„Tatort“

Kein Kunde kennt den wahren Preis

Von Thomas Thiel

Alles billig, alles günstig: Stefanie Stappenbeck im “Tatort. Kassensturz“

Alles billig, alles günstig: Stefanie Stappenbeck im "Tatort. Kassensturz"

01. Februar 2009 Der Tote liegt im Müll, hoch oben auf einer Halde über den Dächern Ludwigshafens zwischen Einkaufswagen, Eisbeinkeulen und anderer abgelaufener Ware. Fast könnte man sagen, dass diese würdelose Ruhestätte etwas Folgerichtiges hat, dass Boris Blaschke (Andreas Windhuis), Gebietsleiter eines Lebensmitteldiscounters, dem Warenkreislauf nicht mehr folgen konnte und deshalb mit ihm ausgespuckt worden ist, wie ein Produkt, das sein Verfallsdatum überschritten hat.

Ist man erst einmal mit den Notwendigkeiten des Niedrigpreissegments vertraut gemacht, und darauf verwendet dieser Film viel Mühe, so überrascht es auch nicht weiter, dass sich die Trauer um den Toten in Grenzen hält. Sein Beruf habe ihn verändert, zuletzt aufgefressen, sagen seine Mitarbeiter, die er nur noch drangsalierte. Doch auch Blaschke war eher Getriebener als treibende Kraft in einer Welt der permanenten Prozessoptimierung, die sein Leben bis in den Alltag hinein regierte.

Trostloser Nachruf

Als Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) seine Wohnung durchsucht, findet sie nur leere Schränke und übereinandergestapelte Kisten, all das, was auch die Vorläufigkeit seines Arbeitsortes ausmachte. Und seine Chefin (Adele Neuhauser), zuletzt mit sichtlichem Gefallen, ihn zu demütigen, schickt ihm einen trostlosen Nachruf hinterher. Ein Problem hat sich für sie gelöst, Blaschke sei seinem Job nicht gewachsen gewesen, was heißt, dass er ihn nicht mit der nötigen Härte versah; sein Nachfolger (Jan Henrik Stahlberg), dem Skrupel wesensfremd scheinen, steht schon in den Startlöchern. Wenige Stunden nach seinem Tod ist das Reich des glücklosen Gebietsleiters neu verteilt. Es muss weitergehen, im Dienst des Kunden und des Profits.

Das Perfide an dem Ludwigshafener Tatort „Kassensturz“ ist, dass man die Schuldfrage gern weitergeben würde an eine höhere Verwaltungsebene. Denn alle handeln hier unter Druck und Angst, und eine Übersprungshandlung erscheint jederzeit möglich, ohne dass man dem Täter die volle Verantwortung dafür geben möchte. Man könnte dieses in düstersten Farben gezeichnete Szenario aus den unteren Etagen der Arbeitswelt leicht für unrealistisch halten, wäre die Realität nicht in Vorlage gegangen. Im Frühjahr 2008, als an die Öffentlichkeit drang, dass ein großer Lebensmitteldiscounter seine Angestellten hatte überwachen lassen, war das Drehbuch jedoch schon geschrieben und musste sogar an einigen Stellen noch ergänzt werden, um der Wirklichkeit nicht hinterherzulaufen. Also schrieben die Drehbuchautoren noch einen Privatdetektiv ins Skript, den Blaschke auf seine Mitarbeiterinnen ansetzt, als diese einen Betriebsrat gründen wollen. Er muss handeln, will er nicht selbst zu den Verlierern gehören. Da ist seine Niederlage auf höherer Ebene jedoch längst beschlossen.

Alles gehört zum System

Wie eine Sozialreportage führt der Film in das Leben im Niedrigpreissegment ein, einen Kosmos, den man für gewöhnlich schnell hinter sich lässt, wenn das Nötige erledigt ist, ohne sich für die Lebensumstände derer zu interessieren, für die er eine Art Daueraufenthalt ist. Es ist eine Welt, in der alle Zahlen auf neun enden, in der alle Informationen Aufforderungen enthalten, in der alle Farben Signalfarben sind. Das Drehbuch von Lars Montag und Stephan Falk hat sich am „Schwarzbuch Lidl“ orientiert, alle Zwangspraktiken sind in ähnlicher Weise schon einmal geschehen, und wüsste man das nicht, würde man das Dargestellte für haltlose Übertreibung halten.

Doch die unbezahlten Überstunden, die Testdiebstähle, die zu Abmahnungen führen, wenn die Verkäuferinnen sie nicht entdecken, die permanente Spindkontrolle, die Bespitzelung im Krankheitsfall und der ständige Kündigungsdruck - das alles gehört anscheinend zum System. Wer sich wehrt, dem wird die Kündigung nahegelegt, und wo er nicht einwilligt, lassen sich immer Gründe finden, sie zu erzwingen. Die ganze Tristesse wird ersichtlich, als sich die Filialleiterin (Traute Hoess) zu später Stunde in den trostlosen Katakomben des Marktes die Folie von ihrem Fertiggericht zieht, ein Abgesang auf den Tag und das Leben. Neben ihr über dem Spiegel hängt ein Schild: „So sieht mich der Kunde“.

Der Kunde sieht das jedoch alles nur im Vorübergehen. Das Billige hat seinen Preis, und er wird auf dem Rücken derer ausgehandelt, die keine Alternative haben oder zu haben glauben. Am Ende fährt das Ladengitter herunter, und der Täter geht in ein neues Gefängnis, mit dem Unterschied, dass es auch als solches bezeichnet wird.

Der „Tatort. Kassensturz“ läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: SWR/Krause-Burberg

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