Fernsehen

Barbusig im Pool paddeln

Von Thomas Thiel

Herbert Flack (r.) als Pieter van In, Koen van Impe als Patrick Claes

Herbert Flack (r.) als Pieter van In, Koen van Impe als Patrick Claes

05. Juli 2009 Die Szene, in der Kommissar Pieter van In (Herbert Flack) am meisten bei sich zu sein scheint, sieht ihn ausgeruht, mit auf den Tisch gelegten Beinen, in Kriminalromanen schmökernd. Es ist nicht seine eigene Idee, sein Kollege brachte ihn darauf, in den Werken eines soeben ermordeten Schriftstellers nach Tathinweisen zu suchen. Es ist auch keine effektive Form der Ermittlung. In eigenwilliger Exegese finden beide nur, was sie längst ahnten. Van Ins Vergnügen liegt darin, dass er, Feind aller Dramatik, von jedem Aktionismus verschont und mit seiner Lektüre bequem auf Erkenntnishöhe bleibt.

Auf der Suche nach einem neuen Ermittler für seinen Sonntagskrimi ist das ZDF bei dem gediegenen belgischen Format „Mord in Brügge“ fündig geworden. Man kann sich an den mit Stil ergrauten Pieter van In leicht gewöhnen. Bedächtigkeit ist ihm auf den Leib geschrieben. Das moderne Leben kommt immer etwas überfallartig auf ihn zu, er trabt ihm hinterher, mehr von den Ereignissen als von eigener Initiativ vorangetrieben. Im aktuellen Fall muss er verkraften, dass ihm seine karrierebewusste Ehefrau als Untersuchungsrichterin vorgesetzt wird. Er quittiert es mit stirnrunzelndem Protest, eine kämpferische Note zieht nie in den Geschlechterkonflikt ein.

Ort tiefer Verderbtheit

Der „Fall Dreyse“, den van In in der ersten von drei Folgen zu lösen hat, ist ein aus gängigen Krimimotiven montiertes Konstrukt, das den Willen erkennen lässt, möglichst schweres Geschütz aufzufahren, um das beschauliche Brügge als Ort tiefer Verderbtheit glaubhaft zu machen. Der reiche Börsenmakler Patrick Claes (Koen Van Impe) ist mit der Russenmafia in Geldwäschegeschäfte verwickelt, die Kreise bis in die höchsten Etagen von Politik und Wirtschaft ziehen. Claes, ein Ausbund an Verklemmtheit, pflegt ein Fetisch für antike Waffen und lebt scheinbar beziehungslos neben seiner attraktiven Ehefrau Judith (Mireille Levecque) in abgeklärten Verhältnissen, in die ein Schriftsteller mit höheren Besitzansprüchen hineindrängt.

Es kommt zu Überfall und Mord, die Spur führt ins Hehler- und Rotlichtmilieu. Meist weht eine leicht schmuddelige Atmosphäre durch den Film. Man sieht einen Russenmafioso, der, wenn er sich nicht gerade zwischen seinem Handy und den Diensten einer Edelprostituierten entscheiden muss, in Ayurveda-Ambiente Votivtafeln bemalt; oder einen Kommissar, der verunsichert an der Seite seiner zielstrebigen Gattin durch einen Swingerclub tapst, das Nikotinpflaster deutlich sichtbar am Oberarm. Was daran Komik, was ernst gemeint ist, ist nicht leicht zu entscheiden.

Ohnehin bleibt vieles andeutungshaft, während anderes früh ausgesprochen wird, was erst die Handlung hätte zeigenmüssen. Einzig in der Beziehung zwischen dem Börsenmakler und seiner Frau deutet sich eine tiefere psychologische Dimension an. Die sinnliche Frau, die erst herausfordernd als barbusige Nixe aus dem Villenpool auftaucht, wird von ihrem Mann regelmäßig in den Luftschutzkeller gesperrt, was sie duldsam und zustimmend erträgt, während der Gatte einsam am Monitor ihren lasziven Posen im Kellergewölbe folgt. Mit der Auflösung der Morde löst sich die Verklemmung des Paares. Sie wird aber gleich wieder aufgefangenen von jener Beschaulichkeitt, mit der Pieter van In seine ganze Umgebung infiltriert.

Die erste Folge der Serie „Mord in Brügge - Die Affäre Dreyse“ läuft am Sonntag um 22 Uhr im ZDF.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marianne Houzet

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