Von Andreas Spaeth
14. Oktober 2006 Der junge Taxifahrer am Lumpini-Nachtmarkt im Herzen von Bangkok kann sein Glück nicht fassen. Er legt beide Handflächen aneinander und macht auf dem Fahrersitz eine tiefe Verbeugung in Richtung Lenkrad. Dabei strahlt er über das ganze Gesicht, soweit das im nur spärlich beleuchteten Inneren des Taxis von der Rückbank aus zu erkennen ist. Ein einziges Zauberwort seiner Fahrgäste hatte gereicht, ihn in diese Ekstase zu versetzen: "Suvahnapomm". Das verspricht eine teure Fuhre. Der Fahrer ist so freudig erregt, daß er vergißt, das Taxameter einzuschalten, heutzutage Pflicht in allen Bangkoker Taxis. "Da war ich noch nie", ruft er überglücklich. Vielleicht kein gutes Omen. Er startet den Wagen und rast durch die Nacht.
Nur energisches Drohen mit sofortigem Aussteigen kann den Fahrer davon überzeugen, das Taxameter doch noch zu aktivieren. Und den Versuch aufzugeben, einen überhöhten Preis zu vereinbaren. Taxifahren ist in Bangkok allerdings so billig, daß es für Europäer eher ein Spiel ist und niemand verarmt, wenn er sich im Taxi zum Flughafen chauffieren läßt - anders als in München oder Tokio.
Wie weit ist es noch?
Denn um einen Flughafentransfer geht es hier: "Suvahnapomm" ist die lautmalerische Aussprache des neuen Suvarnabhumi Airport, der vor gut einer Woche nahe der thailändischen Hauptstadt seine weitläufigen Terminals öffnete. Und der einzige Weg dorthin führt über verschlungene Autobahnbrücken. Da es bisher nur wenige Expreß-Buslinien - mit unverständlichen Fahrplänen - gibt, bietet sich eine Taxifuhre an - zumal es üblicherweise mit umgerechnet rund sechs Euro gerade mal doppelt so teuer ist wie ein Busticket.
"Wie weit ist es noch?", fragt der Fahrer nach längerem Schweigen nach hinten, mit leicht nörgelndem Unterton - als ob sein Gast das genauer wüßte. Eine 30 Kilometer lange Anfahrt hatte er offenbar nicht erwartet, denn ganz so weit war der alte Don Muang-Flughafen vom Zentrum nicht entfernt. Mehrfach hatte der Fahrer nur durch halsbrecherische Manöver und den Fliehkräften trotzend in die richtigen Abzweigungen eingeschwenkt, immer dem blauen Schild mit weißem Flieger drauf folgend. Die nächste Abfahrt auf eine elegant geschwungene Betonbrücke verpaßt er prompt, den Blick schon auf den Kontrollturm gerichtet, der sich am Horizont wie ein gläserner Bleistift ins Nachtdunkel bohrt (übrigens mit 132 Metern der höchste der Welt). Der Fahrer stoppt den Wagen, setzt tatsächlich ein paar Meter zurück und kriegt die Kurve noch. Gottseidank ist sogar auf thailändischen Autobahnen zu später Stunde nur wenig los.
Früher ein gottverlassenes Sumpfgebiet
Die helle, riesige Stadt kommt immer näher, die Augen des Fahrers werden immer größer. Vor ein paar Jahren war das hier ein gottverlassenes Sumpfgebiet namens Nong Ngu Hao, zu deutsch Kobra-Sumpf. Schon 1960 hatte man in Thailand an diesem Ort mit der Planung eines neuen Flughafens begonnen, doch erst im Jahr 2000 markierte König Bhumibol mit der Umbenennung in "Goldenes Land" - denn nichts anderes heißt Suvarnabhumi in der Landessprache - den Beginn ernsthafter Bauarbeiten.
Rund vier Milliarden Dollar Investitionen, etliche häßliche Korruptionsaffären und sechs Jahre Bauzeit später ist der Flughafen fertig, mit insgesamt 563 000 Quadratmetern Fläche der größte Abfertigungskomplex der Welt unter einem Dach. 45 Millionen Passagiere kann Suvarnabhumi pro Jahr abfertigen, 50 Millionen mehr gingen wohl auch noch rein, vermuten Experten, aber sehr bald schon muß weiter ausgebaut werden, denn der alte Flughafen bewältigte schon 2005 fast 40 Millionen Fluggäste.
Nachts leuchtet er blau
Nachts sind die großen Dachträger des Terminals in leuchtend blaues Licht getaucht, eine sehr effektvolle Inszenierung der gewaltigen Dimensionen. Ein gigantisches, siebenstöckiges Zentralgebäude, Innenlänge 444 Meter, steht im Mittelteil eines H-förmigen Doppelkreuzes aus Flugsteigen, die aussehen wie riesige Raupen. Eine Stahlkonstruktion, mit Fenstern durchsetzt, wechselt sich darin ab mit einer dreieckig ausgeführten weißen Dachmembran aus Fiberglas, Made in Bayern. Der fränkische Star-Architekt Helmut Jahn aus Chicago hat die gleichen Materialien verbaut wie schon in seinem Münchner Airport Center. Und die Umzugsplanung selbst lag auch in bayerischen Händen - die Fachleute vom Münchner Flughafen sorgten für einen weitgehend reibungslosen Transfer. Nicht weniger als 2970 Lastwagenladungen fuhren vom alten zum neuen Flughafen.
Das Taxi hat inzwischen den weit geschwungenen Einfahrtsring zum Terminal erreicht, und schon wieder wird es brenzlig: Am Straßenrand stehen auch um Mitternacht viele einheimische Schaulustige, die nach ausgiebigem Bestaunen des beleuchteten Vorfelds ihre Autos plötzlich unvermittelt in den rollenden Verkehr chwenken. Und natürlich hat auch der Taxifahrer seinen Kopf fest nach links auf die Flugzeuge gerichtet: "Wonderful", entfährt es ihm, bevor er einen Zusammenprall mit einem anderen Auto in letzter Sekunde verhindern kann.
Passagier und Personal auf Augenhöhe
"Wo kann ich jetzt Passagiere für die Rückfahrt finden?", jammert der Fahrer bei der Vorfahrt am Terminal. Keine Ahnung - wie die Zu- und Abfahrt der Taxen geregelt ist, war eines der großen Mysterien der ersten Tage von Suvarnabhumi, das in Stoßzeiten zu stundenlangen Wartezeiten bei ankommenden Passagieren führte. Die vom Nachtmarkt kommenden Fahrgäste jedenfalls sind bedient, zahlen und sehen zu, daß sie in das Gebäude kommen. In der Nacht scheint es wie ein riesiges Gewächshaus.
Ein paar Stunden später, am frühen Morgen, landet einer der ersten Flüge aus Kiew und fliegt auch vor Sonnenaufgang dahin zurück. Viele Fluggäste sind thailändische Arbeiter, die dort bei der Blaubeerernte helfen, der Globalisierung sei dank. Zwischen den aufgereihten Gepäckwagen draußen vor der Halle liegen Rucksackreisende, in der Hoffnung auf einen kurzen Nachtschlaf. Wer das Glück hat, mit Thai Airways in Ersten oder der Business Class abzufliegen, wird in eine Art Lounge eskortiert, abseits der Massen, die sich in der Halle drängen. Dort nimmt der Passagier Platz auf ledernen Sitzmöbeln, vis-a-vis der Schalterdame. Von oben herab eingecheckt zu werden, wie anderswo üblich, hat hier ein Ende. Passagier und Personal begegnen sich auf Augenhöhe.
Nur das Spa ist nicht fertig geworden
Nur leider ist das groß angekündigte Spa, vom Oriental Hotel für Thai Airways betrieben, noch nicht fertig. Und niemand weiß, wann es seine Türen im Abflugbereich öffnen wird. Es ist überhaupt erstaunlich vieles noch nicht fertig im Flughafen Suvarnabhumi: Immer wieder dröhnen Elektrowerkzeuge durch die weite Halle, sie vermischen sich dabei katastrophal mit der Fahrstuhlmusik, der man im ganzen Komplex nicht entrinnen kann. Das Stakkato der Schlagbohrmaschinen unterlegt eine Instrumentalversion von George Michaels Careless Whisper, der später aufs Zeltdach trommelnde Tropenregen koppelt sich verheerend mit Don't Cry for me Argentina aus Evita: Als ob einem nicht schon zum Heulen zumute wäre.
