Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
11. August 2007 Bei der Suche nach Sündenböcken offenbaren selbst die schlimmsten Katastrophen ihre groteske Seite - besonders in Brasilien. Zum Beispiel nach dem Flugzeugunglück auf dem Inlandsflughafen Congonhas in São Paulo am 17. Juli, als die unglückselige Verkettung eines mechanischen Defekts, eines Pilotenfehlers und anderer widriger Umstände zum Tod von 199 Personen führte.
Zu den widrigen Umständen zählt die sehr kurze Hauptpiste, die bei Regen gerade ausreicht, ein vollbeladenes Flugzeug zum Stehen zu bringen. Die Landebahn ist offiziell 1940 Meter lang. Nach Angaben des Herstellers braucht ein Airbus 320 - von diesem Typ war das Unglücksflugzeug der brasilianischen Fluggesellschaft Tam - 1300 Meter zum Abbremsen, solange er das Höchstgewicht von 64 Tonnen nicht übersteigt. Die Unglücksmaschine wog 62,7 Tonnen - und es regnete.
Eines der edelsten Etablissements von São Paulo
Wenn die Piste nur so lang wäre! In Wirklichkeit, so sagen Piloten, ist sie nur 1810 Meter lang. Denn 600 Meter von dem Kopfende der Piste entfernt steht ein elfstöckiges, etwa 50 Meter hohes Hotel, das die Piloten zwingt, Congonhas in einem steileren Winkel als üblich anzufliegen. Der Aufsetzpunkt ist deshalb um etwa 130 Meter verschoben. Das Unglücksflugzeug kam von der anderen Seite, das Hotel hatte deshalb keinen Einfluss auf das Unglücksgeschehen. Aber die Herberge ist zum Stein des Anstoßes geworden, weil inzwischen alles, was die Sicherheit in Congonhas in Frage stellt, als fragwürdig gilt.
Im Inneren des nagelneuen Hotels werden gerade noch die letzten Arbeiten ausgeführt. Der Besitzer Oscar Maroni hat 27 Millionen Dollar in das Bauwerk investiert. Maroni verfügt angeblich über alle nötigen Baugenehmigungen, die er auch gerne in Fernsehkameras hält. Selbst eine Unbedenklichkeitserklärung der Luftwaffe hat er in der Tasche. Die maximale Höhe für Gebäude liegt in dem Gebiet bei 47,50 Meter, das Hotel ragt 47,39 Meter in den Himmel, gemessen von Fachleuten der Luftwaffe, so der Anwalt des Besitzers. Oscar's Hotel liegt direkt neben dem Bahamas-Klub, der auch Maroni gehört. Das ist eines der edelsten Etablissements von São Paulo. Das Hotel soll es betuchten Freiern ermöglichen, per Fahrstuhl direkt in ihre Luxussuiten zu gelangen.
Ich bin unmoralisch, aber ich zahle meine Steuern
Nun ist ein Streit darüber entbrannt, ob alle Genehmigungen, die Maroni im Rathaus, bei der Baubehörde und der Justiz eingeholt haben will, volle Rechtsgültigkeit haben. Nach Schätzungen sind 60 bis 70 Prozent der Gebäude in São Paulo ohne rechtsgültige Genehmigungen errichtet. Der Bürgermeister der Megastadt, Gilberto Kassab, will nun ein Exempel statuieren. Er verbreitete die Meldung, dass er das funkelnagelneue Hotel abreißen lassen wolle. Seit Jahren kämpft die Stadtregierung gegen Maroni.
Angeblich soll er Steuern hinterzogen und Frauen zur Prostitution gezwungen haben. Auch Bandenbildung wird ihm vorgeworfen. Wegen Steuerhinterziehung musste er bereits umgerechnet fast 200.000 Euro Strafe zahlen. Maroni liebt es zu provozieren. Ich bin unmoralisch, aber ich zahle meine Steuern, sagt er und prahlt, er habe schon mit 1500 Frauen geschlafen. Zu vielen Politikern und Wirtschaftsbossen unterhalte er gute Beziehungen. Regelmäßig organisiert er halbseidene Veranstaltungen wie die Wahl einer Miss Hure - die Siegerin des Wettbewerbs gewinnt eine Reise nach Las Vegas.
Maroni: acht Mal vor Gericht, acht Mal freigesprochen
Vor drei Jahren stellte die Staatsanwaltschaft im Bahamas Dokumente sicher, die Namen von Politikern, Militärs und Polizisten enthielt. Man vermutete damals, dass Maroni für deren Entgegenkommen bezahlt hat oder ihnen Dienstleistungen als Gegenleistung für großzügig ausgestellte Genehmigungen anbot. Bereits acht Mal stand Maroni vor Gericht, doch jedes Mal wurde er freigesprochen. Jetzt wittert die Stadtregierung eine neue Chance, ihn an die Kandare zu nehmen. In dem Fernsehgespräch habe er zugegeben, dass das Bahamas ein Bordell sei und keine Bar, kein Restaurant, kein Badehaus - nur für solche Einrichtungen habe er eine Genehmigung. Und deshalb wurde auch das Bahamas geschlossen.
Betonblöcke wurden vor die Türen gestellt. Überall wurden Aufkleber angebracht: lacrado, versiegelt. Die Staatsanwaltschaft erließ einen Haftbefehl gegen Maroni, weil man fürchtete, dass er sich absetzen könnte. Nun ist er untergetaucht. Journalisten vermuten ihn in Guarujá, dem mondänen Strandbad bei Santos. Sein Anwalt verkündete, dass das Bahamas in Kürze wieder öffnen werde. Arbeiter haben schon damit begonnen, die Betonblöcke am Eingang wegzuräumen.
Text: F.A.Z., 11.08.2007, Nr. 185 / Seite 7
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