Internet

Wie Web 2.0 die Reisebranche verändert

Von Jakob Strobel y Serra

10. November 2006 Was ist nun mit Herbert? Ist er ein Genie oder ein Scharlatan? Rührt er wirklich die beste Sangría Mallorcas an oder nur eine mittelmäßige? Und ist die Bedienung in seiner Kneipe arrogant und pampig oder aufmerksam und charmant? Ewige Fragen, um die im Internet ein wilder Disput ausgebrochen ist. Auf der Website Holidaycheck, auf der sich Hunderttausende Urlauber gegenseitig mit Hinweisen und Warnungen versorgen, spaltet die Kneipe „Bei Herbert“ in der mallorquinischen Deutschenfestung Peguera die virtuelle Großfamilie in Freund und Feind. „Lokal wurde pünktlich geöffnet, sehr hell, freundlich eingerichtet. Sangria hervorragend, gut verträglich, fünf Sorten zur Auswahl. Angenehme Atmosphäre. Service distanziert, sehr freundlich.

Zum Wohlfühlen“, schreibt Elke aus Ahlen. „Also die Sangria schmeckt nicht schlecht - aber nicht besser oder schlechter als woanders auch! Ein Grund nicht mehr dieses Lokal zu betreten ist aber die Unfreundlichkeit der Bedienung die sich das Lächeln wirklich herausquälen muß“, schreibt Manfred aus Neuss. „Super Sangria“, „reelle Mischung“, „ranzige Nüsse“, „total unter der Gürtellinie“, Lob und Tadel, Freude und Verdruß. Und wie schmeckt nun Herberts Sangría? Vorerst nur nach Ratlosigkeit. So hat man sich die Zukunft des Internets wirklich nicht vorgestellt.

Die totale Interaktivität

Genauso wird sie aber sein. Das jedenfalls prophezeien Auguren wie Tim O'Reilly, der es wissen müßte; schließlich ist er der inoffizielle Erfinder des Netzes. Jetzt hat er das Schlagwort vom „Web 2.0“ geprägt, der virtuellen Revolution zweiter Teil. Mit rasender Geschwindigkeit wandelt sich das Internet zum „Mitmach-Netz“, in dem die Benutzer nicht nur wie bisher Inhalte rezipieren, sondern sie selbst produzieren. Interaktivität findet nicht mehr allein zwischen Anbieter und Konsument statt, sondern vor allem zwischen den Usern selbst - „das Netz bin ich“, kann jetzt jeder sagen. Das spektakulärste Beispiel dafür ist das Videoportal YouTube, das innerhalb kürzester Zeit eine Gemeinde von Abermillionen Anhängern um sich geschart hat. Sie alle finden Gefallen daran, ihre selbstgedrehten Minivideos ins Netz zu stellen und sich die vom Charme des Dilettantismus beflügelten Filmchen Gleichgesinnter anzuschauen.

Die Kathedrale von Palma: Wirklich ein Geheimtip? Viele buchen erst, nachdem sie Bewertungen gelesen haben Die Flickr-Fotohändler Stewart Butterfield und Caterina Fake Mallorca-Urlauber bewerten im Internet die Sangriaqualität Die YouTube-Gründer Chad Hurley und Steven Chen

Auch auf der Plattform MyVideo kann man inzwischen Tage und Monate durch den Irrgarten zahlloser Heimvideos spazieren. Allerdings kommen einem dabei schnell Zweifel am Sinn seines Tuns. Denn die Filme stammen oft von Spannern, die ihre Kamera am Strand auf barbusige Badende halten, von übermütigen Jugendlichen, die ihre Ballermann-Besäufnisse protokollieren, von Freunden des Makabren, die Aufnahmen von Flugzeugabstürzen zusammenschneiden, oder von Hinterhofmachos, die sich vollkommen ironiefrei zum frauenhassenden Horst machen.