Und dann ist auch noch der Fußboden aus poliertem Naturstein derart glatt und rutschig, daß eigens Warnschilder aufgestellt werden mußten. Wer in letzter Minute zu seinem weit entfernten Flugsteig eilt - die Wege sind bis zu einem Drittel länger als im alten Flughafen Don Muang - muß unbedingt auf dieses Glatteis achten, um mit heilen Knochen ans Ziel zu gelangen. Statt der sonst auf Flughäfen üblichen Komfortbestuhlung bietet der neue Flughafen nur harte Metallsitze wie an einer Bushaltestelle. Und von diesen Sitzen gibt es einerseits zu wenig, andererseits stehen sie etwa innerhalb der Flugsteige derart im Weg herum, daß sie den ohnehin stockenden Menschenfluß in Richtung Flugzeug noch zusätzlich stören. Denn die Passagiere müssen sich mühsam schon durch eine einzige Tür zwängen wie durch ein Nadelöhr.
Knäuel an der Gepäckausgabe
Nicht viel besser ist es im Ankunftsbereich: Hier blockieren Heerscharen von Abholern den ohnehin äußerst spärlich bemessenen Platz nach der Gepäckausgabe. Was paradox ist angesichts des Überangebots von Fläche und Raum in diesem riesigen Gebäude. Alles eine Frage der Prioritäten, denn im Abflugbereich werden die Geschäfte üppig inszeniert, inklusive goldener Statuen und Pagoden. Höhepunkt ist der Museum Shop, der historische thailändische Kunstwerke in verkleinerter Form als Kopie, aber auch als Manschettenknopf oder Halskette anbietet. Auch beim Essen und Trinken ist man nicht unbedingt zimperlich: ein Glas neuseeländischer Sauvignon Blanc 2005 kostet zwar nur 250 Baht, umgerechnet knapp fünf, das Pint irisches Kilkenny-Bier dafür zehn Euro.
Der magischste Ort an diesem Flughafen heißt auch so: Magic Food Point. Flughafen-Restaurants sind eigentlich überteuert und oft ihr Geld nicht wert. Nicht so dieses segensreiche Lokal, dessen Ambiente den chaotischen Charme einer asiatischen Garküche mit der kühlen Eleganz einer westlichen Cafeteria vereint. Selbst das ungewöhnliche System, am Eingang Schlange stehen zu müssen, um für 100 Baht (gut zwei Euro) ein kleines Couponheft zum Bezahlen zu erwerben, schreckt keinen Passagier ab - das Restaurant, es liegt auf der Ankunftsebene am westlichen Terminalende, ist gerammelt voll. Hier gibt es alles, was sich Liebhaber der Thai-Küche nur irgend wünschen: Ente, köstlichen Kokos-Curry, eine scharfe Tom Yum-Suppe oder frisch geraspelten Salat aus grüner Papaya, vor den Augen des Kunden nach seinen Wünschen zubereitet. Die Preise von durchschnittlich 35 Baht (75 Cent) pro Gericht sind ein Witz, für Europäer sowieso und für einen Flughafen erst recht. Dieser Magic Food Point sollte sogar einen Umweg bei einer Asienreise wert sein.
Neben zwei arabischen Flugbegleiterinnen mit Schleier sitzt jetzt auch der Taxifahrer vom Lumpini-Nachtmarkt und schlürft heiße Nudeln aus einer Schüssel. Er scheint bester Dinge. Passagiere für die Rückfahrt habe ich nicht gefunden, sagt er. Doch er jammert nicht mehr, er grinst. Hier ist es auch gut. Und bis Ende des nächsten Jahres wird es keine Zugverbindung in die Stadt geben, bis dahin kann ich noch Informationen unter www.suvarnabhumiairport.com oder www.airportthai.com
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 8. Oktober 2006
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS