmprojektor vordrangen, stolperten sie über einen Draht, der automatisch Hundegebell auslöste. Am Tatort entdeckten sie einen großen Kochtopf, der verdächtig nach einer Bombe aussah - aber keinen Sprengstoff enthielt. Vorerst gibt es wenig Hinweise, wer hinter diesen Späßen steckt. Da es den unterirdischen Kinogängern gelungen war, das Stromnetz anzuzapfen, wurde erst einmal eine Untersuchung wegen Diebstahls eingeleitet.

60 Euro Strafe für Kataphile

Die Einrichtung des unterirdischen Kinosaals ist untypisch für die schätzungsweise 200 bis 300 Kataphilen: Sonst steigen die Liebhaber der jahrhundertealten Gänge auf der linken Seite der Seine in den Pariser Untergrund, diesmal entschieden sie sich für die rechte Seite. Vor allem am linken Ufer ist der Untergrund vielerorts ausgehöhlt wie ein Schweizer Käse, das Tunnelsystem ist 285 Kilometer lang. Entstanden sind die Schächte, als die Pariser Kalkstein-Quader für die berühmten Bürgerhäuser mit ihren hellen Fassaden abbauten.

Kurz vor der Revolution von 1789 wurden die Steinbrüche zu Knochenhäusern umfunktioniert und die Gebeine von sechs Millionen Parisern eingelagert. Diese Katakomben sind heute eine Touristen-Attraktion und können ganz legal besichtigt werden. Die Kataphilen dagegen dringen in die abgesperrten Teile vor. Anfang der 80er Jahre waren Partys in den Knochenhäusern in Mode. Der damalige Bürgermeister Jacques Chirac verwies auf Gefahren durch herabfallende Steinbrocken und Erstickung. Seither ist eine Sondereinheit der Polizei dafür zuständig, den Kataphilen nachzustellen und Strafzettel über 60 Euro zu verteilen.

Ein Tunnel unter dem Santé-Gefängnis

In letzter Zeit hat diese „Brigade d'intervention de la compagnie sportive“ alle Hände voll zu tun. Außer dem unterirdischen Kinosaal entdeckten die Polizisten drei Tunnel, die von den alten Schächten aus unter das Santé-Gefängnis gegraben worden waren. Die Tunnel führten unter zwei Wachtürme und den Eingang von Frankreichs bekanntester Haftanstalt, wurden aber nur seitlich angelegt und nicht nach oben fortgesetzt. Daher hätten sie vielleicht für einen Anschlag, aber nicht für eine Befreiungsaktion genutzt werden können.

Von der Polizei lassen sich die Kataphilen nicht abschrecken. „Die Gänge im Untergrund von Paris sind ein freier Bereich“, sagt ein 33jähriger Informatiker. „Da hat man seine Ruhe und entkommt der Polizei-Zwangsjacke an der Oberfläche.“ In den vergangenen Jahren hatte sich eine Art Gentlemen's Agreement zwischen der Katakomben-Brigade und den Kataphilen herausgebildet.



Text: FAZ.NET mit Material von AFP
Bildmaterial: AP

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche