Nach Bombay und der Lehman-Pleite

Wie sag ich's meinem Kinde?

Von Tina Mendelsohn

Yehudit Rosenberg hält die Hand ihres Enkels Mosche - der zwei Jahre alte Junge hat seine Eltern bei den Terroranschlägen in Bombay verloren

Yehudit Rosenberg hält die Hand ihres Enkels Mosche - der zwei Jahre alte Junge hat seine Eltern bei den Terroranschlägen in Bombay verloren

03. Dezember 2008 Auf unserem Küchentisch liegen Adventskalender und Zeitung nebeneinander. Links der lachende Weihnachtsmann, zwei Türchen schon auf. Rechts das Zeitungsfoto des kleinen Mosche Holtzberg, blonde Locken, gerade zwei Jahre alt, verzweifelt weinend auf der Gedenkfeier für seine toten Eltern. Der Rabbiner Gavriel und seine Frau Rivka Holtzberg, die bei der Belagerung in Bombay von Terroristen erschossen wurden. Neben den Leichen seiner Eltern lag der kleine Mosche. Sein indisches Kindermädchen hört ihn, läuft in den Raum und trägt ihn hinaus. Wie soll man das verstehen und wie soll man das seinen Kindern erklären? Sie erfahren davon auf dem Küchentisch, im Fernsehen, in der Schule. Vielleicht muss man diese Geschichte noch eine Weile liegenlassen, aber andere Geschichten müssen erzählt werden, dringend.

Ich fand Ursula von Leyens Familiengeschichten immer toll. Ich vermisse sie. Schade, dass sie auf ihre Medienberater gehört hat: Bloß mit den sieben Kindern und dem Pony in keinen Talkshows mehr aufkreuzen, und auch keine Familiengeschichten mehr erzählen. Das war doch einmalig auf der Welt: eine Familienministerin mit sieben Kindern, Pony und Hund, die der Nation Geschichten erzählt. Haben wir nicht mehr. Aus und vorbei. Und selbst schuld! Der „Spiegel“ hatte ja als erster draufgehauen: Von der Leyens Familienidyll sei Show. Und Herr Plasberg setzte in „Hart aber fair“ noch einen drauf und platzierte die Ministerin, wie vor Gericht, neben Hillu, der Exfrau Gerhard Schröders und dem Schauspieler Horst Jansen und fragte: Wollten Sie etwa Kind dieser Mutter sein? Beide sofort: nein! Eine berufstätige Kinderreiche, im Fernsehen, vor allen Augen, auch den der eigenen Kinder, fertiggemacht. Danach gab es keine Geschichten mehr.

„Ich will keine schlechten Träume haben“

Gavriel Holtzberg und seine Frau Rivka hinterlassen den zwei Jahre alten Mosche

Gavriel Holtzberg und seine Frau Rivka hinterlassen den zwei Jahre alten Mosche

In Zeiten, in denen so viel zusammenbricht, nicht nur Wirtschaftliches, erzählen Geschichten vom Weiterleben. Geschichten, auch Familiengeschichten bilden ab, was es so gibt. Und bei uns gibt es wenig Familiengeschichten, überhaupt wenig Familie, schon gar keine öffentliche in der Politik. Man hat Besseres zu tun. Von diesem Gefühl ist das ganze Land ergriffen. Kinder sind privat und auch ein bisschen uncool. Wir haben vier Kinder und leben in London. Wer hier lebt, muss arbeiten, viel arbeiten. Familienzeit ist bei uns Geschichtenzeit am Abendbrottisch. Mitunter sind das nicht nur nette Geschichten. Ich sage also wieder mal beim Essen nur mit den beiden Großen, vierzehn und zehn Jahre alt, ich habe was gelesen, ich muss euch das erzählen. Sofort unterbricht mich die Zehnjährige: Ich will keine schlechten Träume haben. Ich will heute nacht gut schlafen. Leg los, sagt der Sohn. Es ist an der Zeit, finde ich, meine Kinder über die Finanzkrise in London aufzuklären.