Eher harmlos wirkt dagegen die Seite myspace, eine Art riesenhaftes virtuelles Poesiealbum mit hundert Millionen Nutzern, die hier Tagebuch führen, über ihre Lieblingsband plaudern oder Familienfotos online stellen. Wer danach immer noch Appetit auf Fotos hat, kann auf der Website Flickr zweihundertvierzig Millionen Schnappschüsse anklicken und den Rest seines Lebens bei einem gigantischen Diaabend vor dem Bildschirm verbringen. Zum Glück sind inzwischen auch seriösere Ausprägungen des Mitmach-Internets wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia oder die Kundenkritiken bei Amazon und Ebay Teil unseres virtuellen Alltags geworden.

„Digital Millennials“ haben Marktmacht

Getragen wird diese Entwicklung von den „Digital Millennials“, jenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die als erste Generation mit dem Internet aufgewachsen sind. Sie kennen nichts anderes mehr, sie sind keine Umsteiger von den klassischen Medien, ihre Welt hat kaum noch Analoges. Sie mailen und simsen, benutzen Mobiltelefone mit Digitalkamera, präsentieren die damit aufgenommenen Videos einem Millionenpublikum im Netz, laden sich von dort ihre Lieblingslieder auf die Festplatte oder direkt auf den iPod und wissen von handgeschriebenen Briefen, von Fotoalben oder Plattensammlungen nur noch vom Hörensagen.

Und sie sind alles andere als eine sektiererische Minderheit im virtuellen Hinterzimmer. Vielmehr haben diese User dank ihrer schieren Masse eine ungeheure Marktmacht erlangt. Allein durch millionenfaches Anklicken können sie zum Beispiel einer nur im Internet kursierenden Band plötzlich zu Weltruhm verhelfen. So wandelt sich das Web unter der Prämisse der totalen Interaktivität zu einem einzigen permanenten Plebiszit und vollendet im besten Fall das Aufklärungsideal von der Selbsterziehung der Massen: Das Gute wird vom Schlechten getrennt wie der Weizen von der Spreu, und es entsteht eine bessere Welt.

Das häßliche Wort vom „Blogstrich“

Wann die Bugwelle des „Web 2.0“ auch die Reisebranche erreichen würde, war nur eine Frage der Zeit. Jetzt arbeiten fast alle großen Veranstalter an interaktiven Reiseecken auf ihren Websites, weil sie in der Interaktivität das Zaubermittel der Kundenbindung sehen. Expedia, der Marktführer unter den Online-Reisebüros, bietet seinen Kunden bereits die Möglichkeit, Hotels zu bewerten, demnächst können sie in Weblogs auch von ihren Reiseerlebnissen berichten. Der Billigflieger HLX läßt seine Passagiere schon jetzt zu Wort kommen, während auf der Seite der Canadian Tourism Commission prominente Frauen in Internet-Tagebüchern von ihren Erfahrungen in Kanada berichten. Wikipedia will derweil mit World Wikia und Wikitravel virtuelle Weltreiseführer schaffen.

Schon tauchen die ersten Blogs mit dem Hautgout der kommerziellen Korrumpierung auf: Reiseberichte, die als versteckte Werbung geschrieben und von den Gelobten bezahlt werden. Im Jargon der Community macht das häßliche Wort vom „Blogstrich“ die Runde.

Ratlos wie bei Herberts Sangría

Die derzeit wohl einflußreichste Reiseseite des deutschen „Web 2.0“ ist Holidaycheck, die wiederum ihr Vorbild in der amerikanischen Website TripAdvisor hat, mit fast vier Millionen Mitgliedern und mehr als fünf Millionen Urlaubskritiken derzeit die größte Reisecommunity im Netz. Auch die Zahlen des deutschen Platzhirsches, an dem Burda Anteile hält, können sich sehen lassen: 390.000 Hotelbewertungen, 300.000 Forumsbeiträge, 160.000 Urlaubsfotos, 70.000 Mitglieder, 6000 Reisetips und ein angeschlossenes Online-Reisebüro, das im vergangenen Jahr fünfundzwanzig Millionen Euro Umsatz gemacht hat. Damit läßt diese Community Mitbewerber wie Votello, Hotelbewertung, Coole Ferien oder Travel and Guide weit hinter sich.

