Zum Tod von Andreas Obst

Spuren auf dem Kilimandscharo

Von Freddy Langer

31. März 2008 „Womöglich“ war die Lieblingsvokabel von Andreas Obst. Es gibt kaum einen Artikel aus den vergangenen Jahren im „Reiseblatt“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem er das Wort nicht verwendet hat. Dabei ist es nicht eben ein Begriff, mit dem ein Journalist prahlen könnte; im Gegenteil. Genaugenommen könnte er von Unlust an der Recherche zeugen. Aber bei Andreas Obst hatte das Wort eine tiefere Bedeutung.

Bei ihm steckte darin die Frage, wie ein Leben auch hätte verlaufen können - und damit stets ein Moment von Sehnsucht angesichts der Vielfalt der Welt und ihrer Kulturen. Alle seine Reisen waren geprägt von der Suche nach dem, wofür die amerikanische Literatur die Formulierung vom „last good place“ gefunden hat: der Vision vom wiedergefundenen Paradies. Am Sonntag ist Andreas Obst während eines Tauchausflugs vor der Küste von Mauritius tödlich verunglückt. Er war achtundvierzig Jahre alt.

Auf den Spuren Hemingways

Zur F.A.Z. kam er im Januar 1980. Er studierte damals noch Amerikanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, außerdem Musik. Als er nach dem Examen feststellte, dass ihm zum Musizieren das Talent nicht reiche und für die Wissenschaft nicht die Geduld, so erzählte er gern, habe er beschlossen, das Schreiben zum Beruf zu machen. Seinen Schwerpunkten an der Universität blieb er in Rezensionen und Reportagen treu: Er besprach Kinofilme und Konzerte, und seine erste Reise für diese Zeitung führte ihn 1981 in den Fußstapfen Ernest Hemingways zum Stiertreiben nach Pamplona; später sollte er ihm, seinem offen verehrten Vorbild, nach Schruns im Montafon folgen, nach Key West, nach Kuba und nach Kenia - dorthin immer wieder, denn in Afrika fand er so etwas wie eine zweite Heimat, eine Heimat der Seele, die ihm ebenso Raum für Wehmut wie für Visionen ließ.

Sein lakonischer Stil, wenn er die Weite des Lands und die Begegnung mit Löwen, Elefanten oder den Berggorillas von Uganda schilderte, war nichts anderes als seine ganz eigene, gezügelte Form der Begeisterung. Vor den Schwierigkeiten und sozialen Ungerechtigkeiten der politischen Situation in Afrika verschloss er indes keineswegs die Augen, sondern widmete ihnen präzise Analysen. So arbeitete er längst an einem umfassenden Afrika-Buch, das nur deshalb auf sich warten ließ, weil ihm noch fünf oder sechs der insgesamt dreiundfünfzig afrikanischen Staaten auf der Liste fehlten.

Filigrane Meisterstücke

Gründe, den Besuch dieser weißen Flecken auf seiner Weltkarte aufzuschieben, ergaben sich genug. Ebenso kompetent und häufig wie über Musik - lange verantwortete er die Rubrik „Schallplatten und Phono“ - schrieb er über das Fernsehen oder Begegnungen mit Stars. Seine Leidenschaft jedoch galt dem Reisen. Dem „Reiseblatt“, dem er seit 2001 fest verbunden war, füllte er jede Lücke - und äußerte sich mal zu wirtschaftlichen Themen, mal zu den Kleinigkeiten am Rande. Dann gerieten ihm selbst Erfahrungen auf dem Passamt zum filigranen Meisterstück.

Unvergessen, wie in jener Glosse der Stempel „Ungültig“ (siehe: Der unbestechlichste Zeuge: Der Reisepass) auf jede Seite kracht, auf jedes Visum, jede bunte Briefmarke, geradeso, als ginge es darum, mit Gewalt alle Erinnerungen zu tilgen. Aber als am Ende auch noch eine Ecke abgeschnitten wird, schreibt Andreas Obst: „Da tat es schon fast nicht mehr weh.“ Erst während ihm die Beamtin den Pass zurückreicht, bemerkt sie, dass er weit herumgekommen sei, und er antwortet: „Ja, es geht.“

Reisejournalist und Musikkritiker: Eine Reihe von Texten, die Andreas Obst für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, finden Sie als Links an diesem Nachruf.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: F.A.Z.-Helmut Fricke

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