30. November 2008 Auf diesen Film musste man einunddreißig Jahre, einen Monat und dreizehn Tage warten. So lange hat es gedauert, bis jemand im deutschen Fernsehen die Geschichte des sogenannten deutschen Herbstes und des Terrors der RAF aus der angemessenen Perspektive erzählt.
Bis jemand den Focus auf das richtet, was zwischen dem 13. und dem 18. Oktober 1977 in der von vier palästinensischen Terroristen entführten Lufthansa-Maschine Landshut und am Tag darauf geschah, an dem der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordet wurde. Zu zeigen, was Terror ist, welche Perversion er darstellt, was er bei den Opfern anrichtet, das hat gefehlt. Bis jetzt. Bis jetzt, da es in einmalig intensiv künstlerischer und dokumentarischer Weise am Sonntagabend im Ersten um nichts anderes geht als das, wovon der Titel spricht: Mogadischu.
Der Tag der Niederlage der RAF
Mogadischu, das war Terror in Reinkultur. Das war ein politisches Lehrstück aus dem Kalten Krieg, das war Quälerei und Schikane, das war Judenhass und die Wiederkehr der Selektion - in einem deutschen Flugzeug, von palästinensischen Terroristen im Namen eines deutschen Linksterrorismus -, das war eiskalter Mord - die Hinrichtung des Flugkapitäns Jürgen Schumann -, das war eine glückliche Befreiung und Glanzleistung der GSG 9, das war das Todesurteil für den entführten Hanns Martin Schleyer, das war die härteste Stunde der Bewährung für die deutsche Nachkriegsdemokratie und das war - der Tag der Niederlage der RAF. Denn an diesem Tag musste noch dem letzten klar werden, dass sich ihr Kampf nicht gegen ein abstraktes Staatsgebilde und dessen Repräsentanten richtete, sondern gegen eine nach Werten geordnete Gesellschaft und deren Individuen. Gegen den Bundeskanzler, gegen einen Piloten und gegen 82 weitere Passagiere, Kinder und Alte.
Es ist Hans-Jochen Vogel, der damalige Justizminister, der diesen Tag als denjenigen der Niederlage der RAF ausweist. Er formuliert dies im Gespräch mit dem Mann, der hinter Mogadischu steht und nicht vor der Kamera erscheint - dem Dokumentaristen und Drehbuchautor Maurice Philip Remy. Er hat jahrelang recherchiert, um die Perspektiven zu ordnen und auf alle Fragen Antworten zu bekommen, die auch nach Heinrich Breloers Todesspiel vor elf Jahren noch offenblieben. Wie hing die RAF mit der palästinensischen Terrorgruppe PFLP zusammen? Was waren deren Hintergründe? In wessen Auftrag handelte der PFLP-Chef Wadi Haddad? Was machte der Pilot Jürgen Schumann in den letzten zwanzig Minuten seines Lebens auf dem Flugplatz von Aden, bevor er in die Maschine zurückkehrte und von Mahmud, dem Anführer der Kidnapper, erschossen wurde?
Dreh in einer 40 Grad heißen Sardinenbüchse
All diese Fragen beantwortet der Film Mogadischu im historischen Kontext wie selbstverständlich und en passant. Denn zunächst haben der Regisseur Roland Suso Richter und der Kameramann Holly Fink einen packenden Thriller ausgerichtet. Nicht zum ersten Mal gestaltet Richter seine Versuchsanordnung so, dass die Schauspieler und Statisten gar nicht anders können, als in ihren Rollen aufzugehen. In Dresden sperrte er sie in eine Flammenhölle, in Mogadischu steckt er sie in eine fliegende Todeszelle. In einem Hangar auf dem stillgelegten Stadtflughafen von Casablanca stand die Boeing 737, in der Richter drehte. Vierzig Grad war es da drinnen heiß, es blieb wenig Luft zum Atmen, der Müll stapelte sich, und niemand durfte über Stunden aus der Kabine heraus.
Richter drehte chronologisch eine Szene nach der anderen, der Kameramann Fink lief dem tobenden Schauspieler Said Taghmaoui hinterher, der wie ein Wilder den unberechenbaren Kapitän Mahmud spielte. Ein echtes Irrenhaus. Und so kamen erdrückende Szenen wie jene zustande, in der Mahmud die Passagierin Birgitt Röhll (Valerie Niehaus) vor den Augen ihres Sohnes erschießen will, weil er sie für eine Jüdin hält, bei der man - obwohl wir wissen, dass sie überleben wird - glaubt, dass der Terrorist jeden Augenblick abdrückt. Derart genau und packend macht der Film mit seiner hervorragenden Expertise und von der Realität bestimmten, gnadenlosen Dramaturgie ein Stück Vergangenheit lebendig, dass man irgendwann durch den außerordentlich spielenden Christian Berkel hindurchschaut und in ihm den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt sieht, der, unablässig rauchend, von seinen Amtsräumen aus die größte politische Krise der Bundesrepublik managt. Oder dass man einfach hofft, dass das Martyrium der Passagiere bald ende.