Die meisten Einträge von „Holidaycheck“ sind - zumindest bei den Hotels - ernsthaft und gewissenhaft, keine Plaudereien, sondern ehrliche Erfahrungsberichte. Einzelne Beiträge mögen vielleicht verfänglich sein, aber in der Summe zeigt sich meist eine eindeutige Tendenz. Sie kommt allerdings nur bei vielfach kommentierten Hotels zustande. Die kritische Masse liegt erfahrungsgemäß bei etwa zehn Bewertungen pro Haus, alles andere ist Vabanquespiel. Und diese Zahl erreichen nur die großen Kästen des Pauschaltourismus in den touristischen Ballungszentren. Auf Mallorca zum Beispiel können sich Urlauber, die in Cala Ratjada oder an der Playa de Palma eine Unterkunft suchen, ohne weiteres bei Seiten wie „Holidaycheck“ Rat holen. Will man aber ein stilvolles kleines Landhotel irgendwo in den Bergen buchen, kommt man nicht weiter - oder landet bei jenem Haus in dem Bilderbuchort Fornalutx, für das zwei Vernichtungen und zwei Elogen verzeichnet sind. Hier bleibt man so ratlos wie bei Herberts Sangría.

Geschäftsmodell der Zukunft?

Anspruch und Wirklichkeit des „Web 2.0“ klaffen auch bei den Tips und Foren von „Holidaycheck“ und ähnlichen Websites weit auseinander. Um beim Beispiel Mallorca zu bleiben: „McPizza“ in Cala Ratjada und „Aladin Döner“ in Arenal als Restaurantempfehlung anzupreisen oder das nicht ganz unbekannte Kap Formentor und die nun wirklich unübersehbare Kathedrale von Palma als „Geheimtips“ auszuloben kann nicht der Sinn der Interaktivität sein. Und die Lebenserkenntnis in Foren wie „Meine schönsten/schlimmsten Flugerlebnisse“ oder „Welche Deutschen sind die unsympathischsten?“ hält sich gleichfalls in engen Grenzen.

Dennoch deutet sich hier ein mögliches Geschäftsmodell der Zukunft an, das noch Utopie, aber keineswegs illusorisch ist: die Wandlung von Community-Seiten zu virtuellen Reisebüros mit quantitativer Totalberatung. Nicht mehr nur ein Reisebüromitarbeiter, der in ein paar Katalogen blättert, hilft dem Kunden bei seiner Wahl, sondern die große Gemeinde der User, die aufgrund der Masse ihrer Bewertungen die Entscheidung leichtmacht. Gebucht wird dann sofort online. Das wäre die Revolutionierung der klassischen Reisebüroidee quasi durch die virtuelle Hintertür.

Erfolg dank Menschenfreundlichkeit

Daß das „Web 2.0“ die Welt verändern wird, ist in Zeiten einer neuen Internet-Euphorie Konsens. Skeptiker sind Spielverderber, fragen sich aber trotzdem, ob wirklich alle Heilsversprechen der virtuellen Zukunft eingelöst werden. Immerhin lebt das interaktive Internet ausschließlich vom Enthusiasmus der Nutzer, die ohne Gegenleistung Filme produzieren, Reiseberichte schreiben, Hotels bewerten oder Gleichgesinnte beraten. Wie lange geht diese Menschenfreundlichkeit gut? Wann kollabiert das System, weil es sich kommerzialisiert und andere an den eigenen Mühen verdienen?

Die Erfolgsgarantie des frei zugänglichen Web-Lexikons Wikipedia etwa besteht bisher in seiner strikten Gemeinnützigkeit, dem altruistischen Teamgeist einer weltumspannenden Internetgemeinde. Die Gründer von „YouTube“ hingegen haben mehr als anderthalb Milliarden Dollar für den Verkauf ihrer Firma an Google kassiert - und teilen dieses Geld nicht mit jenen, die ihren Reichtum erst ermöglicht haben. Google rechtfertigte den aberwitzigen Kaufpreis mit den enormen Werbemöglichkeiten bei „You Tube“.

