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Zukunft von Amerikas Late-Night

Wer macht die Nacht zum Tage?

Jay Lenos Stern sinkt. Und auch sonst machen sich im Late-Night-Fernsehen Amerikas Ermüdungserscheinungen unter Letterman und Co. breit. Wer sich intelligent amüsieren will, der muss bis nach Mitternacht warten. Hier gibt es die neuen Köpfe.

Von Nina Rehfeld

Jay Leno gilt als der Langweiler der NationJay Leno gilt als der Langweiler der Nation

29. Juli 2010 

Barack Obama“, sagte Jay Leno vor einigen Tagen zu Beginn seiner Late-Night-Show auf NBC, „hat sich bei einer geschassten Mitarbeiterin des Landwirtschaftsministeriums entschuldigt und sie gebeten zurückzukommen. Das ist ja nichts Neues bei Präsidenten. Zuletzt ist das mit Bill und Hillary passiert.“ Das war die Pointe. Das Publikum lachte gequält.

Wenn man etwas zum Einschlafen sucht im amerikanischen Late-Night-Fernsehen, ist Amerikas Top-Talkmaster Jay Leno eine sichere Adresse. Seit 1992, als er das Format vom legendären Johnny Carson übernahm, macht der Sechzigjährige die „Tonight Show“ bei NBC, und wenngleich er sie immer schon eher mit Carsons Charme anstatt mit dem Biss seines CBS-Rivalen David Letterman führte - Leno hatte ihn bei der Carson-Nachfolge ausgebootet -, war seine Sendung doch einst gute Unterhaltung. Nicht mehr. Seit Leno im vergangenen Jahr die Hauptrolle im peinlichsten Skandal der amerikanischen Fernsehgeschichte spielte, als NBC eine Fernsehrevolution ausrief und beschloss, statt teurer Serien künftig Leno im 22-Uhr-Programm zu senden, gilt er als Langweiler der Nation. Das Experiment scheiterte dramatisch - Leno unterhielt mehr schlecht als recht, NBC liefen die Zuschauer davon, und als der Sender die Revolution nur wenige Wochen später rückgängig machte und Leno zurück ins Spätabendprogramm schickte, kantete er damit den designierten Nachfolger Conan O'Brien hinaus. Das kostete Leno, der seinen Rückzug zugunsten O'Briens bereits angekündigt hatte, weitere Sympathien - und Quoten. Während NBC vor Schreck über sein selbstinszeniertes Late-Night-Desaster immer noch wie gelähmt ist, leiert Leno onkelig und routiniert seine Show herunter - der Wachwechsel ist überfällig. Doch wo ist der nächste Leno?

Der Rivale Jay Leno hat ihn bei NBC aus dem Programm gekickt, also zieht Conan O'Brien mit einem Programm durch die Lande, das davon handelt, dass er im Fernsehn zurzeit keine Witze mehr erzählen darf.
Der Rivale Jay Leno hat ihn bei NBC aus dem Programm gekickt, also zieht Conan O'Brien mit einem Programm durch die Lande, das davon handelt, dass er im Fernsehn zurzeit keine Witze mehr erzählen darf.

Der einstige Kronprinz O'Brien, das Bauernopfer der NBC-Scharade, hat sich inzwischen ins Kabelfernsehen verabschiedet, wo er im November mit einer neuen Show bei TBS, dem Comedysender von Ted Turner, auftritt. David Letterman, der bei CBS seit 1982 „Late Night with David Letterman“ macht, zeigt ebenfalls Ermüdungserscheinungen - der Skandal um sexuelle Eskapaden des Moderators mit Mitarbeitern seiner Show projizierte das Bild eines selbstzufriedenen Fernsehfeudalfürsten, der den Respekt für sein Team und sein Publikum gleichermaßen verloren hat. Und Jon Stewart, der nach Publikumsumfragen mit seiner Nachrichtensatire „The Daily Show“ als bedeutendster Nachrichtenmacher Amerikas gilt, hat mehrfach bekundet, lieber weiter die Freiheiten seines kleinen Kabelsenders Comedy Central zu genießen, als sich den Einschränkungen der Networks unterwerfen zu müssen.

Ermüdungserscheinungen greifen um sich

Bleibt der Blick auf die jüngeren Talker, die zumindest bei CBS und NBC das Rahmenprogramm für die Stars machen. Als Faustregel gilt: je später, desto besser. Jimmy Fallon ist als NBC-Angestellter die augenfälligste Wahl für die Leno-Nachfolge. Fallon ulkte zuvor bei „Saturday Night Live“ und baute in verschiedenen Hollywoodfilmen Starstatus auf. 2008 folgte er Conan O'Brien im Nachtprogramm von NBC, während dieser sich auf die Übernahme von Lenos Show vorbereitete. Leider fehlt es Fallon an Esprit und Lebendigkeit. Der Fünfunddreißigjährige hat etwas Verschlafenes an sich, und manchmal wirkt er, als wäre er dreißig Jahre älter. Dass seine Show bisweilen ins Kindische abgleitet, ändert daran nichts. In einer Rubrik lässt Fallon zwei Publikumsfreiwillige gegeneinander antreten, einer liest einen Witz vor, der andere darf einen Mund voll Wasser über den ersten prusten. Im Übrigen bewegt er sich auf Leno-Niveau - gefällig und ohne intellektuelle Schärfe.

