Lavinia Wilson im F.A.Z.-Porträt

Man will ja nicht nur Sympathen spielen

Von Jan Freitag

Lavinia Wilson

Lavinia Wilson

27. November 2009 Dieser Frau gegenüberzusitzen ist eine Herausforderung. Dem Blick standzuhalten, ihrem Lächeln, der Stimme, der Mimik. Lavinia Wilson schüchtert ein. Ob sie nun will oder nicht. Eigentlich will sie nicht. Die Femme fatale ist ihre Paraderolle. Auf hohen Hacken, mit Verstand und kühler Berechnung treibt sie am kommenden Montag in dem ZDF-Film „Ein Dorf sieht Mord“ einen schreibblockierten Schriftsteller (August Zirner) vom Begehren zur Hörigkeit Richtung Wahnsinn. Als Großstadtfotografin Lotte fährt Lavinia Wilson mit Großstadtauto, Großstadtklappe, Großstadtkleidern für eine Reisereportage in die niedersächsische Provinz.

Doch statt schöner Bilder hinterlässt sie eine Blutspur, die ihre Motive in der „Freien Republik Wendland“ hat, jener Rebellion aus Lavinia Wilsons Geburtsjahr, die der Atomwirtschaft 1980 für ein paar Wochen in Gorleben zusetzte. „Der infiltrierende Film am Abend“, nennt das die Kernkraftgegnerin. „Wenn Leuten, die auf klassische Krimistoffe aus sind, subkutan historische Relevanz geliefert wird, hat ein solcher Stoff seine Wirkung erzielt.“

Die Akademikertochter mit altsprachlichem Abitur korrigiert sich: Subkutan, das klinge so blasiert, „unterschwellig“ sei besser. So oder so - Walter Webers Verfilmung, die auf Maarten 't Harts Roman „In unnütz toller Wut“ basiert, mag energiepolitische Kritik äußern; im Kern erzählt sie vom menschlichen Miteinander: zwischen dem bindungsunfähigen Schriftsteller (Zirner) und seiner Dauerfreundin (Corinna Harfouch), der Frau des Automechanikers (Denise Virieux) und dem Bürgermeister (Thomas Thieme), zwischen ihm und dem Literaten. Ein Durcheinander, ein Politikum ohne Politik, ein Krimi ohne Kommissar, eine Liebelei ohne Liebe. Vor allem aber ist es ein Film mit und für Lavinia Wilson, neunzig Minuten lang, ohne Unterlass.

Nicht nahrhaft, aber lecker

Noch werden ihr Rollen im Jugendfach zugewiesen. Schauspieler, weibliche zumal, gelten nach dieser Zählart im Fernsehen auch jenseits der dreißig als juvenil. Als ihr 2004 mit „Allein“ der Durchbruch gelang (siehe auch Im Kino: „Allein“), war Lavinia Wilson aber schon dreizehn Jahre im Geschäft. Für ihre „promiske Polytoxicomanin mit Borderline-Syndrom“, wie sie stolz schildert (“man will ja nicht nur Sympathen spielen“), erhielt sie den Max-Ophüls-Preis. Beachtlich, so ohne Ausbildung, ohne Bühnenerfahrung, nicht mal Schultheater.

Lavinia Wilson, Tochter einer Thüringer Politikwissenschaftlerin und eines Anthropologen aus Florida, musste 1991 zu ihrer ersten Rolle in „Leise Schatten“ noch überredet werden und tauchte dann nicht mal in der Besetzungsliste auf. Es folgten leichte Hauptrollen wie in der Teeniekomödie „Schule“, schwere Nebenparts wie in Dito Tsintsadzes Drama „Schussangst“, Serien-, Kurz-, Langfilmeinsätze, meist mit Niveau. Aber auch Durchhänger wie Oscar Roehlers Groteske „Jimi und Lulu“ oder der Pro-Sieben-Schocker „Tod aus der Tiefe“.

Wer bekannt werden wolle, könne sich derlei Hochglanzkommerz schwer verweigern, bekennt sie offen. Und sofern eine Haltung dahintersteckt, Reibungspotential, Leidenschaft, eine Vision, „kann Oberflächlichkeit sogar Freude bereiten“. Mehr jedenfalls als „hingerotzte Langeweile“. Oder die erste Hollywoodrolle der bilingualen Bayerin: Neben Charlize Theron im Science-Fiction-Remake „Æon Flux“. Ein Ausflug, gut für die Vita, mies fürs Ego. „Als unterbezahlte Komparsin auf dem Big-Budget-Set herumscheuchen und vielleicht rausschneiden lasse ich mich nicht wieder.“ Dann lieber kleine öffentlich-rechtliche Filme und zur Abwechslung ein Sprung über den eigenen Schatten zum Privatkanal, Augen auf und durch. Derlei Rollen seien wie Süßes: nicht nahrhaft, aber lecker. Wie viel davon verträglich ist, das bestimme ja immer noch sie selbst.

Das Authentische im Fiktiven

Solches Selbstbewusstsein, das weiß sie, werde oft als anstrengend und nervig ausgelegt. „Für Frauen ist es leichter, artig zu sein, aber so bin ich eben nicht.“ In der Tat. Lavinia Wilson lacht kerliger, spricht kehliger, wirkt kerniger, als man es erwartet von dieser zierlichen Person. Sie denkt schnell, redet schneller, verliert den Faden, so steigert sich die Fernstudentin der Philosophie in jeden Gedanken, immer eine Strähne in den Fingern, der Blick von schräg oben, dann von schräg unten, alles scheint Geste bei Lavinia Wilson und keine künstlich.

Als Kind habe sie ihre Sätze nur aufgesagt, aus Spaß an der Mimikry. Heute gelingt ihr die „emotionale Selbstmanipulation“ so gut, dass sie kaum spürbar ist. Und mit dem Alter nähmen die vielschichtigen, erwachsenen, gar mütterlichen Rollen zu. Dass sie sich trotzdem auf der Suche nach der „Natürlichkeit von damals“ wähnt, ist Koketterie, kaum jemand beherrscht das Authentische im Fiktiven wie sie. Ob als fragile Geschäftsfrau in „Frau Böhm sagt nein“, als fragile Männerfresserin in „Allein“, als fragile Partymaus in „Julietta“ oder jetzt als der fragile Vamp - stets gewährt ihr Spiel ein Recht auf Scheitern, das den Alleskönner-, Allesmacherinnen, den Lipstick- und Shareholder-Feministinnen ausgetrieben wird, von sich und allen anderen.

Deshalb will sie eine verklemmte Spießerin spielen, auch um ihrer Schublade zu entfliehen. „Immerhin steht geheimnisvoll plus Anspruch drauf.“ Unscheinbar, bürgerlich, normal - das seien die verlockenden Figuren. Und gar nicht so fern von ihrem wahren Ich. Seit neun Jahren ist sie mit dem Schauspieler Barnaby Metschurat liiert, sie leben in Kreuzberg. Die Femme fatale liegt ihr trotzdem. Ist ja nur eine Rolle.

„Ein Dorf sieht Mord“ zeigt das ZDF am kommenden Montag um 20.15 Uhr.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Dorothee Falke/Cinetext, obs, ZDF - Stephan Rabold, Zorro Film/ Cinetext

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