„Dada, I miss you“, die Unterzeile war mir aufgefallen, als ich das „Wallstreet Journal“ las: „Papa, ich vermisse dich“. Ein Londoner Banker, 47 Jahre alt, auf dem Bild sehr sorgsam frisiert. Er sieht aus wie jemand, der immer erfolgreich war. Privatschule, Elite-Uni und dann arbeitete er als Hedge-Fonds-Manager bei Lehman Brothers in der Londoner City. Die Bank, die gerade pleite gegangen ist. In London 5000 Entlassene an einem Tag. Der Banker hatte vor ein paar Jahren ein dreistöckiges Haus in Chelsea gekauft, für mehrere Millionen Pfund. Er liebte Ordnung, erzählen Freunde, trug seine Banknoten immer in eine Richtung sortiert. Verheiratet war er mit einer Finanzjournalistin. Sie hatten einen achtjährigen Sohn. Er frühstückt mit dem Sohn und seiner Frau. Dann geht er los, fährt mit der Bahn eine halbe Stunde, raus aus der Stadt. Er steigt aus, wartet und macht einen Schritt nach vorn, auf die Gleise.

Was für eine Generation wächst hier heran?

Der Sohn hatte gleich verstanden: Selbstmord! Der hat ja gleich aufgegeben! Er hat seinen Job verloren und alles hingeschmissen. Dann überlegt der Filius kurz: Nicht einmal probiert hat er, sich als Penner durchzuschlagen. Er schüttelt den Kopf. In der Zeitung stand noch, mit einem befreundeten Ehepaar waren der Banker und seine Frau vor ein paar Wochen nach Italien gereist, auf ein Opern-Konzert. Schön sei es da gewesen. Das wollte man im nächsten Jahr wieder machen. Am Wochenende vor seinem Selbstmord hat er noch Tennis gespielt. Sein Partner fragte, wie es so geht nach dem Zusammenbruch der Bank. Schwierig, hat er geantwortet und dann zum Aufschlag ausgeholt. Der Banker hat keine Geschichten erzählt. Und die Geschichte eines Lebens weiter unten war ihm offenbar unerträglich.

Die Tochter seufzt und setzt sich auf meinen Schoß. Innerhalb von ein paar Wochen keine einzige unabhängige amerikanische Investmentbank mehr. Eine Welt bricht zusammen. Die Welt der Reichen und Betuchten, aber auch die haben Kinder. Es stellt sich heraus, Sohn und Tochter hatten offenbar doch so einiges mitbekommen. Sie erzählen, in den Zeitungen über andere Familiendramen gelesen zu haben: Ein Vater habe wegen des Firmenzusammenbruchs Frau und Kind erschossen. Der Sohn erzählt, viele Kinder in London würden jetzt aus ihren Privatschulen rausgenommen. Die Tochter fragt besorgt: Und wo gehen die dann hin? Die müssen doch zur Schule gehen? Der Sohn knapp: Staatsschulen. Die Kinder verabschieden sich zum Schularbeiten machen.

Was für eine Generation wächst hier heran? Keine heile Welt. Als 9/11 geschah, war der Sohn sieben, die Tochter drei Jahre alt. Hier in London war es der 7. Juli 2005, die Bomben explodierten fünfhundert Meter von unserer Wohnung entfernt. Und jetzt die Bilder aus Bombay. Ein paar Zeitungsseiten weiter lesen wir über den Zusammenbruch der Märkte und die Folgen. Die Bundesrepublik soll im nächsten Jahr die schlimmste Rezession erleben seit ihrer Gründung. Als wir aufwuchsen in der soliden jungen Bundesrepublik, da hat uns keiner Geschichten erzählt, schon gar keine Familiengeschichten. Dabei sind das Geschichten fürs Leben.

Tina Mendelsohn moderiert „Kulturzeit“ bei 3sat.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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