Facettenreicher sind die Auftritte von Jimmy Kimmel, der bei ABC seit 2003 „Jimmy Kimmel Live“ macht. Kimmels Witz ist schnell, respektlos und hat die Medienwelt selbst zum Ziel. Er liebt bizarre Momentaufnahmen aus der Medienlandschaft, und zu seinem „Expertenteam“ gehören ältere Mitarbeiter des studioeigenen Sicherheitsdienstes. Kimmels Onkel Frank und der Parkplatzwächter Guillermo Diaz erläutern regelmäßig Nachrichten aus Hollywood und der Tech-Welt - gern auch mal mit hinreißender Ahnungslosigkeit.

Die Zeit ist abgelaufen

Kimmels Sendung ist bissige Satire. Die Eilfertigkeit der Sender, Kraftausdrücke aus Angst vor Sanktionen der amerikanischen Medienbehörde FCC mit einem Piepser zu überblenden, persifliert er mit der wöchentlichen Rubrik „Unnötige Zensur der Woche“. Darin werden die Äußerungen von Politikern und anderen Personen der Zeitgeschichte auf eine Weise mit Piepsern versehen, dass sie wie grobe Obszönitäten wirken. Es ist auch ein Seitenhieb auf den eigenen Sender, der Kimmels Show unzutreffenderweise „Jimmy Kimmel Live“ nennt. Denn in Wirklichkeit entschloss sich ABC 2004 aus Angst vor dem losem Mundwerk des Zweiundvierzigjährigen, die Sendung lieber vorab aufzuzeichnen, um notfalls zensierend eingreifen zu können.

Kimmels zornige Satire kennt keine Grenzen. Als er einst Matt Damon einlud, kündigte er seinen Gast erst mit einer sehr langatmigen Einleitung an, um dann zu Damon zu sagen: „Es tut mir leid, aber unsere Zeit ist rum.“ Es war ein Seitenhieb auf die Talk-Tradition, prominente Gäste im Gegenzug für ihr Erscheinen ihr aktuelles berufliches Projekt bewerben zu lassen. Damon reagierte mit - gespielter - Verärgerung. Kimmel schließt seine Show seither mit den Worten: „Wir entschuldigen uns bei Matt Damon, dass die Zeit abgelaufen ist.“

Im Nachtprogramm vergraben

Jimmy Kimmel könnte Jay Leno herausfordernJimmy Kimmel könnte Jay Leno herausfordern

Kimmel ist gut, aber der beste unter Amerikas Talkern ist Craig Ferguson. Der Schotte, der bei CBS seit 2005 die „Late Late Show“ bestreitet, persifliert das eigene Format mit einer größtenteils improvisierten Show, die Elemente von Jon Stewart und Monty Python hat. Statt eines Stichwortgebers - üblicherweise der Studio-Bandleader - hat Ferguson ein Roboterskelett namens Geoff, das Einzeiler vom Band ertönen lässt, und manchmal nimmt er die Identität eines Stofftiers an.

In Fergusons Albernheiten liegt mehr Scharfsinn als in den vorgefertigten und abgelesenen Pointen seiner Konkurrenten. Der Achtundvierzigjährige hat seinen Spaß damit, die Show ad absurdum zu führen. „Ihr Applaus klingt ja fast, als wenn Sie es ernst meinten“, sagte er kürzlich zu seinem Studiopublikum. „Na ja, ich vermute, man hat Ihnen hier das Jubeln auf Befehl so gut eingeschärft, dass von nun an nur noch jemand mit dem Finger auf sie zeigen zu braucht, damit sie zu klatschen beginnen.“

Der beste unter Amerikas Talkern ist Craig FergusonDer beste unter Amerikas Talkern ist Craig Ferguson

Unflätige Ausdrücke kaschiert Ferguson mit einer französischen Flagge über dem Mund und einem scharfen „olala!“ (wahlweise gibt es auch italienische und spanische Flaggen). Hin und wieder gibt Ferguson mit ernster Miene zu bedenken, dass CBS die soeben gemachten Äußerungen in keiner Weise unterschreibt. Seine Interviewpartner müssen ihn fürchten, den Stapel bereitliegender Karteikarten mit Stichworten macht Ferguson zu Beginn jedes Gesprächs zu Konfetti. Ferguson macht Spaß, weil er seine Albernheiten ernst meint, wie Jon Stewart ringt er einem müden Format eine neue kluge Seite ab. Schade, dass man ihn im Nachtprogramm von CBS vergraben hat. Wer sich intelligent amüsieren will im amerikanischen Late-Night-Fernsehen, der muss bis nach Mitternacht aufbleiben. Davor kommt Jay Leno.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS

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