Kontrolle ist unerläßlich

Doch verlieren Seiten mit „user content“ nicht schnell ihren anarchistischen Charme, wenn sie mit Werbebannern zugeklebt sind und unter dem permanenten Zwang der Refinanzierung stehen? Der aber wohl größte Unsicherheitsfaktor, der jede Zukunftsprognose über die Gewinner des „Web 2.0“ schnell zum Kaffeesatzlesen macht, ist die Wankelmütigkeit der Nutzer: So schnell sie eine Website populär machen können, so schnell können sie sich auch wieder scharenweise von ihr abwenden und sie binnen kürzester Zeit bedeutungslos machen. Die Geschichte des Internets ist voll von solchen virtuellen Sternschnuppen, an deren Namen sich schon niemand mehr erinnert.

Je wichtiger Blogs, Foren und Bewertungen werden, um so mehr Einfluß wird die Industrie auf sie nehmen. Nach einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos sind 56 Prozent der deutschen Internetnutzer bereit, ein Produkt zu kaufen, wenn sie positive Kommentare im Netz über es lesen. Umgekehrt gaben dreißig Prozent an, schon einmal etwas wegen der negativen Erfahrungen anderer User nicht gekauft zu haben. Davon ist auch die Reiseindustrie betroffen. Längst klagen Veranstalter darüber, daß sich manche Kunden im Reisebüro ein Hotel aussuchen, dann zu Hause im Internet die Bewertungen lesen und bei schlechten Resultaten ihre Meinung ändern. Das stachelt natürlich die Versuchung der Einflußnahme und Manipulation an und erfordert eine weitaus schärfere Kontrolle, als sie heute üblich ist.

„Emotion sharing“ auf dem Vormarsch

Beim Marktführer „Holidaycheck“ kümmern sich in der Hochsaison schon jetzt fünfzehn „content manager“ um die Einträge der User. Sie lesen und überprüfen jede Bewertung, rastern sie nach Wörtern, die für die Reisekatalogsprache typisch sind, schreiten ein, wenn zu viele positive Stimmen von einem einzigen Computer aus verschickt werden, und versuchen so, Manipulationen möglichst auszuschließen. Die Kontrolleure haben nach Firmenangaben gut zu tun und löschen immerhin knapp fünf Prozent der Bewertungen sofort. Doch gerade in der unkontrollierten Offenheit liegt der Sinn und das Wesen der Online-Gemeinschaften - ein Widerspruch ohne Lösung. Vielleicht wird man eines Tages sogar zu der Erkenntnis zurückkehren, daß jede zuverlässige Information welcher Art auch immer einen ökonomischen Gegenwert besitzt und nicht als eine Art Grundrecht jedem jederzeit zur Verfügung steht, eine Illusion, die erst das Internet in die Köpfe der Menschen gepflanzt hat.

Das „World Wide Web“ wurde als Informationsmedium geschaffen, nicht als Geldmaschine. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Deswegen wirkt die Goldgräbergier im Angesicht von „Web 2.0“ befremdlich vertraut. Versprochen wurde schon vieles, gekommen ist alles anders. Und wer jetzt die Demokratisierung des Internets als Basar der Massen predigt, sollte nicht verschweigen, daß es genauso Tendenzen gibt, die man mit einem Wort aus der Rumpelkammer als monopolkapitalistisch bezeichnen könnte. Das große Geld im Netz verdienen heute ganz wenige: eine Suchmaschine, ein Auktionshaus, ein Buchhändler, ein, zwei Reisebüros. Die User dürfen sich immerhin umsonst austoben und das Netz mit ihren Reiseberichten und Urlaubsvideos vollstopfen. „Emotion sharing“ nennt man das in der Fachsprache. Vielleicht ist das ja schon der Fortschritt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Cinetext/Allstar, dpa, F.A.Z.-Greser&Lenz, picture-alliance / dpa

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