Der Gewalt Paroli bieten - auch wenn es hoffnungslos ist
Wie es für den Piloten Jürgen Schumann endete, wissen wir. Was viele vielleicht nicht wussten, stellt Thomas Kretschmann (den wir gerade erst als Seewolf gesehen haben) in beeindruckender Weise dar - einen Mann, der für die Nachwelt ohne Stimme war, der aus der Position des scheinbar hoffnungslos Unterlegenen heraus der Gewalt Paroli bot, der seine Verantwortung für andere wahrnahm und dafür mit dem Leben bezahlte. Auf dem Flugplatz von Aden in Jemen, wo die Entführer sich am Ziel wähnten - lagen ganz in der Nähe doch die Ausbildungslager der PFLP -, verhandelte Schumann mit dem Kommandanten der Spezialeinheit, die das Flugzeug umstellt hatte, und bat darum, die Forderungen der Entführer zu erfüllen.
Von diesem Treffen berichtet Scheich Ahmed Mansur in der Dokumentation von Maurice Philip Remy, die am Ende des Mogadischu-Abends im Ersten läuft. Der Schauspieler, der Mansur im Film spielt, sieht ihm sogar ein wenig ähnlich. Das ist insofern von Belang, als sich bis heute die Legende hält, der Flugkapitän habe in Aden türmen wollen. Von Belang ist auch, dass der PFLP-Stratege Wadi Haddad, der die Entführung von Bagdad aus geplant hatte und überwachte, im Nebenjob Agent des KGB war. Von Belang ist weiterhin, dass die Russen und ihre jemenitischen Vasallen mit einer Flugzeugentführung nicht in Verbindung gebracht werden wollten und schließlich - dass das Regime von Siad Barre in Somalia nur einen Monat vor der Entführung sämtliche sowjetischen Militärberater des Landes verwiesen hatte und neue Verbündete suchte. Der Bundesrepublik war die Erlaubnis, dass die GSG 9 die Landshut in Mogadischu stürmen durfte, Entwicklungshilfe von hundert Millionen Mark wert.
Die Geschichte, endlich erzählt aus der Sicht der Opfer
Bei diesem Film waren die Richtigen am Werk. Das sind neben dem Spiritus Rector Remy der historienversessene Produzent Nico Hofmann, die Mitproduzentin und Mitautorin Gabriela Sperl, der Regisseur Richter, der Kameramann Fink, der Cutter Bernd Schlegel, auch die Verantwortlichen beim SWR und der ARD-Filmtochter Degeto, die einsahen, dass man die Entführer der Landshut nicht deutsch sprechen lassen kann, sondern es nur in einem harten Englisch geht. Und schließlich die Besetzung: Nadja Uhl, die das Kunststück fertigbringt, zur selben Zeit die Stewardess Gabi Dillmann und die Terroristin Brigitte Mohnhaupt zu spielen (Die Schauspielerin Nadja Uhl), Herbert Knaup als GSG-9-Chef Ulrich Wegener, Simon Verhoeven als Copilot Jürgen Vietor, Jürgen Tarrach als Hans-Jürgen Wischnewski, Christian Berkel als Helmut Schmidt, Said Taghmaoui als Terrorist, Judith Engel als Monika Schumann, die Frau des ermordeten Piloten, und Thomas Kretschmann, der einen wahren Helden spielt, weil es hier nicht um irgendeine, sondern um eine wahrhaft emphatische Geschichte geht.
Um die Geschichte, die man endlich nicht mehr nur oder vor allem aus der Perspektive der Täter erzählen sollte, deren Hirnwindungen wir lange genug rekonstruiert haben - bis heute, da die taz an dem Tag, an dem bekannt wird, dass der RAF-Terrorist Christian Klar nach sechsundzwanzig Jahren Haft freikommt, die zynisch-doppeldeutige und gar nicht witzige Schlagzeile bringt: Klar bekommt Recht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ARD Degeto/Stephan Rabold, ddp, SWR/A. Kluge